Ein Kinderspiel mit dem Zitate-Mosaik

María Cecilia Barbetta – Nachtleuchten Cover: S. Fischer

María Cecilia Barbettas Nachtleuchten ist wohl der Traum eines jeden Literaturwissenschaftlers. Die argentinisch-deutsche Autorin kombiniert autoreferenzielle und intertextuelle Bezüge zu einem Textgewebe, welches aus unzähligen roten Fäden gleich einen ganzen roten Teppich entstehen lässt. Dabei spielt sie gekonnt mit Wörtern, den Möglichkeiten eines veränderbaren Schriftbildes und auf inhaltlicher Ebene mit grausam-grotesken Anwandlungen eines Landes zwischen Diktatur und Demokratie.

von THOMAS STÖCK

Was haben Mutter Teresa, ein kleiner grüner Marsianer und Sherlock Holmes gemeinsam? Nun, in Nachtleuchten sind alle drei Kinder auf den Straßen der argentinischen Kleinstadt Ballester in den 1970er Jahren anzutreffen – und nehmen das, was die Erwachsenen so von sich geben, manchmal allzu wörtlich. Daraus entsteht in Nachtleuchten eine parallel zueinander verlaufende, duale Struktur: Während die Erwachsenen sich vor polizeilicher Verfolgung fürchten oder die neuesten politischen Entwicklungen besprechen, jagen die Kinder einen „Satür“ oder versuchen, das Verschwinden eines Katers mit dem Namen Seth aufzuklären. Die Kinderspiele stiften dabei ebenso viel Verwirrung innerhalb der Erwachsenenwelt, wie sie auf Kinderseite durch die undurchsichtigen, oftmals metaphorisch zu verstehenden Kommentare ihrer Eltern hervorgerufen wird.

Ein Beispiel hierfür ist der angesprochene „Satür“. Ariadna, eine der besten Freundinnen Teresas und überaus beliebt bei ihren Mitschülerinnen, ist einem solchen Wesen laut eigener Aussage begegnet. Die Erwachsenen befürchten, ein Exhibitionist habe sich vor ihren Augen entblößt; tatsächlich hat Ariadna bei einem Straßenkünstler ein Bild ihrer Mutter entdeckt, auf dem diese zu einem wildfremden Mann ins Auto steigt. Um ihren so entstehenden Schrecken erklärbar zu machen, erfindet sie die Geschichte von der Heimsuchung durch ein Fabelwesen. In der Klosterschule Instituto Santa Ana erklärt die Mère Supérieure den Kindern, bei dem „Satür“ handele es sich um einen Lustmolch. Darauf können sich die Kinder keinen Reim machen – was sie nicht daran hindert, es trotzdem zu versuchen: „‚Auch ich weiß nicht, was ein Molch ist, aber wenn man sich die Wortzusammensetzung anschaut, wird sofort deutlich, dass es nichts Gutes sein kann.‘“ Die Befürchtungen der Kinder, die der „Satür“ in ihnen hervorruft, klingen jedoch überraschend erwachsen. So stellt Cecilia, eine weitere Freundin der Protagonistin, fest: „‚Ich fürchte aber, wie am Vorabend der Französischen Revolution ist man auf dem besten Wege, die Privilegien abzuschaffen, Teresa.‘“

Spiel mir das Lied von der Intertextualität

Als Basis für diesen verworren erscheinenden Handlungskomplex nutzt Barbetta eine Fülle von intertextuellen Bezügen. Das Verweissystem beginnt bereits beim Aufbau des Buches, welches sich an der Unterteilung von Dante Alighieris Göttlicher Komödie orientiert: Insgesamt 3 Großkapitel sind in 33 Unterkapitel unterteilt, hinzu kommt ein abschließendes 100. Kapitel. Während im ‚biblischen‘ ersten Teil der Erzählung insbesondere die Heilige Schrift sowie christliche Sagen die Entscheidungen der Klosterschülerinnen beeinflussen, stehen im dritten Teil Gespenstergeschichten im Vordergrund. Hierbei begünstigt einmal mehr ein Missverständnis einen Konnex zwischen den Mystikern des 19. Jahrhunderts und einer 1848 aufkommenden politischen Großbewegung, dem „Gespenst“ des Kommunismus. „‚Kommunisten sind Gespenster, die sich manifestieren […].‘“ Bisweilen sind Kommunisten aber auch nur Journalisten beim Ballester Lokalanzeiger.

Barbettas Anspielungsreichtum findet seine Fortsetzung fernerhin in der Namensgebung der Figuren. So finden sich unter ihnen ein Staatsminister, der als argentinischer Rasputin charakterisiert wird, und ein Polizist namens Aguirre (Aguirre – Der Zorn Gottes, Film von 1972) begegnet Dirty Harry. Ein regelmäßig verbeultes Auto und ihr mangelndes Fahrvermögen handeln Ariadnas Mutter Lara folgenden Spitznamen ein: „‚Lara Kiri würde ich sagen. Selbstmörderischer Fahrstil. Rette sich, wer kann.‘“ Diesen wenig rühmlichen Titel verleiht ihr Álvaro, Mitarbeiter in der Kfz-Werkstatt „Autopia“. Er seinerseits wird „Autor-Mechaniker“ genannt – immerhin ist er laut eigener Aussage autodidaktischer Autor, der nicht nur Autobiografisches schreibt.

Metapoetik und jede Menge Experimente

Im Übrigen ist „Auto“ ein gutes Stichwort: Nachtleuchten strotzt nämlich nur so vor Autoreferenzialität, beispielsweise unter Bezugnahme auf die Kapitelanzahl. Das 33. Kapitel eröffnet Teresas Vater mit den Worten „‚Sagen Sie 33.‘“ Der Betreiber von „Autopia“ ist 66 Jahre alt und in seiner Werkstatt findet sich eine Tabelle mit 99 Lottozahlen. Ein weiteres Schmankerl dieser Art bietet treffenderweise ein Buch mit dem Namen Blutwunder und Wunderzeichen, in dem sich der Satz „‚Gott ist rot‘“ findet. „Nach 145 rückwärtsgeblätterten Seiten wurde das Beweisstück zurückgegeben, und spätestens dann mussten sogar die Skeptikerinnen ihren Augen Glauben schenken. Auch diejenigen Schülerinnen, die nicht blindlings den Aussagen der Bloody Marys vertrauten, sondern wie der ungläubige Thomas sich selbst ein Bild machen wollten […], mussten eingestehen: Der Kommentar […] war ein bis auf weiteres letzter Wink […].“ Bemerkenswerterweise hat Barbetta nicht nur exakt die 145. Seite ihres eigenen Buches in den Absatz integriert.

Doch auch an diesem Punkt haben sich die Eingebungen der Virtuosin an der Schreibfeder noch nicht erschöpft. Auf den Straßen der argentinischen Kleinstadt begegnen Figuren und dem Leser gleichermaßen diverse Gegenstände, die beschriftet sind. Deren Darstellung findet wiederum Eingang auf die Buchseiten und so kommt es, dass Straßenschilder und Zeitungstexte, Forschungsberichte und Buchseiten im Schriftbild besonders abgesetzt sind. Gleiches gilt für schriftlich abgebildete Geräusche, die von Lautmalereien der Klosterschülerinnen während eines Spiels über das Flüstern von Stimmen bis hin zur Nachzeichnung einer Autofahrt inklusive eines Unfalls reichen. Während insbesondere die Autofahrt an die lautmalerischen Experimente der italienischen und russischen Futuristen erinnern, sind manche Veränderungen im Schriftbild dagegen dauerhaft störend. Die kleiner werdende Schrift beim Flüstern ist für einige Rezipienten wohl nur schwer entzifferbar und in einem anderen Kapitel erschweren Auslassungszeichen das korrekte Verständnis der Sätze. Ob diese (oder gar das Kapitel an sich) inhaltlich überhaupt relevant sind, mag bei der Kürze dieses Kapitels zur Debatte stehen. Ein bis auf den Autornamen durch zahlreiche X-e vollständig unkenntlich gemachter Zeitungsartikel ist mit drei Buchseiten immerhin doppelt so lang wie das besagte Kapitel.

Der Zusammenfall von Spiel und Ernst

Mit der spielerisch-kindlichen Natur ihres Romans vermittelt Barbetta ein ernstes Anliegen. Ihr fiktives Argentinien ist ein zerrissenes Land, in dem Misstrauen den Alltag bestimmt. In dieser Welt finden sich die kindlichen Figuren nur schwerlich zurecht, da sie hinter den Intrigen und Versteckspielen der Erwachsenen eine Aufrichtigkeit vermuten, die diese zumeist gar nicht zu leisten imstande sind. Barbetta gewährt in Nachtleuchten Einsicht in eine zerrüttete Welt, die Kinderaugen gänzlich anders begreifen – wie es in Romanen über Kriegstraumata oder ähnlich tief reichenden Erlebnissen häufig angewendet wird. Das Verständnis für eine vermeintliche oder tatsächliche „Wahrheit“ ist dabei auch für den Leser nur schwerlich zu entwickeln. Zu detailreich ist dabei das Zitate-Mosaik (im Sinne Julia Kristevas), welches Barbetta auffährt, um eine einseitige Lesart zu vermeiden.

Wer sich an eine Interpretation dieses Romans heranwagt, wird schon bald auf Schwierigkeiten stoßen. So ließe eine Art Rückwärtserzählung von Dantes Göttlicher Komödie einen Abstieg aus dem himmlischen Paradies, der Kinder-Idylle im Kloster, erwarten – doch Ballester ist nicht die Hölle auf Erden. Auch Nathaniel Hawthornes Bücher, die mitsamt ihren Gespenstern Nachtleuchten sogar namentlich bevölkern, sind nur ein Teil der ‚Wahrheit‘. An ebendiese führt vielleicht eher ein Zitat aus dem Roman höchstselbst heran, als es die Deutung der intertextuellen Verweise vermögen. So regt uns ein einfaches Straßenschild mit einem leicht modifizierten Text zum Nachdenken über die kleinen und großen Weisheiten an, die unseren Alltag bevölkern: „AUSFAHRT FREIHALTEN / FREIHEIT AUSHALTEN“.

María Cecilia Barbetta: Nachtleuchten
S. Fischer, 528 Seiten
Preis: 24,00 Euro
ISBN: 978-3-10-397289-4

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s