Kurzatmiger Tony in kurzweiligem Musical

„West Side Story“ am Theater Dortmund Foto: Anke Sundermeier, Stage Picture

Die Musik- und Bühnenwelt feiert 2018 Leonard Bernsteins 100. Geburtstag. Obwohl dieses Jahr auf den Spielplänen weltweit zahlreiche Bernstein-Produktionen auftauchten, hielt man sich ausgerechnet mit seinem größten Erfolg, der West Side Story, erstaunlich lange zurück. Nur an fünf deutschen (und 18 internationalen) Opernhäusern fanden Aufführungen statt. Unter den fünf deutschen Produktionen sind immerhin zwei Premieren im Bernstein-Jahr zu verzeichnen. Eine halbe Premiere feiert nun auch das Theater Dortmund. Kostüme und Requisiten sowie einen Teil der Hauptbesetzung nahm Regisseur Gil Mehmert vom Domplatz Open Air 2017 aus Magdeburg mit ins Ruhrgebiet, wo das nun über 60 Jahre alte Stück für ausverkaufte Vorstellungen sorgt.

von STEFAN KLEIN

Es ist eine Geschichte, wie sie nur das Theater erzählen kann: Tony (bei der besprochenen Vorstellung vom 30.11.18: Anton Zetterholm), Gründungsmitglied der New Yorker Straßengang „Jets“, verliebt sich bei einer nachmittäglichen Tanzveranstaltung Hals über Kopf in die schöne Maria (hier: Sybille Lambrich). Das Fatale: Sie ist die Schwester von Bernardo (Sascha Luder), dem Anführer der verfeindeten puerto-ricanischen „Sharks“. In den folgenden zweieinhalb Stunden geht es um grenzenlose Liebe, kulturelle Engstirnigkeit und vor allem ums Erwachsenwerden. Wer aufgepasst hat, wird merken: Jerome Robbins, Ideengeber, Choreograf und Regisseur der Uraufführung von 1957, erfand zusammen mit Leonard Bernstein eine zeitgemäße Adaption von Shakespeares Romeo and Juliet. Nun bezieht sich das Wort „zeitgemäß“ zwar auf das Ende der 1950er Jahre, doch hat die Geschichte auch 2018 noch höchste Relevanz. Interkulturelle Liebesbeziehungen sind schließlich auch heute noch einigen Menschen ein Dorn im Auge.

Gil Mehmert unterstreicht die zeitlose Relevanz mit seiner Entscheidung, die Inszenierung nicht eindeutig einer Epoche zuzuordnen. Damen in Petticoats tanzen hier mit Jungs in Band-T-Shirts aus den 90ern (Kostüme: Falk Bauer) vor einer alten Tankstelle, die ihre besten Zeiten in den 50er-Jahren gehabt haben dürfte (Bühne: Jens Kilian).

"West Side Story" am Theater Dortmund Foto: Anke Sundermeier, Stage Picture

„West Side Story“ am Theater Dortmund Foto: Anke Sundermeier, Stage Picture

Musik auf höchstem Niveau

Über die Zeitlosigkeit von Leonard Bernsteins wundervoller Musik muss nicht gestritten werden. Bernstein schuf mit seiner West Side Story ein Werk, das sich irgendwo zwischen Oper, Operette und Musical einordnet und damit Genre- und Stilgrenzen sprengt. Herzzerreißend schöne kunstvolle Melodien stehen hier neben jazzigen Latinorhythmen. Dirigent Philipp Armbruster entlockt den Dortmunder Philharmonikern einen Klang, der wahrscheinlich auch Bernstein zufrieden gestellt hätte.

Eine Besonderheit an der Musik der West Side Story ist zweifellos, dass sie viel Raum für Tanz lässt. Dies war sicher der Zusammenarbeit mit Jerome Robbins geschuldet, der für die New Yorker Uraufführung sowie für die Filmversion von 1961 eine inzwischen legendäre Choreografie erschuf. Jonathan Huor tat in Dortmund gut daran, für seine Choreografie immer wieder auf das prägnante Original zu schielen. Markante Sprünge, ballett-artige Kämpfe und dynamische Bewegungen erinnern immer wieder an Robbins, doch Huor hängt sich nicht sklavisch an das Bekannte: Er streut vielmehr immer wieder maßvoll Bilder ein, die dem Zuschauer das wohlige Gefühl des Bekannten geben. Eine West Side Story ohne die schnipsenden Hocksprünge der Jets wäre halt auch keine West Side Story.

Das gesamte Tanz- und Gesangsensemble ist durchgehend motiviert und bewegt sich energisch durch den langen Abend. Bei den etwas größeren Nebenrollen bleiben auf Seiten der Jets vor allem Action (hier: Pascal Cremer) und Baby John (Jan Rogler) in Erinnerung. Sowohl Spiel als auch Gesang und Tanz werden ihren wichtigen Funktionen innerhalb des Stückes gerecht, sodass sich die jungen Darsteller in Zukunft für größere Aufgaben empfehlen. Auch Markus Schneider kann als Riff einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Bei den befeindeten Sharks spielt sich Sascha Luder als Bernardo in den Vordergrund. Hier ist es der Vorlage geschuldet, dass die anderen Sharks vor allem als Ensemble in Erscheinung treten.

Eine der emotionalsten Szenen trägt Esther Conter als Anybodys. Die „Somewhere“-Traumsequenz ist sowohl optisch als auch musikalisch wundervoll inszeniert: Während Tony und Maria kaum noch Hoffnung sehen, erträumen sie sich eine Welt, in der beide Gangs friedlich miteinander leben.

Deutsch? Englisch? Beides!

Anton Zetterholm gibt seinem Tony stimmlich einen modernen Anstrich, der der Rolle gut stehen würde, käme er zu den Höhepunkten der Lieder nicht immer wieder ans Ende seiner Kräfte. So wirkt Tony hier und da etwas kurzatmig. Auch die Chemie mit der Maria des Abends, Sybille Lambrich, stimmt nicht immer. Diese kommt darüber hinaus leider ebenfalls stimmlich und darstellerisch bei der ausgewiesen anspruchsvollen Partie an ihre Grenzen.

Gil Mehmerts Entscheidung, zwar deutsch sprechen, aber englisch singen zu lassen, ist etwas fragwürdig. Manches Lied wirkt so wie ein (wohlklingender) Fremdkörper. Die große Stärke der West Side Story, die Lieder aus der Handlung heraus zu begründen und fließend miteinzubinden, geht so jedoch oftmals verloren. Nun wollte man wahrscheinlich das Publikum nicht mit den eher unbekannten deutschen Songtexten überraschen, doch wäre dies ein zwar mutiger, aber immerhin konsequenter und wirklich spannender Kniff gewesen.

Trotz dieser Einschränkungen, die in einem anderen Stück sicher die Freude am Besuch verdorben hätten, ist die West Side Story in Dortmund einen Besuch wert. Und das unabhängig davon, wer nun Teil der Abendbesetzung ist (Anton Zetterholm teilt sich die Rolle mit Philipp Büttner, Sybille Lambrich spielt die Maria alternierend zu Iréna Flury). Denn: Gil Mehmert schafft es, das Musical unter den Musicals frisch und relevant ins Jahr 2018 zu bringen.

 

Informationen zur Inszenierung
 
 
Nächste Vorstellungen:
 
Donnerstag, der 6. Dezember
Samstag, der 8. Dezember
Freitag, der 14. Dezember

 

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