Die Redaktion empfiehlt…

Frohe Weihnachten! Foto: Aaron Burden (Unsplash)

Frohe Weihnachten! Foto: Aaron Burden (Unsplash)

Wieder ist ein Jahr vorüber und Weihnachten steht vor der Tür. Es ist also höchste Zeit, eine inzwischen liebgewonnene Tradition fortzuführen und Euch Tipps unserer Redaktion zukommen zu lassen, mit welcher Lektüre Ihr das alte Jahr beenden oder das neue Jahr beginnen solltet. Wir wünschen Euch und Euren Liebsten entspannte Feiertage und lauschige Lesestunden!


ALINA WOLSKI

Sylvain Tesson - In den Wäldern Sibiriens Cover: btb

Sylvain Tesson – In den Wäldern Sibiriens Cover: btb

Sylvain Tesson: Dans les forêts de Sibérie (In den Wäldern Sibiriens)

Sibirien – im Winter scheint es nahezu nur aus Eis, Kälte und Schnee zu bestehen. Auf der Suche nach Einsamkeit und Freiheit zieht der französische Autor Sylvain Tesson im Februar 2010 aus seiner Pariser Heimat für ein halbes Jahr in eine Holzhütte an den Baikalsee, fünf Tagesmärsche von dem nächsten Dorf entfernt. Fast täglich führt er Tagebuch über seinen Alltag, der größtenteils aus Lesen, Nachdenken und elementaren Pflichten besteht. Dabei bildet sich ein intelligentes Stück Literatur mit vielen philosophischen und literarischen Verweisen heraus, das besonders in der dunklen Winterzeit zum Nachdenken und Träumen anregt.

(Französischsprachige Ausgabe: Folio 2011, 290 Seiten, 7,80 Euro.
Deutschsprachige Ausgabe: btb 2015, 272 Seiten, 9,99 Euro.)

 

Erika Fatland: Sowjetistan – Eine Reise durch Turkmenistan, Kasachstan, Tadschikistan, Kirgisistan und Usbekistan

Man könnte den Eindruck haben, Zentralasien ähnelte einer Terra Incognita, so selten wie über diese vergleichsweise doch sehr große Region berichtet wird. Erika Fatland räumt in Sowjetistan mit diesem und anderen Vorurteilen auf: Sie nimmt den Leser auf eine persönliche Reise in fünf der Postsowjetischen Länder, ihre tiefgründigen Geschichten und spezifische Eigenheiten mit, ohne zu belehren. Auf jeder Seite der Reportage sind Neugierde und Leidenschaft der Autorin erkennbar. Eindeutig ein unterhaltsames und lehrreiches Werk zugleich, das längst überfällig war und das Potenzial in sich trägt, das Bewusstsein für die Region zu stärken.

(Suhrkamp 2017, 511 Seiten, 16,95 Euro.)

 


ANNIKA MEYER

Harper Lee - Wer die Nachtigall stört Cover: Rowohlt

Harper Lee – Wer die Nachtigall stört Cover: Rowohlt

Harper Lee: To Kill a Mockingbird (Wer die Nachtigall stört)

In die scheinbar idyllische Kindheit der raufbegeisterten Jean Louise „Scout“ Finch und ihres Bruders Jeb dringt der rassistische Alltag ein, als ihr Vater Atticus als Anwalt den Fall eines Afroamerikaners übernimmt, der einer Vergewaltigung bezichtigt wird. Harper Lees Roman über das Heranwachsen im fremdenfeindlichen Alabama Anfang der 1930er hat auch fast 60 Jahre nach seinem Erscheinen nichts von seiner Aktualität, Brillanz und sprachlicher Leichtigkeit bei gleichzeitiger thematischer Komplexität verloren.

Für jüngere Lesende, Comicbegeisterte und andere Interessierte gibt es das Meisterwerk seit letztem Monat auch als Graphic Novel zu erwerben. Liebevoll illustriert und bearbeitet von Fred Fordham, orientiert sich diese Ausgabe eng an Lees Romanhandlung und versucht auch, das kindliche Erzählen von Scout wiederzugeben. Eine schöne Alternative zum Roman, auch wenn dessen Lektüre nicht ausbleiben sollte.

(Englischsprachige Ausgabe: Arrow 2010, 320 Seiten, ca. 7,49€.
Deutschsprachige Ausgabe: Rowohlt 2016, 448 Seiten, 9,99 Euro.
Graphic Novel: Rowohlt 2018, 288 Seiten, 20,00 Euro.)

 

Liv Strömquist: Der Ursprung der Welt

Obwohl ich keine Fachkundige der Graphic Novel bin, möchte ich dieses Jahr noch ein zweites gezeichnetes Meisterwerk empfehlen. Liv Strömquists Der Ursprung der Welt (im schwedischen Original Kunskapens frukt, 2014) zeichnet sich durch vornehmlich schwarz-weiß gezeichnete Panels aus, in denen nicht nur Comiczeichnungen der feministischen Künstlerin zu sehen sind, sondern u. a. auch Fotos von antiken Abbildungen und andere künstlerische Auslegungen des weiblichen Geschlechts. Durch eine wunderbar sarkastische Erzählerin und herrlich zynische Kommentare rechnet Strömquist u. a. mit vielen Männern ab, „die sich zu sehr dafür interessieren, was als ‚das weibliche Geschlechtsorgan‘ bezeichnet wird“, führt den historischen und den fragwürdigen modernen gesellschaftlichen Umgang mit der Menstruation vor Augen und klärt über viele Irrtümer und Missstände auf. Witzig, kreativ, wachrüttelnd und auf brutale Weise ehrlich – dieser Comic ist so vielseitig wie sein komplexes und spannendes Grundthema.

(avant-Verlag 2017, 140 Seiten, 19,95 Euro.)

 


HELGE KREISKÖTHER

Iris Wolff - So tun, als ob es regnet Cover: Otto Müller Verlag

Iris Wolff – So tun, als ob es regnet Cover: Otto Müller Verlag

Iris Wolff: So tun, als ob es regnet

Dieser 2017 veröffentlichte „Roman in vier Erzählungen“ (mit den Überschriften Budapest?, Elemérs Garten, Eine Zitrone im All und Wölfe und Lämmer) verströmt eine unvergleichliche südosteuropäische Melancholie. Iris Wolff, die in Siebenbürgen geboren wurde, über viele Jahre für das Marbacher Literaturarchiv gearbeitet hat und Novalis ihren Lieblingsautor nennt, gelingt es, über das gesamte 20. Jahrhundert hinweg – angefangen 1916 mitten im Ersten Weltkrieg – eigenwillige, miteinander verwobene Figuren, Familien und deren Schicksale nachzuzeichnen, ohne dabei in die Großspurigkeit von Büchern wie Cloud Atlas auszuarten. Die vagen Situationen und flüchtigen Momente, die Unvorhersehbarkeit des Lebens, aber auch des Todes stehen in diesem Band, der nach der rumänischen Wendung „Se face ă plouă“ benannt ist, im Fokus. Und so fällt es trotz der stets sehr kurzen Sätze nicht schwer, sich in Protagonisten wie Henriette auf ihrer Suche nach der „Gesellschaft der Schlaflosen“ oder Vicco, der zu sterben und deshalb die Mondlandung der Amerikaner zu verpassen glaubt, hineinzuversetzen.

(Otto Müller Verlag 2017, 166 Seiten, 20 Euro.)

 

Antoine de Saint-Exupéry: Der kleine Prinz

2019 wird sich der Todestag des viel zu früh verstorbenen Berufspiloten und Hobby-Schriftstellers Saint-Exupéry zum 75. Mal jähren. Seinen Petit Prince, der 1943 in New York sowohl in französischer als auch in englischer Sprache erschien, als weihnachtliche Lektüre zu empfehlen, darf wohl kaum originell genannt werden, denn seit etlichen Generationen von Lesern jedweder Altersgruppe genießt er eine beispiellose Popularität – nur Heidi, Peter Pan und Pippi Langstrumpf spielen in derselben Liga sogenannter „Kinderbuchklassiker“. Umso wichtiger jedoch, dass die zeitlos anrührenden, mit poetischer Einfalt erzählten Episoden aus dem Leben des neugierigen Prinzen vom Asteroiden B 612 weitergelesen und -erzählt werden. Kaum etwas ist für unsere konfuse Zeit schließlich so essenziell wie jene Erkenntnis, die der Fuchs seinem Besucher mit auf den Weg gibt: „On ne voit bien qu’avec le cœur“ – „Man sieht nur mit dem Herzen gut“.

(Zweisprachige Ausgabe: Anaconda 2018, 192 Seiten, 4,99 Euro.)

 


THOMAS STÖCK

Susanne Röckel - Der Vogelgott Cover: Jung und Jung

Susanne Röckel – Der Vogelgott Cover: Jung und Jung

Susanne Röckel: Der Vogelgott

Im Frankenstein-Jahr 2018, dem 200. Jahrestag von Mary Shelleys Erstling, sind Lektüren des Prometheus-Mythos praktisch Pflicht. Susanne Röckels Adaption ist es dieses Jahr sogar gelungen, als Underdog bis auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises vorzudringen, wo sie jedoch die Waffen strecken musste vor dem favorisierten Roman Archipel – zumindest mit Blick auf die erzeugte Atmosphäre muss man feststellen: zu Unrecht!

An der Seite Familie Weydes dringt der Leser vor in eine menschenfeindliche Welt mit bedrückender Atmosphäre. Eine Aura des Bösen scheint das Familienoberhaupt Konrad und seine Kinder zu erfassen. Mit manischem Eifer dringen die Hobbyornithologen und -forscher der Familie in nie zuvor erschlossene Gebiete von Kunst und Wissenschaft vor – die Büchse der Pandora ist geöffnet.

(Jung und Jung 2018, 272 Seiten, 22,00 Euro.)

 

Christa Wolf: Medea. Stimmen

Einen ähnlichen weiten Weg wie Prometheus hat auch der Stoff des folgenden Romans zurückgelegt. Nach der überaus erfolgreichen Publikation von Kassandra im Jahr 1983 betritt Christa Wolf 1996 mit Medea. Stimmen erneut mythisches Terrain. Geändert sind jedoch die Vorzeichen, unter denen ihr Buch erscheint: Nicht länger ist sie schriftstellerische Dissidentin des Unrechtsregimes, sondern aufgrund ihrer Erzählung Was bleibt – und weil Marcel Reich-Ranicki sie dazu abstempelt – die „Staatsdichterin“ der untergegangenen DDR.

Die so getadelte Autorin geleitet den Leser keineswegs in ruhigere Fahrwasser: Auch am Schwarzen Meer warten Politiker mit Intrigen, Mord und Lügen auf. In deren Mitte befindet sich die renitente Königstochter Medea, die aus ihrer Heimat Kolchis die Flucht ins ferne Korinth ergreift – nur um festzustellen, dass sie vom Regen in die Traufe, vom einen Unrechtsstaat in den anderen migriert ist. Und als wäre dies nicht genug, wird sie dort auch noch mit Anschuldigungen konfrontiert, sie habe daheim ihren eigenen Bruder getötet. Hanebüchene Behauptungen, um die es sich da handelt, das ist jedem bewusst – doch ist für die Wahrheit nur wenig Platz in einer Gesellschaft am Rande des Abgrunds. An Stelle dramatischer Dialoge treten bei Wolf Monologe, die einem weiteren Personenkreis eine Rechtfertigung erlauben: Die Stimmen sprechen für sich selbst – und emanzipieren sich so von ihren mythischen Vorbildern.

(Suhrkamp 2010, 254 Seiten, 9,00 Euro.)

 

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