Wir sind Hamlet

"Hamlet" am Düsseldorfer Schauspielhaus   Foto: Sandra Then

„Hamlet“ am Düsseldorfer Schauspielhaus Foto: Sandra Then

Ein schillernder Prinz, der vom Tod seines Vaters in den Wahnsinn getrieben wird, zieht das Publikum im Düsseldorfer Schauspielhaus in seinen Bann und zeigt das Leben und die Menschlichkeit in all ihren Abgründen. Christian Friedel, seine Band Woods of Birnam und das Ensemble zeigen in Roger Vontobels Inszenierung ein facettenreiches Schauspiel, das mehr als nur einmal die Stimmung eines Poprock-Konzerts hervorruft.

von JASMIN GIERLING

Auf den Brettern, die die Welt bedeuten, wird der Hamlet-Stoff seit der Uraufführung 1609 regelmäßig präsentiert, in moderner Literatur häufig intertextuell verarbeitet – und das, obwohl es keinen autorisierten Text des Stückes gibt. Der englischsprachige, allgemein bekannte Hamlet stellt eine Synthese dreier Editionen dar und keineswegs das finale Shakespeare’sche Drama.

Trauer, die in den Wahnsinn führt, Rache, die in diesem konstruiert wird. Schließlich geht es in Hamlet um das Leben – und um den Tod. Der Prinz von Dänemark ist Halbwaise. Seine Mutter fand bereits kurz nach dem Tod seines Vaters ihr neues Glück in dessen Bruder, Hamlets Onkel, der somit König wurde. Als Geist erscheint der Tote wiederum seinem Sohn und klärt ihn über die Umstände seines Ablebens auf: Mord durch den Bruder. Sühnen soll dieser mit selbigem Schicksal, gerächt durch den eigenen Sohn. Irrtümlich trifft Hamlets Todesstoß jedoch Polonius, dessen Tochter Ophelia in den jungen Prinzen verliebt ist und die ebenfalls der Tollheit durch den Tod des Vaters verfällt. The Mousetrap, das berühmte Stück im Stück, das Hamlet selbst für seinen Onkel inszeniert, um ihm zu zeigen, dass der Brudermord nicht unaufgeklärt und ohne Konsequenzen bleibt, dient als Bühne für den Protagonisten. Die Figur Hamlet schwebt getrieben von Rache im Wahn – oder verhält es sich umgekehrt?

Frischer Anstrich

Neu in Düsseldorf, doch bereits ein „alter Hase“ unter den deutschen Inszenierungen, konnte Vontobels Hamlet bereits 2012 am Schauspielhaus Dresden Premiere und später auch internationale Erfolge feiern. Neubesetzungen der Rollen mit dem Düsseldorfer Ensemble sowie eine Anpassung des Bühnenbilds an den anderen Theaterraum geben der Inszenierung indessen einen frischen Anstrich. Hauptdarsteller Christian Friedel, der in Düsseldorf auch bekannt ist als Nathanel in Der Sandmann, und seine Band Woods of Birnam laufen darstellerisch wie musikalisch zur Hochform auf. Verstecken müssen sich aber auch die übrigen Darsteller nicht – wie man es von diesem Ensemble gewohnt ist. Cennet Rüya Voß etwa spielt wunderbar den wahnsinnigen Sturz der Ophelia und wird beim Schlussapplaus ordentlich dafür belohnt. Psychotisch sich in den Freitod stürzend, naiv verliebt in den dänischen Prinzen, oder als Femme-fatale-Totengräberin verführend düster – Voß glänzt in jeder Facette. Auch Christian Erdmann, als Onkel Claudius in der Mausefalle gefangen und emotional entblößt auf großer Videoprojektion, brilliert in dieser Nebenrolle.

Die Bühne ist inversiv und schablonenhaft zugleich. Ein Steg führt einige Reihen in den Zuschauerraum hinein, der Bühnenraum ist verkleidet mit einer Balkonfassade. Diese führte zu Dresdener Zeiten die Gestaltung des Theatersaals weiter, überwand die Trennung von Zuschauer- und Bühnenraum. Das Haus am Gustaf-Gründgens-Platz lässt diese Illusion aufgrund seiner weitaus weniger historistischen Architektur nicht zu, dementsprechend wurde auch die Schlossfassade in ihrer ursprünglichen Ornamentik reduziert. Zunächst verspricht die Bühne also vielmehr ein zweidimensionales Konzerterlebnis, als Theater mit Tiefgang. Nach dem Umbau werden aber die Möglichkeiten des Hauses ausgeschöpft und wortwörtlich das ganze Theater bespielt.

Vontobel inszeniert nicht nur in den Zuschauerraum hinein, indem er die Bühne in diesen eindringen lässt und das Publikum sprachlich adressiert, sondern nutzt auch den Theaterraum hinter der Schlossfassade. Videodesign, das auf die flache Fassade projiziert wird, zeigt den Zuschauern, was hinter dem Balkonvorhang im Schloss passiert. Die Darsteller spielen auf einer alles andere als illusionistischen Bühne. Parallelität der Handlung wird multimedial sichtbar, die Theatersituation transparent gemacht.

"Hamlet" am Düsseldorfer Schauspielhaus   Foto: Sandra Then

„Hamlet“ am Düsseldorfer Schauspielhaus Foto: Sandra Then

„I’ll call thee Hamlet“

Vontobel bringt einen musikalischen und modernen Hamlet ins Rheinland. Wie ein Rockstar lässt sich der dänische Prinz vom Publikum feiern, moderiert seine eigene Tragik auf komische Art und Weise. Jedoch in jener Komik, die das Lachen im Hals stecken bleiben lässt – denn der Wahnsinn scheint echt. Qual und Zerrüttung sind Hamlet ins Gesicht geschrieben, die Pluralität seiner Realitäten wirkt beängstigend wahrhaftig. Der Düsseldorfer Hausregisseur zeigt jedoch nicht nur diese Facette der Figur. Friedel spielt mehr als den Wahnsinn, mehr als den Rockstar in seiner Komik – er spielt den Menschen Hamlet. Gerade dann wird es intim zwischen den Personen auf und vor der Bühne. „That I will speak to thee“, singt Hamlet und scheint damit seinen Vater und auch den Zuschauer zu meinen. Hamlets Tod wird wie ein Theaterstück aufgeführt. Die toten Körper von Polonius und Ophelia sind die Zuschauer der Kampfszene zwischen Hamlet und Laertes. Das Publikum ist jedoch Zuschauer von Friedels darstellerischer Leistung: Er parodiert und lebt zugleich die Rollen der Königin, des Königs, Laertes‘ und natürlich Hamlets, verkörpert diese simultan, während er den Höhepunkt des Dramas in seinem Spiel auf die Spitze treibt.

Die Musik ergänzt und erfüllt fast alle Szenen der ersten Hälfte, sodass sie die Grenzen der Sprache überwinden kann und unmittelbar die Nerven und Emotionen des Zuschauers trifft. Die monologische Form der Inszenierung harmonisiert mit der Vollendung der Szenen durch Lieder oder musikalische Untermalung des Texts. Insgesamt findet sich ein Ausgleich zwischen dem Konzert und der Stille, zwischen lautem Wahnsinn und stiller Trauer. Später am Abend wird es ruhiger im Theatersaal, das Drama leiser: Der Tod naht, die Spannung steigt. Fehlende Musik sagt ebenso viel aus, kann ähnliche Emotionen bei Figur und Publikum hervorrufen und zeigen wie die Melodien von Woods of Birnam.

Obwohl dieser Düsseldorfer Hamlet an vielen Stellen wenig innovativ, durchschaubar, gar plakativ inszeniert ist, greifen diese Kniffe im Zusammenspiel doch und schaffen es zu überraschen und emotional zu berühren.

Der klassische Stoff wird modern adaptiert, ohne ihn zu verfremden, und ist doch auf sich selbst verweisend. Eben hier wird es deutlich: Dieser Hamlet lässt den Zuschauer die Facetten des Lebens, die schönen wie die schaurigen Seiten, fühlen. Er ist weder abstrakt distanziert, noch tritt er klassisch im viktorianischen Kostüm auf. Vontobel findet eine eigene Synthese, das zeitlos Menschliche. Schließlich sind alle im Raum genau das: Menschen zwischen dem Leben und dem Tod, zwischen Glück und Wut, krank und gesund, gierig und verletzlich, liebend und rächend. Hamlet ist tot, „der Rest ist Schweigen“ und die Fassade der königlichen Familie wird wiederaufgebaut.

 

Information zur Inszenierung
Nächste Vorstellungen:
Samstag, 02.03.2019
Sonntag, 03.03.2019
Samstag, 30.03.2019

 

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