Wer bin ich? Wer will ich sein?

"Penthesilia" am Schauspielhaus Bochum Foto: Monika Rittershaus

„Penthesilia“ am Schauspielhaus Bochum Foto: Monika Rittershaus

Viel braucht es nicht, um auf einer Bühne eine spannende und fesselnde, aber gleichzeitig verzerrte und undurchsichtige Atmosphäre zu erzeugen. Dies wird auch in der Bochumer Inszenierung von Kleists Penthesilea auf hohem Niveau gezeigt. Johan Simons macht aus diesem ursprünglich antiken Stoff ein Zwei-Personen-Stück. Zwei Stunden wird der Zuschauer gefesselt und erlebt eine Geschichte von Gewalt und Liebe sowie einen Kampf zwischen – oder mit – den Geschlechtern.

von KEVIN WANCKEL

Das gesamte Stück spielt an nur einem Ort: dem Schlachtfeld. Auf diesem werden unterschiedlichste Umstände wie die Kämpfe zwischen den beiden Charakteren, aber auch tiefgründige Gespräche und Zärtlichkeiten dargestellt. Den Krieg im Rücken, sich der Präsenz des Todes immer bewusst, sind die zwei zentralen Figuren zu sehen: Penthesilea, die Königin der Amazonen (Sandra Hüller) und Achilles, Feldherr und Griechenkönig (Jens Harzer). Sie lieben sich und versuchen doch, sich gegenseitig umzubringen. Es ist ein Wechsel zwischen Mordversuchen und zarten Gesten: Nach ihrem Aufeinandertreffen auf dem Schlachtfeld versucht Penthesilea, Achilles zu töten, im nächsten Moment rettet sie ihn, worauf er mit einem erneuten Tötungsversuch antwortet. Sie duellieren sich erneut, Penthesilea verliert, wird aber von Achilles verschont. Bis hierhin erzählen Harzer und Hüller lediglich von den beiden Figuren, sprechen über Penthesilea und Achilles in der dritten Person. Doch trotzdem stellen sie sie dar: Sie tun das, was sie erzählen, sie imitieren Handlungen, Gestik und Mimik der beiden Protagonisten. Es bildet sich eine Distanz zwischen den Dargestellten und den Darstellenden, die durch die scharfe Abgrenzung der Mimik beider Schauspieler unterstützt wird: Feinfühlig, ruhig, bestimmt und ohne übertriebenes Spiel demonstrieren die Darsteller eine subtile Art von Emotionslosigkeit, die jedoch in manchen Momenten nicht aufrechterhalten werden kann und wie durch einen Pistolenschuss durchbrochen scheint. Harzer und Hüller zeigen hier Theater auf höchstem Niveau.

Wer bin ich?

Trotz Penthesileas anfänglicher Zweifel, denen Achilles mit dem Ablegen seiner gesamten Rüstung und Waffen als Zeichen seiner Hingabe entgegentritt, entsteht eine Nähe zwischen den beiden, sie scheinen zufrieden mit der Situation, mit sich selbst, sie scheinen glücklich. Dieser Wandel überträgt sich auch auf die Schauspieler. So verkörpern sie nun die Protagonisten, anstatt über sie in der dritten Person zu reden. Sie versuchen, die Liebe mit sich und der Gesellschaft in Einklang zu bringen: mit den Normen der eigenen Völker, mit den gesellschaftlichen Konventionen, mit der Kriegssituation. Doch Achilles gesteht Penthesilea schließlich, dass er sie auf dem Schlachtfeld geschlagen hat, da sie von Achilles im Glauben gelassen wurde, sie hätte ihn besiegt. Sie ist entsetzt, doch fasst den Entschluss, sich Achilles zu unterwerfen und entgegen ihrer Gesetze mit ihm zusammenzuleben, woraufhin Achilles sie erneut zum Kampf auffordert.

Hier wechselt Penthesileas und Achilles’ Darstellung erneut in die dritte Person, die Distanz ist wieder gegenwärtig, die Liebe weicht dem Kampf, der Rache und dem Hass. Dargestellt durch einen Kostümwechsel (Kostüme: Nina von Mechow), verfällt Penthesilea in eine Art Blutrausch. Sie plant ihre Rache, sie redet sich in Rage. Hüller versucht alles, um Penthesileas Hass und Abscheu darzustellen – übertreibt es jedoch in ihrer Darstellung zunehmend, sodass sie aus ihrer Rolle fällt, zu übertrieben, zu kindisch wirkt. Harzer hingegen bleibt in der Rolle des Achilles verhaftet, der ruhig bleibt, im Denken an seine Finte brilliert und sich seine Zukunft mit seiner Geliebten ausmalt. Dem Gesetz der Amazonen nach dürfen sich diese nur jene Männer nehmen, die sie im Kampf besiegt haben, das weiß Penthesilea und das weiß auch Achilles. Anstatt Penthesilea zu töten, soll seine erneute Aufforderung zum Kampf nur ein Vorwand sein, damit Penthesilea ihn besiegen kann und ihn damit rechtmäßig nach den Gesetzen der Amazonen zum Mann nehmen kann. Die Schauspieler sind zu diesem Zeitpunkt durch eine große Barriere aus Licht getrennt, welche Teil des Bühnenbodens ist und die einzige Lichtquelle während des gesamten Stücks darstellt (Bühne: Johannes Schütz, Lichtdesign: Bernd Felder). Zu Beginn nur ein schmaler Spalt, wird sie bis zu diesem Zeitpunkt vom Zuschauer unbemerkt immer größer. Dieses Licht präsentiert in omnipräsenter Weise das Schlachtfeld, welches immer allgegenwärtiger wird und schließlich unausweichlich scheint, obwohl es schon immer da war – subtil und doch wirkungsvoll.

"Penthesilia" am Schauspielhaus Bochum Foto: Monika Rittershaus

„Penthesilia“ am Schauspielhaus Bochum Foto: Monika Rittershaus

Ein Spiel der Geschlechterrollen

Die Inszenierung am Schauspielhaus Bochum ist vollkommen auf den Text fokussiert. Er und die Darstellung des Kräftemessens der beiden Protagonisten stellen einen Kampf dar. Die Sprache fungiert als Mittel zur Darstellung von Gegensätzen, die Darstellung von eigenen Normen und Werten als falsch oder richtig, von Lüge und Wahrheit, von Ehrlichkeit und Betrug, von Sprache als Waffe und Verteidigung, als Realität und Täuschung. All das ist verpackt in Kleists Dialog mit Penthesilea und Achilles als Objekte, als Mittel zum Zweck. Schon Kleist deutete den antiken Mythos um, indem er Penthesileas und Achilles’ Rollen vertauscht: Nicht er bringt sie im Kampf um, sondern sie tötet ihn im Blutrausch. Die starke Frau, das eigentlich unterlegene Geschlecht, tötet den Mann. Grenzen zwischen dem Konstrukt des Männlichen und des Weiblichen verwischen. Auch in der Bochumer Inszenierung (Dramaturgie: Vasco Boenisch) wird dies auf die Bühne gebracht. Trotzdem sind die Darstellungen nahezu gleich, nur feine Unterschiede sind zu erkennen – und zeigen, dass auch hier die Darstellung von Mann und Frau nicht an das darzustellende Geschlecht gebunden ist. Die Inszenierung demonstriert somit auch, dass die angebliche Abgrenzung zwischen den Geschlechtern nicht einheitlich sein muss, jeder Mann kann auch Frau sein, jede Frau kann auch Mann sein. Nicht zuletzt ist es somit eine Frage der eigenen Identität, nach dem Ich, aber genauso nach dem Wir und dem Miteinander.

Diese Inszenierung zeigt eindrucksvoll, dass klassisches Theater damals wie heute in seinen Bann reißen kann: Es braucht nicht mehr als zwei Schauspieler und die Fokussierung auf das Wort, um eine fesselnde und eindringliche Atmosphäre zu schaffen. Nur ein wenig Licht unterstützt die niveauvolle Darstellung, die durch ihren Minimalismus und die geschickte Balance zwischen Wort und Spiel zu überzeugen weiß.

Informationen zur Inszenierung

 

Nächste Vorstellungen:
Donnerstag, den 07.03.2019
Freitag, den 08.03.2019
Sonntag, den 24.03.2019

 

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