„Big Fish“ oder Die große Benjamin-Oeser-Show

"Big Fish" am Musiktheater im Revier Foto: Karl und Monika Forster

„Big Fish“ am Musiktheater im Revier Foto: Karl und Monika Forster

Jeder hat einen Edward Bloom in seiner Familie – den einen Onkel oder Vater oder Großonkel, der gern Geschichten erzählt und damit auf jeder Familienfeier die eine Hälfte der Gesellschaft köstlich amüsiert und die andere Hälfte zum Augenrollen verleitet. Im Musical Big Fish ist dieser Geschichten-Onkel nun die zentrale Hauptfigur, und die Zuschauer werden in die verrückte Geschichtenwelt des Erzählers mitgenommen. Andreas Gergen präsentiert neben schönen Bildern vor allem einen exzellenten Benjamin Oeser in der Hauptrolle.

von STEFAN KLEIN

Mit nicht einmal 100 regulären Vorstellungen am Broadway kann man das Musical Big Fish vom Komponisten Andrew Lippa, zumindest für New Yorker Verhältnisse, einen Flop nennen. Nach überwiegend positiven Kritiken während der Tryout-Phase in Chicago stieß das Stück nach dem Transfer an die Ostküste bei den New Yorker Kritikern nur noch bedingt auf Gegenliebe.

Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Daniel Wallace sowie der Verfilmung des Werks durch Tim Burton, erzählt Big Fish die Geschichte des Handelsvertreters Edward Bloom (Benjamin Oeser), dessen fantastische Anekdoten seinen erwachsenen Sohn Will (Dennis Hupka) sehr frustrieren. Kurz bevor die Lebensgeschichte seines Vaters das letzte Kapitel erreicht, entdeckt Will, wer dieser wirklich war und was hinter all den unglaublichen Geschichten steckt, die er nicht müde wird zu erzählen.

Eine Meerjungfrau, eine Hexe, ein Riese und ein Werwolf: Sie und noch mehr (im besten Wortsinne) fabelhafte Charaktere tauchen in Edward Blooms Erzählungen auf. Regisseur Andreas Gergen, der diese Produktion des Musicals bereits als europäische Uraufführung 2016 in München zeigte, schafft es gemeinsam mit seinem Bühnenbildner Sam Madwar und dem für die Kostüme verantwortlichen Ulli Kremer, eine fantasievolle Welt zu erschaffen, die das Publikum zu verzaubern weiß. Sam Madwars Bühne, bestehend aus großen Holzkisten, dem Prospekt eines Hauses sowie sehr effizienten Projektionen, arbeitet hier Hand in Hand mit Kremers Kostümen, die farbenfroh, aber nie unstimmig Edward Blooms geträumte Welt zum Leben erwecken.

Dank Andreas Gergens schönen Regieideen wird es für das Publikum nie langweilig. Vor allem glänzen seine raffiniert choreografierten Szenenwechsel zwischen der Rahmenhandlung und den Erinnerungen der Hauptfigur. Hier wird aus dem an Herbert Knebel erinnernden alten Edward durch schnelle Kostümwechsel der vor Kraft strotzende Abenteurer, den er für seinen Sohn in den Erzählungen darstellen möchte. So gerät selbst der etwas zu lang geratene zweite Akt angenehm kurzweilig.

"Big Fish" am Musiktheater im Revier Foto: Karl und Monika Forster

„Big Fish“ am Musiktheater im Revier Foto: Karl und Monika Forster

Everybody’s Darling

Schon der Plot macht deutlich: Ohne einen fähigen und charismatischen Edward-Darsteller hätte jede Big Fish-Produktion große Probleme. In fast jeder Szene ist Edward Bloom im Mittelpunkt des Geschehens. Mit Benjamin Oeser trifft Andreas Gergen eine ausgezeichnete Wahl. Sowohl als großer Held und Everybody’s Darling in den Erinnerungen als auch als kauziger und missverstandener Opi brilliert Oeser in jeder Szene und trägt den Abend mühelos auf seinen Schultern. Das schmeichelnde Timbre seiner Stimme holt das Beste aus Lippas abwechslungsreicher Komposition, und im Spiel verfällt seine Darstellung nie in eine Karikatur. Allein für seine Interpretation lohnt sich also der Erwerb einer Eintrittskarte.

Auch Theresa Christahl als Edwards verständnisvolle Ehefrau Sandra weiß durch ihr differenziertes Spiel und ihren klaren Gesang zu gefallen. Beide spielten ihre Partien bereits in der Münchener Fassung der Produktion, und Regisseur Gergen tat gut daran, sie nach Gelsenkirchen zu locken. Will Bloom wird im MiR von Dennis Hupka dargestellt. Dem jungen Musicaldarsteller, der bereits auf eine große Zahl von Engagements in den vergangenen Jahren zurückblicken kann, ist die Nervosität am Premierenabend noch ein wenig anzumerken. Die Entwicklung vom trotzigen Sohn, dem sein Vater peinlich ist, zum verständnisvollen Ahnenforscher gelingt ihm dennoch sehr gut; seine hübsche Klangfarbe präsentiert er eindrucksvoll über den gesamten Abend. Ihm zur Seite steht Sina Jacka als charmante Ehefrau Josephine. Sie ist Wills Antrieb, im zweiten Akt über seinen Schatten zu springen, und stellt das Bindeglied zwischen Vater und Sohn dar. Natürlich darf auch Anke Sieloff nicht im Cast fehlen. Die Mezzosopranistin schlüpft unter Gergens Regie in Big Fish dann auch gleich in zwei Rollen: Während sie als gruselige Hexe in ihrem Song durch ungenaue Artikulation leider kaum zu verstehen ist, kann sie als Edward Blooms Jugendliebe Jenny Hill hingegen deutlicher zeigen, wieso sie seit gut 25 Jahren zu den Gelsenkirchener Publikumslieblingen gehört.

Das sehr junge Ensemble des Abends darf in den verschiedensten Rollen, von Hexen und Zirkusleuten über Soldaten und Cowboys bis zu Pfadfindern, sehr oft die Bühne bevölkern. In zweckmäßigen, obgleich nicht besonders eindrucksvollen Choreografien von Danny Costello machen alle durchweg eine gute Figur.

Mit Big Fish hat sich das Musiktheater im Revier einen großen Gefallen getan. Es zeigt neben einer anrührenden Geschichte stimmungsvolle und moderne Musicalmusik und vor allem einen Benjamin Oeser in Höchstform. Gebettet in eine prächtige Bühne voller skurriler Charaktere, entfaltet er für den Zuschauer eine Welt, von der niemand so genau weiß, was davon wahr zu nennen ist und was nicht. Am Ende möchte man Bloom gern glauben, tatsächlich seinen ersten Kuss von einer Nixe bekommen zu haben. Vor allem zeigt Big Fish in Gelsenkirchen jedoch, dass selbst Stücke, die am Broadway durchgefallen sind, in einer stimmigen Umsetzung einen Großteil dessen, was deutsche Musicalbühnen präsentieren, qualitativ in den Schatten stellen können.

Informationen zur Inszenierung
 
 
Nächste Vorstellungen:
 
Freitag, der 15. März
Samstag, der 16. März
Samstag, der 6. April

 

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