Iphigenie bei den Bochumern

"Iphigenie" am Schauspielhaus Bochum Foto: Julian Röder

„Iphigenie“ am Schauspielhaus Bochum Foto: Julian Röder

Das Schauspielhaus Bochum zeigt eine Euripides-Jelinek-Melange von Dušan David Pařízek, die vor allem ein Anliegen hat: Geschlechterrollen zu verwischen und zu hinterfragen. Trotz brillanter Schauspieler und einiger verblüffender Regieeinfälle läuft der Abend jedoch etwas ins Leere; nur Weniges bleibt hängen.

von HELGE KREISKÖTHER

Euripides (etwa 480 bis 406 v. Chr.) gilt nach Aischylos und Sophokles als jüngster im Bunde der drei großen attischen (also von der griechischen Halbinsel Attika stammenden) Tragiker. Seine beiden Iphigenie-Tragödien, Iphigenie bei den Taurern sowie Iphigenie in Aulis, inspirierten seit der Frühen Neuzeit kraft ihrer bewegenden Darstellung des Schicksals einer jungen Frau, die von ihrem eigenen Vater für den Trojanischen Krieg geopfert werden soll, zahlreiche Dichter zu stofflichen Nachahmungen und Weiterverarbeitungen. Die nicht nur Oberstufenschülern bestens bekannte, „verteufelt humane“ Iphigenie auf Tauris von Goethe (1779/86) ist hierfür nur ein Beispiel. Auch Maler (wunderschön: Anselm Feuerbachs melancholische Iphigenie von 1862) oder Komponisten (viel zu selten gespielt: Glucks französische Iphigenie-Opern aus den 1770er Jahren) begeistern sich seit jeher für die Tochter von Agamemnon und Klytaimnestra. Aber auch Letztere ist als Nachkommin des Spartanerkönigs Tyndareos und Schwester der schönen Helena, um deren willen die Griechen ja bekanntlich in die zehnjährige Schlacht zogen, eine außerordentlich reizvolle mythologische Frauenfigur. Aus Schmerz über die geplante Hinrichtung ihrer Tochter erfleht sie etwa den Beistand Achills und riskiert somit einen Eklat. Iphigenie wird zwar in letzter Minute durch eine Wolke der Artemis/Diana gerettet (bei Euripides erfährt man dies über einen Botenbericht), doch Jahre später bringt Klytaimnestra (dies kommt bei Euripides nicht mehr vor) den Gatten nach seiner Heimkehr aus Rache um, wessenthalben sie von ihren Kindern Elektra und Orest wiederum zum Hades befördert wird.

So viel zum blutigen Mythos. Der tschechische Theaterregisseur und -gründer Dušan David Pařízek bezieht in seiner Bochumer Neuinterpretation der Iphigenie weiterhin Elfriede Jelineks 1998 uraufgeführtes Sportstück mit ein, das schonungslos die martialischen Riten und hysterischen Zwänge moderner Körperkultur aufzeigt. Sätze der österreichischen Autorin wie „Verrecken, wer will das schon?“ (in diesem Fall aus Jelineks Schutzbefohlenen, die in Bochum ebenfalls zitiert werden) scheinen ihm wie geschaffen für eine zeitgemäße Auseinandersetzung mit dem aufrüttelnden antiken Sujet.

„Du bist die Frau, ich bin der Held“

Pařízek inszeniert zum ersten Mal am Schauspielhaus Bochum – dem neuen Intendanten Johan Simons gelingt es offenbar, interessante neue Köpfe (wie bereits Herbert Fritsch) in die Ruhrgebietsstadt zu locken. An der Iphigenie interessieren den 1971 geborenen Nestroy-Preisträger laut eigener Aussage besonders die Fragen, auf welche Weise Männer über das Schicksal von Frauen verfügen können bzw. inwiefern man von einer weiblichen Seite des Krieges sprechen kann. Und in der Tat: Was die Bochumer Aufführung leitmotivisch durchzieht, ist die Vertauschung der Geschlechter (überwiegend Travestie), zur Schau gestellt nicht zuletzt durch kollektive Glatzköpfigkeit (Maske: Tanja Bade, Anorte Brillowski, Katharina Bondzin) und ein virtuoses Cross-Dressing (Kostüme: Kamila Polívková). Entsprechend anspruchsvoll erweist sich die – bravourös gemeisterte – Aufgabe für alle beteiligten Darstellerinnen und Darsteller, nicht „nur“ in Doppelrollen aufzugehen, sondern auch den jeweils anderen Sexus zu verkörpern. Jele Brückner als Agamemnon und Klytaimnestra, Svetlana Belesova als Menelaos (Agamemnons Bruder) und Iphigenie zugleich, Bernd Rademacher, den das Bochumer Publikum schon seit vielen Jahren kennt, als Muse Polyhymnia und wiederum Klytaimnestra; außerdem Anne Rietmeijer als Michelin-Männchen-mäßiger Achill und Konstantin Bühler als Muse Erato: Sie alle sind schlicht grandios zu nennen. Jele Brückner schafft mit ihrer niemals exaltierten, absolut glaubwürdigen elterlichen Zerrissenheit sogar berückend emotionale Momente.

"Iphigenie" am Schauspielhaus Bochum Foto: Julian Röder

„Iphigenie“ am Schauspielhaus Bochum Foto: Julian Röder

Allgegenwärtige Soldaten

Das Bühnenbild (hierfür ebenso verantwortlich wie für das Lichtdesign: Pařízek selbst) ist schlicht gehalten. Vor einer kippbaren Holzwand, die nach einer gewissen Zeit zu einem großen Spiegel wird, in dem sich das gesamte Publikum zu betrachten vermag, liegen lediglich ein paar Kostüme und Requisiten verstreut; links und rechts von der Hauptspielfläche ein paar Stühle, auf denen diejenigen Platz nehmen, die dem „weiblichen“ Chor lauschen oder eine Atempause von ihrer Rolle brauchen. Darüber hinaus gibt es zwei Overheadprojektoren, die Umrisse von Kindergesichtern, Fantasie anregende Schatten oder konkrete Passagen von Elfriede Jelinek an die besagte Wand werfen. Iphigenie wird sie ganz am Ende, nachdem sie sich guten Gewissens für den Opfertod bereit erklärt und sich mit Kunstblut überschüttet hat, ausknipsen. Alles in allem entsteht folglich der Eindruck einer zufällig zur Performance avancierten Probe mit ihrem typischen Experimentalcharakter – obgleich hier natürlich nichts aus Zufall geschieht.

Nichtsdestotrotz stellt sich im Fortlauf dieser Iphigenie-Inszenierung so manche Frage, die nach zwei Stunden überhaupt nicht oder allenfalls spekulativ beantwortet werden kann. Warum wird Euripides’ Stück mit genau diesem Jelinek-Text gekoppelt? Wo liegen die entscheidenden Parallelen zwischen antikem Mythos und zeitgenössischem Massensport? Auf welche dramaturgischen Schnittstellen möchte der Abend hinaus? Und was ist sie denn nun, die „weibliche Seite des Krieges“? Wenn es Pařízeks Ziel ist, jedwede Erscheinungsform kollektiver Gewalt zu hinterfragen – „Sportler sind wie Soldaten, ein jeder legt sein Bestes ins Trikot“ –, erreicht er dies wohl. Welche spezielle Bedeutung Frauen in (militärischen) Konflikten zukommt, bleibt jedoch, vorsichtig formuliert, offen. Das permanente Hin-und-Her-Wechseln zwischen den Textvorlagen sowie die meist nur angedeuteten Aktualitätsbezüge dürften die meisten Zuschauer überdies schlichtweg überfordern. Die virtuosen Dialekteinlagen von Konstantin Bühler und Lukas von der Lühe (Bairisch, Berlinerisch, Hanseatisch, Sächsisch, Schwäbisch und Wienerisch) machen da sicher noch den größten Spaß. Iphigenie – quo vadis?

Informationen zur Inszenierung
Nächste Vorstellungen:
Mittwoch, der 20. März
Donnerstag, der 21. März
Mittwoch, der 27. März

 

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