Mitten im Wahnsinn?

"Campiello" am Schauspielhaus Bochum Foto: Birgit Hupfeld

„Campiello“ am Schauspielhaus Bochum Foto: Birgit Hupfeld

Patient*innen und Mitarbeiter*innen der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Präventivmedizin des LWL-Universitätsklinikums Bochum zeigen mit Campiello in der Zeche Eins eine Telenovela für die Bühne. Auf dem „kleinen Platz“ werden italienische Klischees und stereotype Figuren präsentiert, die dort ihr alltägliches Freud und Leid verhandeln. Leider bleibt das Geschehen auf dem Campiello der einzige Inhalt.

von JASMIN GIERLING

Der Campiello als das Zentrum des gleichnamigen Stückes von Peter Turrini, welches in Bochum frei nach der Fassung von Carlo Goldini von Susanne Scheffler inszeniert wird, ist die Heimat der Bühnenfiguren. Er ist der Ort, an dem das Leben der Familien zusammenfindet, und dieses Leben wird auch als solches gezeigt: Familienstreitigkeiten, Lästereien und Primitivität bestimmen den Alltag der armen Bewohner*innen. Als der Cavaliere im Dorf auftaucht und sich dort für einige Zeit niederlässt, gerät der Alltag ins Schwanken. Lucietta, hochnäsige Tochter der temperamentvollen Catte, ist mit dem prolligen Händler Anzoletto aufgrund diverser Eifersüchteleien mal mehr und mal weniger verlobt. Gasparina und Fabrizia streben nach Kultur und geben sich elitär – dementsprechend sind sie bei der rustikalen Bevölkerung unbeliebt. Der Cavaliere hingegen gibt sich jovial und versucht, mit der unschuldigen Gnese anzubändeln. Letztendlich sieht er sich versehentlich mit ihrer Mutter, Pasqua, und Catte verlobt. Fröhliche, aber von Armut gezeichnete Straßenkehrer, sowie die Wirtin Maria und die Pfannkuchenbäckerin Orsola heitern die stets kippende Stimmung auf dem Campiello auf. Schließlich halten alle Bewohner*innen zusammen, da sie alle von dem Cavaliere, der sich zuvor spendabel zeigte und letztendlich überall die Zeche prellt, hintergangen wurden. Der Cavaliere findet sich mit Fabrizia zusammen und verlässt mit ihr und Gasparina den Campiello. Endlich kann die Liebe sorgenfrei gefeiert werden: Gnese und ihr Verehrer Zorzetto sind verlobt, Lucietta und ihr Anzoletto verheiratet. Auch Catte und Pasqua versöhnen sich, und so verlässt jeder in seiner eigenen Zufriedenheit den Campiello.

Aalglatte Streitigkeiten

Gerade weil keiner der Darsteller*innen in Campiello professionell schauspielert, ist die Motivation, diese Inszenierung zu verwirklichen, stets erkennbar: der Spaß am Spielen. Die Feste auf der Bühne werden zugleich in jedem Kopf der Akteur*innen gefeiert, und so wird ein friedvoll-fideles Ambiente im ganzen Saal geschaffen.

Die Bühne der Außenspielstelle des Bochumer Schauspielhauses spricht mit ihren sonst kalten und von der Zeit gezeichneten Kacheln und dem unverputzten Mauerwerk eigentlich für sich, kann den Eindruck eines vergessenen Ortes erwecken. In der Inszenierung liegt jedoch anscheinend der Fokus darauf, dass die Inszenierung nicht im großen Haus gezeigt wird. Intendant Johann Simons, der auf der Bühne des Schauspielhaus Bochums große Inszenierungen wie zuletzt Iphigenie zeigt, gibt an diesem Abend Amateur*innen eine kleine Bühne, die unter großem Namen arbeitet, bei der die Bühne selbst jedoch nichts weiter als Raum ist. Statt die rohe industrielle Vergangenheit der Zeche Eins ins Stück zu bringen, etwas Dunkleres, in manchen Augen Hässliches zu zeigen, wird der Campiello typisch italienisch ausgestattet. Ein kleiner Brunnen in der Mitte des Platzes, alte Fensterläden, viele Blumen und der Archetyp italienischen Temperaments und Leidenschaft schmücken die Fassade. Die detailverliebte Requisite unterstützt das Wohnliche, aber eben auch das Stereotype. Jegliche Negativität im Text wird letztendlich weichgespült, kein Konflikt ohne Happy End beendet. Probleme werden auf dem Campiello weggetanzt, aber nicht aus der Welt geschaffen. Campiello wird in Bochum in Form einer traditionellen Komödie nach italienischem Vorbild auf die Bühne der Zeche Eins gebracht.

"Campiello" am Schauspielhaus Bochum Foto: Birgit Hupfeld

„Campiello“ am Schauspielhaus Bochum Foto: Birgit Hupfeld

Harmonie vor Dissonanz

Die Frage nach der Verhandlung eines Makrokosmos, nach gesellschaftskritischem Hinterfragen und Infragestellen des Weltgeschehens, bleibt aus. Die Inszenierung schafft lediglich Ansätze, den dargestellten Mikrokosmos der Figuren zu überwinden, doch werden diese mit dem nächsten Fest, dem nächsten italienischen Schlager und Einsatz der bunten Lichterkette wieder glattgebügelt. Zentrum des Stückes und Lebensmittelpunkt der Figuren ist der Campiello. Dort findet das Leben statt und dort werden auch die eigenen, kleinen Probleme der Figuren, die sich auf Eifersüchteleien und verworrene Liebschaften begrenzen, zu großen dramatisiert. Jede Figur bleibt im Kern dem verkörperten Stereotyp treu, ohne den Ansatz einer Entwicklung zu zeigen und psychologische Tiefe zu erlangen. Im passenden Kostüm – der beschränkte Anzoletto tritt beispielsweise als ein dreckiger Rocker auf und seine prätentiöse Frau Lucietta als Archetyp der koketten Weiblichkeit mit roten Lippen und rotem Kleid – zeigen die Figuren bereits ihr einziges Gesicht. Alle Figuren sind Charakter-Schablonen, die über den auf Komik inszenierten Abend nicht hinwegtäuschen, was der stückinternen Stimmigkeit allerdings zugutekommt. Campiello ist eine klischeebehaftete, naturalistische Inszenierung, in der die Leichtigkeit des Textes und die Sympathie mit den Amateurschauspieler*innen im Vordergrund stehen.

 

Informationen zur Inszenierung

 

Nächste Vorstellungen:
Montag, 29.04.2019
Dienstag, 30.04.2019

 

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