Die Koexistenz von Religionen

"Die Jüdin von Toledo" am Schauspielhaus Bochum Foto: Jörg Brüggemann / Ostkreuz

„Die Jüdin von Toledo“ am Schauspielhaus Bochum Foto: Jörg Brüggemann / Ostkreuz

Die Jüdin von Toledo war die Eröffnungspremiere des Schauspielhauses Bochum unter der neuen Intendanz von Johan Simons, welcher auch die Regie bei dieser Inszenierung übernahm. In Koen Tachelets Theaterfassung nach dem Roman von Lion Feuchtwanger zeigt sich ein starkes Ensemble, welches auf reduzierter und abstrakter Bühne den komplexen und komplizierten Dialog dynamisch darzustellen weiß.

von KEVIN WANCKEL

Wir befinden uns im Spanien des 12. Jahrhunderts: Das Land ist in einen muslimischen Süden und einen christlichen Norden gespalten, Krieg wird durch eine Friedensvereinbarung unterdrückt. In dieser Zeit zieht der jüdische Kaufmann Jehuda Ibn Esra (Pierre Bokma) zusammen mit seiner Tochter Raquel (Hanna Hilsdorf) nach Toledo. Von dort aus regiert der Christenkönig Alfonso VIII. (Ulvi Erkin Teke) den Norden. Jehuda wird der „Escrivano“, der engste Finanzberater des Königs, und soll vor allem für Geld in der Staatskasse sorgen. Dieses will Alfonso vor allem für seinen geplanten Krieg ausgeben, Jehuda jedoch versucht die Juden im südlichen Teil Spaniens zu schützen und vertröstet den König immer wieder. Es kommt zudem zum Treffen zwischen Alfonso und Raquel, sie verlieben sich ineinander. Alfonsos Ehefrau Leonor (Anna Drexler) erwischt die beiden und unterstützt fortan Alfonso in seinen Kriegsplänen, welche Jehuda und auch Raquel verhindern wollen. Alfonso eröffnet dem Süden schließlich den Krieg, von dem Leonor sich wiederum erhofft, dass Alfonso wieder zu ihr findet und Raquel vergisst. Die Bürger Toledos schieben die Schuld für den Krieg jedoch auf die Juden und verfolgen diese in der eigenen Stadt, um diese zu „reinigen“. Auch Jehuda und Raquel fallen den wütenden Bürgern zum Opfer. Obwohl Raquel im Gegensatz zu Leonor dem Krieg zum Opfer gefallen ist, bleibt Alfonsos wahre Liebe Raquel, da er in ihr weiterhin den Sinn des Lebens und den Sinn des Krieges sieht.

Feuchtwanger, welcher selbst praktizierender Jude war, orientiert sich in seinem 1955 erschienenen Roman an den historischen Geschehnissen und wandelt diese nur wenig, dafür aber akzentuiert ab, beispielsweise durch die zeitliche Verschiebung real existenter Figuren. Zusätzlich hat Koen Tachelet, welcher auch die Dramaturgie des Stücks übernahm, in seiner Bühnenfassung einige Figuren zu einer Rolle zusammengefasst, darunter auch Diego (Risto Kübar), der sich als von Alfonso gezeichneter Soldat entpuppt und wie ein unbeteiligter Richter die gesamte Inszenierung begleitet. In Feuchtwangers Roman prallen die drei großen Religionen aufeinander und es entstehen Fragen über die mögliche Koexistenz von Religionen und ob es die eine Religion gibt, die „Recht hat“. Es zeigen sich zumindest auf einer höheren Textebene Parallelen zu Lessings Nathan der Weise, in dessen Ringparabel es auch um die Koexistenz der drei großen Religionen geht und welche auch die Frage stellt, ob es richtig ist, sich auf eine „wahre“ Religion zu versteifen.

Die zu Beginn des Stücks erläuterten grundlegenden Zusammenhänge zwischen diesen einzelnen Religionsgruppen in sind in Anbetracht der aufkommenden Geschichte um Raquel und Alfonso sowie des Konflikts der Religionen, welcher zwischen den Religionsgruppen besteht und auch entsteht, von geringerem Wert für den Zuschauer. Der Konflikt selbst entwickelt sich auch innerhalb des Rests der Inszenierung selbstständig und für den Zuschauer schlüssig, sodass eine geschichtliche Einführung nicht zwingend notwendig ist und eine Kürzung den mehr als dreistündigen Abend in Bezug auf seine Kompaktheit und Komplexität zumindest etwas entlastet hätte.

"Die Jüdin von Toledo" am Schauspielhaus Bochum Foto: Jörg Brüggemann / Ostkreuz

„Die Jüdin von Toledo“ am Schauspielhaus Bochum Foto: Jörg Brüggemann / Ostkreuz

Starkes Ensemble und starker Kontrast zwischen Bühne und Dialog

Anna Drexler schafft es in ihrer Rolle als Leonor, den Zwiespalt zwischen der Grausamkeit und dem Nutzen des Kriegs für sich selbst mitfühlend und glaubwürdig darzustellen. Gegenüber dem durchweg ruhig und gelassen wirkenden Jehuda erscheint Raquel hingegen sehr oft hektisch und impulsiv, hier hätte eine etwas bedachtere und geradlinigere Spielweise durch Hanna Hilsdorf dem Charakter Raquel mehr Kontur und Ernsthaftigkeit verliehen. Vor allem ist aber Ulvi Teke hervorzuheben, der durch sein abwechslungsreiches und überzeugendes Spiel der Figur Alfonso einen glaubhaften und ehrlichen, gleichzeitig jedoch sentimentalen und zwiespältigen Charakter verleiht, mit dem sich der Zuschauer identifizieren kann. Insgesamt ergibt sich eine stimmige und ineinandergreifende Performance der einzelnen Schauspieler, die neben dem Bühnenbild eine der beiden Säulen dieses Abends ist.

Die Inszenierung selbst ist daher zweiseitig. Auf der einen Seite findet sich das sehr reduzierte Bühnenbild (Johannes Schütz), welches nur aus drei Elementen besteht: eine große Styroporwand, welche während der gesamten Aufführung in Bewegung ist; ein schwarzes Tuch, welches bereits zu Beginn in unzählige Stücke zerrissen wird; und die Drehbühne, welche sich während des gesamten Abends unerlässlich dreht. Letztere führt auch dazu, dass selbst wenn sich einzelne Figuren nicht aktiv bewegen, sich ihre Positionen auf der Bühne verändern und trotz aller Reduktion eine kontinuierliche Dynamik vorherrscht. Auch mit Kostümen (Greta Goiris) wird wenig gearbeitet, fast alle Charaktere tragen lediglich ein Kostüm während des gesamten Abends, einzelne Kostüme sind jedoch farblich pointiert, wie beispielsweise Raquels rote Hose. Dadurch sticht sie aus der großen Menge an Personen auf der Bühne heraus, die Hose markiert sie als zentrale Titelfigur. Die Signalfarbe sorgt dafür, dass Raquel bei jedem Auftritt zum Zentrum des Geschehens wird.

Diese ästhetischen Entscheidungen tragen auf der anderen Seite dazu bei, dass der Dialog und die bereits oben erwähnte kraftvolle Spielweise der Schauspieler im Mittelpunkt stehen. Es herrscht durchgehend Bewegung auf der Bühne, immer passiert etwas, immer wieder wechseln die Dialogpartner sowie die Positionen der Schauspieler. Dadurch wirkt der Stoff gleichzeitig zwar kompakter und schwerer als er es ohnehin schon ist, dies steht jedoch in Balance zum minimalistischen Bühnenbild, sodass sich der Zuschauer auf die Figuren selbst konzentrieren kann und das Spiel sehr dynamisch und mannigfaltig wirkt.

In der Bochumer Inszenierung stellen die Leitmotive Politik, Religion und Liebe in verwobener Manier die Antriebe für die einzelnen Figuren dar. Der Fokus auf den Dialog mit Balance zum Bühnenbild lässt ein zielgerichtetes und auf die Entwicklung der Charaktere ausgelegtes Theaterstück entstehen. Die Zuschauer bekommen einen spannenden und dynamischen Abend zu sehen, der zum Nachdenken anregt. Diese Anregung zieht sich auch durch die anderen von Johan Simons inszenierten Stücke, in denen auch immer wieder unkonventionelle Themen, wie beispielsweise Sextourismus in Plattform, verarbeitet werden, sodass wir auf kommende Inszenierungen, wie Hamlet mit Sandra Hüller in der Titelrolle, als auch auf die kommende Spielzeit gespannt sein dürfen.

 

Informationen zur Inszenierung

 

Nächste Vorstellungen:
Samstag, 11.05.2019
Sonntag 12.05.2019
Samstag, 25.05.2019

 

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