Wenn die Pikdame ihr Ass ausspielt

"Pique Dame" an der Oper am Rhein Foto: Hans Jörg Michel

„Pique Dame“ an der Oper am Rhein Foto: Hans Jörg Michel

Die Deutsche Oper am Rhein holt die US-amerikanische Regisseurin Lydia Steier, die im letzten Jahr als erste Frau Mozarts Zauberflöte bei den Salzburger Festspielen inszenierte, nach Düsseldorf, um Pique Dame, die zweitberühmteste Oper von Tschaikowskij, auf die Bühne zu bringen. Entstanden ist ein zwar konventioneller, aber durchweg überzeugender, farbenfroher Musiktheater-Abend mit einigen wenigen Durststrecken.

von HELGE KREISKÖTHER

Die bekannteste Oper des romantischen Ballettmeisters und Symphonikers Peter (Pjotr) Iljitsch Tschaikowskij ist zweifellos Eugen Onegin (Jewgenij Onegin) von 1878. Doch auch die zwölf Jahre später während einer Florenz-Reise – angeblich innerhalb von nur sechs Wochen – komponierte Pique Dame (Pikowaja dama) braucht sich keineswegs vor den zeitgenössischen slawischen und gesamteuropäischen Bühnenwerken verstecken. So tragen etwa Tschaikowskijs volkstümlich-authentische Milieudarstellungen und das schicksalhafte, immer wieder auftauchende Spielkarten-Motiv zu einer musikdramatischen Dichte bei, die sich durchaus mit der von dem Russen so bewunderten, rauschhaften Carmen (1875) vergleichen lässt.

Das Libretto zur dreiaktigen und etwa dreistündigen Pique Dame, die im Dezember 1890 am Sankt Petersburger Mariinskij-Theater aus der Taufe gehoben wurde, verfasste der jüngere Bruder des Komponisten, Modest Iljitsch Tschaikowskij, frei nach einer Novellen-Vorlage des großen russischen „Nationaldichters“ Puschkin. Im Fokus steht standesgemäß eine unglückliche Liebesgeschichte, die jedoch durch eine auf den ersten Blick alberne, auf den zweiten Blick schaurig-komplexe zweite Handlungswolke beschattet wird.

Der junge Offizier und Spieler Hermann verliebt sich im Sankt Petersburg des 18. Jahrhunderts in die schöne, melancholische Lisa, die bereits dem Fürsten Jelezkij versprochen ist, sich ihrerseits aber auch zu Hermann hingezogen fühlt. Nach Anerkennung, Reichtum und vor allem nach Lisa strebend, erfährt er von einer alten Gräfin, Lisas Großmutter, der man nachsagt, in Jugendjahren von einem dubiosen Grafen in das Geheimnis dreier stets gewinnbringender Spielkarten eingeweiht worden zu sein. Als Hermann nun nachts nach einem Ball bei der Gräfin eindringt, von ihr die Preisgabe des Geheimnisses fordert und sie mit einer Pistole bedroht, sinkt diese vor Schreck tot zusammen. Lisa verzeiht ihrem Geliebten zwar, doch Hermann verfällt daraufhin dem Wahnsinn: Geplagt von Träumen und Halluzinationen, besessen vom Sieg mit Drei, Sieben und Ass eilt er an den Spieltisch, während sich Lisa in die Newa stürzt. Das Ass bleibt ihm zuletzt verwehrt – stattdessen zieht er die „Pique Dame“ –, es erscheint ihm der höhnende Geist der Gräfin, und schließlich begeht er Selbstmord.

"Pique Dame" an der Oper am Rhein Foto: Hans Jörg Michel

„Pique Dame“ an der Oper am Rhein Foto: Hans Jörg Michel

Maskenball, Casino und „Couleurs historiques“

Inszenatorisch betritt die Düsseldorfer Pique Dame sicher keine außergewöhnlichen oder gar riskanten Pfade. Das ist angesichts des reichlich mysteriösen Plots und der relativ geringen Popularität der Oper aber auch gar nicht nötig. Ohne die Gräfin, Hermann und Lisa unnütz in unsere unmittelbare Gegenwart zu katapultieren, befreien Steier und ihr junges Team sie aus dem allzu zeitgetreuen Korsett, indem sie mit ihrer Lesart auf das Milieu der Goldenen Zwanziger verweisen. So fühlt man sich bisweilen – nur eine von zahlreichen möglichen Assoziationen – an die Haus- und Gartenpartys aus Baz Luhrmanns The Great Gatsby erinnert. Tatsächlich wird in Pique Dame viel gefeiert, geträllert, getrunken, ja gezecht und – fatalerweise – gespielt. Dafür werden die dunklen, dämonischen Szenen in Düsseldorf hingegen, insbesondere im Schlussakt, umso kontrastreicher, karg und beinahe psychologisierend entworfen. Verantwortlich dafür zeichnen in hohem Maße die Lichtstimmungen (Stefan Bolliger) mit beeindruckendem Blau, Grün, Türkis und Pink.

Aber auch die Kostüme (Ursula Kudrna), die im ersten Akt noch realistisch gedämpft, spätestens im zweiten Akt mit dem Maskenball dann aber bunt und verschnörkelt daherkommen, tragen ihren Teil zu einem Augenschmaus bei. Während Tschaikowskij also nach allen Regeln der Kunst die vergangene Epoche Katharinas der Großen klanglich wiederauferstehen und ein Schäferspiel-im-Spiel aufführen lässt, sieht man auf der Bühne der Deutschen Oper am Rhein prächtige, Casanova– oder RockMeAmadeus-würdige Kleider. Manche tierische Maske oder sexuelle Anspielung hätte es dagegen weniger gebraucht. Prüderie ist zurecht out, aber ein Bedürfnis nach Sinnhaftigkeit ist nach wie vor in.

Die kleinen musikalischen Makel

Die erfreulich warm und üppig klingenden Düsseldorfer Symphoniker unter der Leitung des ansteckend temperamentvollen Usbeken Aziz Shokhakimov (seit 2015/16 Hauskapellmeister der Düsseldorfer Oper) lassen in den atmosphärisch ungemein dichten drei Akten kaum Wünsche offen. Einzig die Blechbläser sind stellenweise eindeutig zu laut. Der Chor der Deutschen Oper am Rhein (Einstudierung: Gerhard Michalski) sowie der Kinderchor der Akademie für Chor und Musiktheater (Einstudierung: Justine Wanat) fügen sich voluminös und flexibel, nur passagenweise mit etwas schleppendem Timing in den Gesamtklang ein. Zu den insgesamt elf Solosängern (sieht man einmal vom Zeremonienmeister, dem „Aufsteiger“, dem Kind und der Klavierspielerin ab) ist überwiegend auch nur positives zu sagen. Herausragend sind – der Relevanz ihrer Rolle nach – Tenor Sergey Polyakov als ausdrucksstarker Hermann, Mezzo Hanna Schwarz als Gräfin respektive Geist der Gräfin mit bezwingendem Pianissimo-Timbre, Alexander Krasnov als lebensvoller Graf Tomski und die ebenso souveräne wie im Petticoat wunderschöne Maria Kataeva als Polina. Die stimmlich stabile schwedische Sopranistin Elisabet Strid schließlich ist ebenfalls eine passende Besetzung für die Rolle der Lisa, sie vermag mit ihrer Gestik allerdings kaum zu überzeugen.

An die vergleichsweise neue PiqueDame-Referenzeinspielung durch Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Mariss Jansons (2015) vermag Shokhakimov mit den Düsseldorfer Symphonikern und seinem Sängerensemble aufgrund dieser und ähnlicher kleinerer Defizite nicht ganz heranzurücken. Dennoch kommen auch erfahrene Opern- und/oder Tschaikowskij-Freunde am Rhein auf ihre Kosten – Hingabe und Brio wiegen eben schwerer als technischer Perfektionismus. Davon abgesehen: Diese facetten- und instrumentationsreiche Partitur verlangt Durchhaltevermögen, sie will erst einmal bewältigt werden. Man darf also auch auf die Neuinszenierung dieser russischen Kartenspiel- und Liebesschmerz-Oper am Essener Aalto-Theater gespannt sein, die ab Mitte Oktober 2019 zu erleben sein wird. Ob sie auch ein liebevoll-versöhnliches, mit der Vorlage brechendes Schlussbild findet?

 

Informationen zur Inszenierung

Nächste Vorstellungen:
Donnerstag, der 30. Mai
Mittwoch, der 5. Juni
Sonntag, der 9. Juni

 

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