Im Tal der Wölfe

Goderdsi Tschocheli: Der Scharlachrote Wolf; Cover: Frankfurter Verlagsanstalt

In seinem Roman Der scharlachrote Wolf lässt Goderdsi Tschocheli die Tradition der georgischen Bergdörfer mit dem Studentenleben im modernen Tiflis verschmelzen. Angst, Aberglauben und die Suche nach Geborgenheit sowie dem eigenen Ich treffen aufeinander. Dem Autor gelingt es dabei überwiegend, die vielschichtigen Emotionen seiner Protagonisten, vor allem aber deren enge Verbindung zum folkloristischen Glauben an Werwölfe und andere Fabelwesen, anschaulich darzulegen. 

von ALINA WOLSKI

Luka stammt aus einem kleinen georgischen Dorf in den Bergen. Für sein Schauspielstudium ist er nach Tiflis gekommen, doch die Stadt mit ihrem temporeichen Leben erscheint ihm fremd. Immer wieder begegnet er Menschen, denen er nicht trauen kann. Im Allgemeinen sind es Zeiten voller berechtigtem und unberechtigtem Misstrauen. Denn unter dem sowjetischen Einfluss herrschen nicht zuletzt Lebensmittelknappheit und eine willkürliche Behandlung durch die Miliz in der Stadt. Eines Tages wird Luka alles zu viel: Er steigt in den nächsten Bus, der in sein Dorf fährt. Doch auf halber Strecke muss er aussteigen, denn der Weg ist aufgrund der Glätte und des hohen Schnees unpassierbar. So versucht er, sich zu Fuß in sein Dorf durchzuschlagen. Als es beginnt zu dämmern, findet sich Luka von Wölfen umzingelt wieder. Ein Unbekannter rettet ihn und bietet ihm an, in seinem nahegelegenen Haus die Nacht zu verbringen. Am gleichen Abend noch erzählt er dem jungen Studenten am Küchentisch seine Lebensgeschichte. Er sei vor vielen Jahren in einen Werwolf verwandelt worden und streifte von da an in einem Rudel umher, überfiel Tiere wie auch Menschen. In dieser Nacht macht Luka kein Auge zu. Was ist, wenn der Mann nur auf die nächste Gelegenheit wartet, um ihn zu verspeisen? Oder wenn er auch aus ihm einen Werwolf machen möchte? Um nicht einzuschlafen, erinnert sich Luka beständig an seine Kindheit.  

Todesangst und Regimekritik 

Ab dem Verlassen der Stadt schlägt der Roman leisere, nachdenklichere Töne an. Geschieht auf den ersten Seiten noch sehr viel – es sterben mehrere Personen, immer mehr Figuren betreten die Bühne, es kommt zu Schlägereien –, überwiegen von da an die Schilderungen der Gedanken und Emotionen vor allem in Form von ausführlichen Monologen. Besonders die Geschichten, an die sich Luka in der Nacht erinnert, lockern die angespannte Atmosphäre ein Stück weit auf: Sie sind ernst, komisch oder schlichtweg schön. So denkt er beispielsweise daran zurück, wie sein Rind „Kälbchen“, das in Wirklichkeit unglaublich groß war, ihn zur Schule begleitete und vor Bestrafungen durch die Lehrer schützte. Die Erinnerung an die vergangene kindliche Welt stößt in der Hütte des Unbekannten auf Todesangst. Obwohl Lukas Befürchtungen, in einen Wolf verwandelt zu werden, aus rationaler Sichtweise vollkommen unbegründet sind, gelingt es Tschocheli doch, die Perspektive der Dorfbewohner und damit auch Lukas Gedankengänge glaubhaft zu machen. Denn die Bewohner wuchsen mit dem mythischen Glauben an Werwölfe und Teufel auf. Der Autor leitet durch immer dichter auftretende Verweise langsam in den Urglauben ein. So fragt sich auch der Leser bei der Lektüre beständig, wo die Grenze zwischen Fiktion und Realität verläuft – bis er Lukas Angst vollkommen nachvollziehen kann. 

Die Angst vor den Wölfen besitzt nicht nur eine animalische Komponente. Die Wölfe stehen gleichermaßen für „schlechte“, manipulative Menschen, Unrechtsregime, Unterdrückung und das Heidentum. Es handelt sich dabei um Personen, die sich anpassen und zu Wölfen „taufen“ lassen, weil das einfacher ist, als Widerstand zu leisten. Luka fürchtet sich im übertragenen Sinne davor, sein Rückgrat zu verlieren und sich dem Regime anzuschließen, mit dem Strom zu schwimmen, seine eigene Heimat und sich selbst zu verlieren. Als der Roman 1984 erstmals in Georgien veröffentlicht wurde, war eine direktere Anspielung auf die politische Lage nicht möglich. Das angehängte Nachwort schildert die versteckte Systemkritik auch anschaulich für Leser, die sich in der georgischen Geschichte nicht so gut auskennen. So ist Der scharlachrote Wolf aufgrund der Thematik immer noch aktuell. 

Dieses breite Themenspektrum sowie die Art, wie Tschocheli Lukas Geschichte erzählt, machen den Roman zu einer spannenden, aber auch lehrreichen Lektüre. Nur auf den letzten Seiten überdosiert der Autor die fantastisch wirkenden Elemente in der Erzählung über das Unbekannte. Dadurch verlieren sie die zuvor souverän konstruierte Glaubhaftigkeit. Davon abgesehen, ist es lohnenswert, sich von Tschocheli in die fremdartige Welt in den georgischen Bergen und die folkloristische Geschichte entführen zu lassen.  

Goderdsi Tschocheli: Der scharlachrote Wolf. Aus dem Georgischen von Anastasia Kamarauli. 
Frankfurter Verlagsanstalt, 200 Seiten 
Preis: 22,00 Euro 
ISBN 9783627002565 
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2 Gedanken zu „Im Tal der Wölfe

  1. Die Verschmelzung von Autobiografie und Fiktion ist doch sehr gut gelungen, obwohl es auf die echten Werwölfe missen lässt. Da Wölfe und Werwölfe Symbolwert über Georgien hinaus haben, ist der Verweis auf die Regime Kritik fast schon unnötig. Lieber lässt man sich auf einen wunderschön geschriebenen Roman ein, oder nicht? Ein sehr schöner Blog, den man nur weiterempfehlen kann! Alles Gute!
    Ihr
    Thorsten J. Pattberg, Autor der Lehre vom Unterschied

  2. Wunderbar, danke Alina – das hat mich richtig lesehungrig gemacht!

    Da werde ich wohl gleich tatsächlich durch Berlins momentanen Bilderbuchsommer zu meinem Lieblingsbuchladen laufen …

    Ganz herzlichen Dank für diese Anregung und eine sorglose Zeit mit viel Muße zum Lesen
    Bianka

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