„So spendet Segen noch immer die Hand“

Friedrich Christian Delius: Die Birnen von Ribbeck; Cover: Rowohlt Berlin

30 Jahre ist es schon her, dass die Berliner Mauer geöffnet wurde. Anhand des beschaulichen Dörfchens Ribbeck im Havelland und Theodor Fontanes bekannter Ballade porträtiert Friedrich Christian Delius 100 Jahre deutscher Geschichte. Ein wahrer Wortschwall ergießt sich so aus dem vielstimmigen Kreis der DDR-Bürger, deren Erinnerungen zwischen Erleichterung und Vorfreude respektive Resignation und Angst vor der Zukunft changieren.

von THOMAS STÖCK
Der erste Satz ist immer der schwierigste. Nach genau diesem ersten Satz ist in Friedrich Christian Delius’ Erzählung Die Birnen von Ribbeck alles gesagt, denn nach 80 Seiten ohne Punkt, aber mit Komma beschließt der Autor seine Reise ins Havelland. Dreh- und Angelpunkt dieser Erzählung sind das Dorf Ribbeck und die sie besingende Ballade von Theodor Fontane. Beinahe als Omen lässt es sich deuten, dass Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland genau ein Jahrhundert vor der Wende erstmals Herrn von Ribbeck im Havelland in märkischem Platt Kindern eine Birne darreichen lässt und es dort gar heißt, dass der Herr von Ribbeck eine Birne „mit ins Grab“ trägt, aus der wiederum ein Birnbaum für die Kinder des Dorfes erwächst.

Bereits 1991, dem Datum der Erstpublikation seiner Erzählung, erkannte Delius das Potenzial dieses ausgemachten Zufalls: Am Beginn seiner Erzählung begehen Bürger aus Ost und West gemeinsam ein Fest zu Ehren des Dichters und pflanzen vor einem Altenheim – dem ehemaligen Ribbeck’schen Anwesen – einen Birnbaum. Das adelige Anwesen ist zwar immer noch von Kutschen geziert, aber eben auch von „blau lackierten Autos, aus denen Musik hämmerte, lauter als die starken Motoren“. Die laute Musik erinnert die Figuren an ein Damals „mit den russischen Panzern, dem Luftwaffengebell und den Ribbeck’schen Jagdfesten“. Schon hier wird deutlich, dass die ungehemmten Zungen ziellos durch die Epochen irren und alles zum Besten geben, was ihnen in den Sinn kommt.

Birnenschnaps im Reigen um den Birnbaum

Die Verköstigung von Birnenschnaps untermalt motivisch das stattfindende Volksfest, während an die Kinder (wie schon in der Ballade) die Birnen verteilt werden. Um den Birnbaum herum bildet sich indessen ein illustrer Reigen, in dem sich die Erinnerungen Bahn brechen: „jetzt kommen sie alle nach Ribbeck, […] und suchen die milden Großväter in der Figur des alten Ribbeck, und lieben die Zeit, die es nie gegeben hat, die gute alte“. Dass es eine solche weder unter dem Kaiser noch unter den beiden faschistischen bzw. kommunistischen Diktaturen gegeben hat, führt bei den Dörflern zur Resignation: „irgendwie werden wir schon, irgendwie werdet ihr uns, ich ergebe mich freiwillig allem was kommt, keine Kraft mehr, keine Lust auf welchen Anfang“. Auch den Protagonisten des Fontane-Gedichts nehmen sich die Figuren an; sie berichten von den ehemaligen Herren von Ribbeck im Havelland, die allesamt den Namen Georg tragen und nach der Wende versuchen, ihr Eigentum wieder zu erstreiten.

Verschmelzende Geschichte im Havelland

Der Mikrokosmos der Erzählung, das Dörfchen Ribbeck im Havelland, wächst sich zu einem Abriss der deutschen Geschichte aus, in der die den Westlern – teils möglicherweise bis heute – unverstandene Perspektive der DDR-Landbevölkerung eingenommen wird. Delius selbst berichtet im Nachwort von einem schier endlosen Gespräch mit einem Dorfbewohner, welches ihn auf die Idee der Erzählung brachte und ihn an „eine Geschichte von Gabriel García Márquez oder Juan Rulfo“ erinnerte: eine Erzählung, „in der Mythen, Sagen, Gerüchte, politische Fakten und die merkwürdigsten Schicksale auf den Feldern ununterbrochener Ausbeutung blühen und unchronologisch und phantastisch miteinander verwachsen – […] hier, in einem Dörfchen, ein paar Kilometer vor deiner Haustür“.

Am Ende ist es im dörflichen Kosmos doch noch immer so, wie es schon einst war: „So spendet Segen noch immer die Hand / Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.“ Delius’ authentisches Porträt eines traditionsbewussten Dorfes und seiner Bewohner sollte schon 1991 zur Verständigung der einander fremd gewordenen Deutschlands beitragen. Ob eine solche Verständigung im Zuge der Wiedervereinigung tatsächlich zustande kam? Am besten, man wirft einen nachdenklichen Blick zurück – auf Ribbeck im Havelland.

Friedrich Christian Delius: Die Birnen von Ribbeck. Mit einem Nachwort des Autors
Rowohlt Berlin, 108 Seiten
Preis: 15,00 Euro
ISBN: 978-3-7371-0077-9

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