Der falsche Weg führt aus dem Chaos

Regina Scheer: Gott wohnt im Wedding; Penguin

Es hat einfach nicht gepasst: In Regina Scheers Roman Gott wohnt im Wedding unternimmt die Autorin den anspruchsvollen Versuch, die Parallelen zwischen Antisemitismus und Antiziganismus erzählerisch nachzuzeichnen. Ein Haus als neutraler Beobachter, der Student aus der Romanmaschine und weitere merkwürdige Begebenheiten verhindern jedoch, dass die grundsätzlich ansprechenden Erzählfäden auch eine gelungene Geschichte ergeben.

von THOMAS STÖCK
Spoilerwarnung: Wer Regina Scheers zweiten Roman Gott wohnt im Wedding noch lesen möchte, wird in der nachfolgenden Rezension mit unliebsamen Details über das Ende dieser Erzählung konfrontiert. Wer die Rezension dennoch liest, erfährt, warum eine Lektüre dann vielleicht auch gar nicht mehr notwendig ist. Ausgangspunkt dieser verworrenen Erzählung ist ein Haus im Berliner Wedding, in dem die Protagonisten wichtige Abschnitte ihres Lebens verbringen. Doch das Haus ist nicht nur (zeitweiliger) Lebensmittelpunkt für die dort lebenden Menschen, sondern fungiert als objektiver Beobachter der eintretenden Ereignisse: „[M]an hört mich, aber versteht nichts. Ich kann […] meinen Bewohnern nicht sagen, dass ein Unglück geschehen wird.“ Dass die Perspektive des Hauses eingenommen wird, erscheint zunächst als schöner Kniff, um die einzelnen Parteien des Hauses aus einer Außenperspektive heraus sprechen zu lassen. Der Löwenanteil der Erzählung wird jedoch klassisch aus der Sicht der Protagonisten geschildert, sodass die Haus-Passagen wie ein Fremdkörper wirken, der von der eigentlichen Handlung ablenkt. Dabei zeigt die Autorin hier durchaus das Potenzial einer solchen Erzählung auf, wenn sie beispielsweise auf Landarbeiter-Vokabular eingeht, das während des Hausbaus die dortigen Wände erfüllte: „Wenn sie einen nach der Religion fragten, meinten sie den Beruf. Manche hatten Bäcker gelernt, die waren in ihrer Sprache Teufel, ein Klempner war ein Sonnenschmied oder Blecher, einen Schmied nannten sie Flammer oder Funkenstieber. Knechte, also Arbeitsscheue, waren sie nicht.

Discipulus ex machina

Das eigentliche Thema gerät hierbei aber zur Nebensache: Die Vergangenheit von Laila Fidler, einer deutschen Sintiza; von Leo Lehmann, einem deutschen Juden; und von Gertrud Romberg, einer Deutschen, die Leo und dessen besten Freund Manfred bei sich zu Hause während der NS-Diktatur aufnahm und mit Letzterem eine Liebschaft unterhält, bis Manfred festgenommen wird. Dies sind nur die Hauptstränge der Erzählung, gleichzeitig werden dem Leser die Widerfahrnisse von Lailas Eltern und Großeltern berichtet, von Leos Ehefrau und seiner Enkelin Nira wird erzählt, die mit ihm im Wedding lebt und dort eine Liebelei mit dem ebenfalls jüdischen Amir wiederaufnimmt. Dann gibt es da noch die kaputte Ehe von Laila mit Jonas, der sich angeblich für die Belange der Sinti und Roma einsetzt. Zudem wird auch noch die Gentrifizierung des Wedding aufgezeigt, die dafür sorgt, dass Immobilienhaie sich auf das marode Haus und dessen Bewohner stürzen. Weitere Roma-Familien aus Rumänien repräsentieren die Defizite des heutigen Umgangs der deutschen Politik mit den Roma und – als wäre die Geschichte noch nicht verworren genug –die Geschichte vom Hitlerjungen Wagnitz, der angeblich von Kommunisten ermordet wurde, reiht sich ein in die illustre Erzählwelt.

Vermengt wird das Ganze mit einigen fragwürdigen Entscheidungen, die einerseits Spannung, andererseits intellektuellen Tiefgang erzeugen sollen. Doch beides klappt nicht so recht. Da ist beispielsweise die Figur des discipulus ex machina, also dem Studenten aus der Romanmaschine. Diese materialisiert sich im Geschichtsdoktoranden Stefan, der Oma Gertrud – er nennt sie tatsächlich nur Oma – erklärt, welche Infos zum Fall Wagnitz in den Akten auffindbar waren. Ob es Zufall ist, dass die Autorin im Nachwort von einem Gespräch mit dem Historiker Kurt Schilde zu genau diesem Thema berichtet? Dann tritt auch noch ein Biologiestudent in Erscheinung, der zufällig genau dann vorbeikommt, als Bulgaren ein paar eingeschleppte Schaben im Haus hinterlassen haben, sodass er diese untersuchen und die rassistische Familie Kaiser – die natürlich ebenfalls im Haus wohnt – darüber aufklären kann, dass dieses Ungeziefer auf keinen Fall von den Sinti und Roma im Hause stammen kann. Hinzu kommen weitere ausgemachte Zufälle, sodass Berlin und Umgebung zu einem Dorf werden, in dem jeder jeden kennt.

Einseitige Monologe sind keine Pluralität

Wem diese zahlreichen Zufälle noch nicht das Lesevergnügen verdorben haben, der wird trotzdem am Ende enttäuscht. Scheer lässt Leo Lehmann beispielsweise zu Interviews mit Holocaust-Überlebenden Folgendes berichten: „Leo hat nie solche Interviews gegeben und er ist auch skeptisch gegenüber jeglicher Erinnerungsliteratur. Was da erzählt wird, ist immer nur ein Teil der Wahrheit. Manchmal nicht einmal das.“ Ein Verweis auf das vorliegende Buch und dessen Wahrheitsgehalt? Leos Enkelin Nira avanciert kurz vor Schluss auch noch zur schärfsten Israel-Kritikerin im Gespräch mit ihrem Großvater: „‚[W]er seit zweitausend Jahren nicht dort war, darf ins Land, wenn er Jude ist, aber wer seit zweitausend Jahren dort lebt, bekommt nicht das volle Bürgerrecht, wenn er kein Jude ist. Ist ein ethnisch homogener Staat heute überhaupt lebensfähig, kann es ihn jemals geben?‘“ Den Israel-Palästina-Konflikt in einem Gespräch von wenigen Seiten dergestalt abzuarbeiten, zeugt von einer immensen Verkennung dieses deutlich komplexeren Konflikts. Scheer unterdessen legt ein solches Schwarz-Weiß-Denken an den Tag, dass hier der böse israelische Staat und dort die unschuldigen Palästinenser stehen. Aber es geht noch weiter, denn Leo wirft seiner eigentlich doch geliebten Enkelin vor: „‚Willst du Israel mit Nazi-Deutschland vergleichen?‘“ Will Nira das? Nein, natürlich nicht. Warum versteigt sich ein Holocaust-Überlebender zu einer solchen Dummheit, einer so fragwürdigen, weil jedwede Diskussion ad absurdum führenden Aussage? Vielleicht spricht an dieser Stelle nicht ein Holocaustüberlebender zum Leser, sondern Regina Scheer.

Weitere Gruppen werden ebenso vernichtend abgeurteilt: „‚Komm mir nicht damit, dass die Deutschen sich so toll erinnern. Sie schmücken sich damit, wie vorbildlich sie ihre beschissene Vergangenheit aufarbeiten.‘“ Alle Deutschen sind also gleich (gleich schlecht in diesem Fall). Und über das Ende einer Roma-Demo wird Folgendes festgestellt: „‚Friedlich ist es nie, wenn Polizisten mit Kampfhelmen im Dunkeln auf die Leute zukommen. Da waren ja Kinder dabei, Alte.‘“ Ein so einseitiger Monolog bevormundet den Leser. Es scheint ganz so, als traue Scheer ihrem Publikum nicht zu, sich selbst eine Meinung aus dem Stimmenmeer zu bilden. Wer ein zumindest anteilig zum Thema passendes Buch mit einer tatsächlichen Meinungspluralität lesen möchte, dem sei an dieser Stelle Philip Roths Autofiktion Operation Shylock. Ein Bekenntnis (1994, Orig.: Operation Shylock. A Confession) empfohlen.

Vorhersehbares Storytelling mit billiger Effekthascherei

Es ist traurig, dass ein so wichtiges Projekt in ein so fahriges Ende mündet. Ebenfalls ist es schade, dass das so vorhersehbare Romanende, einerseits die Aussöhnung von Leo und Gertrud, andererseits der Einsturz des baufälligen Hauses, genauso eintritt, wie man sich dies von der ersten Seite an ausmalt. Dass ein einzelnes Gespräch wie bei einer billigen Seifenoper über 400 Seiten lang beständig angedeutet wird, es dann aber so nichtssagend ausfällt, liegt hauptsächlich daran, dass Gertrud eigentlich gar keine Schuld trifft am Verschwinden Manfreds. Diese Kernhandlung ist leider so vorhersehbar, dass auch keine billige Effekthascherei wie ein Haus als Beobachter dies kaschieren kann.

Endgültig zur Groteske gerät der Roman aber dann, wenn die Roma Suzana ihre Tochter Felicitas, die sie aus einer Liaison mit einem anderen Mann im Verlaufe der Handlung gebärt, kurzerhand im Haus aussetzt und mit ihrem Ehemann und dem gemeinsamen Sohn nach Barcelona abhaut, weil sie das Kind an die eigene Verfehlung erinnert. Dieser eigentlich unbedeutende Nebenschauplatz erscheint in einer ansonsten auf eine eindeutige Wirkung abzielenden und zu genau diesem Zwecke funktionalisierten Geschichte ungeheuer deplatziert. Am Ende enttäuscht Gott wohnt im Wedding auf ganzer Linie.

Regina Scheer: Gott wohnt im Wedding
Penguin Verlag, 416 Seiten
Preis: 24,00 Euro
ISBN: 978-3-328-60016-9

2 Gedanken zu „Der falsche Weg führt aus dem Chaos

  1. Habe das Buch ähnlich beurteilt. Das Erzählen aus der Perspektive das Hauses wirkte wie ein gezwungenes Gymmick, das hohe Literatur suggerieren soll. Die antiisraelische Schlagseite… naja, an die hat man sich leider schon fast gewöhnt.

    • Das ist wirklich ernüchternd, zum Glück gibt es auch genug Gegenbeispiele. Ich hätte mir gewünscht, dass wenn man kritisiert (was auch im Falle Israels erlaubt sein sollte), es wenigstens gute Gründe auf die Buchseiten schaffen.

      Thomas

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