Die Welle bricht über uns herein

Daniel Defoe: Die Pest in London; Jung und Jung

Mit seinem Bericht Die Pest in London dokumentiert Daniel Defoe den Umgang der Londoner Bürger mit einer der größten Katastrophen, der sich die englische Metropole in der Neuzeit ausgesetzt sah. Dabei stützt sich Defoe sowohl auf nüchterne Zahlen statistischer Erhebungen als auch auf äußerst heterogene Einzelschicksale. Eine vortreffliche Neuübersetzung haucht diesem stellenweise ziemlich anstrengenden Erzählstil neues Leben ein.

von THOMAS STÖCK

Dieser Beitrag ist Teil der Reihe Die Pest.

Es ist ein Bild, das an die Gezeiten erinnert. Auf unerklärliche Weise bewegt sich die See unaufhaltsam gen Land und begräbt unter sich, was eben noch frei zugänglich war. Und auf ebenso unerklärliche Weise, nachdem man schon beinahe fürchtete, das Meer verschlinge auch den letzten Stein, zieht sich das Meer wieder zurück. Ohnmächtig angesichts einer solchen überirdisch scheinenden Gewalt blicken die Menschen dem Wellengang entgegen. Ungefähr so muss man sich wohl auch die Entwicklungen 1665 in London vorstellen. Schon im Jahr zuvor wurde – wohl über einen Pestausbruch in Holland – die Krankheit eingeschleppt, im Dezember kommt es zu ersten Todesfällen. Und dann kommt wieder für einige Zeit: nichts. Es bedarf nur ein paar kalter Tage und die Lage beruhigt sich. Doch dies ist nur die Ruhe vor dem Sturm: Etwa ein Fünftel der Stadtbevölkerung wird der Schwarze Tod auslöschen, zu der Zeit sind dies etwa 70.000 Menschen. Im Vergleich zu anderen Städten – denkt man beispielweise zurück an Florenz im 14. Jahrhundert, wo Schätzungen zufolge gar die Hälfte der Stadtbevölkerung dahingerafft wurde – kommt London damit glimpflich davon. Und doch fürchtet jeder Einwohner nachvollziehbarerweise, der Nächste zu sein.

„Ich aber, ich blieb am Leben.“

Von diesen katastrophalen Zeiten schreibt der Ich-Erzähler in Daniel Defoes Die Pest in London (Orig.: A Journal of the Plague Year), in denen er um sein eigenes Leben fürchten musste. Erst am Ende seines Berichts ist sicher: „Ich aber, ich blieb am Leben.“ Defoe selbst erlebte die Epidemie im Alter von fünf Jahren. Es wird heute gemutmaßt, dass die Initialen H. F. am Ende des Berichts für seinen Onkel Henry Foe stehen könnten. Defoe stützt seine Darstellung auf Sterbelisten, auf öffentliche Handlungsanweisungen, aber zu einem Großteil auch auf das Hörensagen der Londoner Bürger. An manchen Stellen verkompliziert sich dadurch die Unterscheidung von Fakt und Fiktion. Vielfach bezieht sich Defoe auf die unterschiedlichen Reaktionen einzelner Bürger auf das eigene Erkranken, ebenso auf behördliche Anweisungen. Ein Brüderpaar begleitet der Erzähler auf ihrer Flucht aus London von einem Abenteuer ins nächste, an anderer Stelle legt er einigen Schuften das Handwerk mit folgenden Ausführungen: Es sei göttliche Fügung, dass gerade diejenigen, die die Pest und die von ihr Betroffenen verlachten, selbst an ihr zugrunde gingen. So eindeutig wie im letzteren Fall sind erzählerische Eingriffe in die tatsächlichen Begebenheiten jedoch nur selten.

Wer bereits Robinson Crusoe auf seiner von Defoe geschilderten Reise begleitet hat, dürfte mit der religiösen Stilisierung der Lebensrealität durch den Autor bereits bekannt sein. Für die heutige Leserschaft wirkt dieses ewige Beharren auf dem ‚Willen Gottes‘ wie ein Fremdkörper. Mit Wichtigerem kann man sich erst dann wieder beschäftigen, wenn man H.F.s seitenlange Ausführungen überwunden hat, die allesamt darum kreisen, dass er sein Überleben trotz des Verbleibs in der Stadt auf einen göttlichen Plan mit seiner Person zurückführt. Die Stärke der Pest in London besteht gerade darin, dass der Erzähler sie als „eine Anweisung zum Handeln“ begreift, sodass er alles auf den Prüfstand stellt: Welche behördlichen Maßnahmen greifen? Wie gut arbeiten Ärzte? Welche Reaktionen seitens der Bevölkerungen schaden, welche helfen bei der Eindämmung der Pest? Dies führt zu einem ausgewogenen Für und Wider einer Bandbreite an Aspekten, bei denen der Erzähler sich nicht scheut, auch konträre Positionen darzulegen. Für Geschichtsinteressierte ist ein so detaillierter Erlebnisbericht eine wahre Freude.

Zu Tode betrübt – himmelhochjauchzend

H. F. bemüht sich über weite Strecken um einen sachlich-nüchternen Ton, trotzdem ist die Gefühlswelt der Londoner Bürgerschaft stets nachvollziehbar. Hierfür sind vor allem zwei Faktoren ausschlaggebend: Defoe gesteht den Einzelschicksalen stetig mehr Worte zu – und Übersetzer Rudolf Schaller lässt aus dem ausschweifenden Erzählstil eine passgenaue Übersetzung erwachsen. Nicht eine Sekunde zweifelt der Leser daran, selbst auf den Straßen Londons zu wandeln. Und trotzdem bedient sich Schaller eines leicht verständlichen Vokabulars, das aus der stockenden Erzählung ein flüssiges Gesamtgefüge erzeugt. Ein eindrucksvolles Beispiel hierfür sind einige Verse, die die zunächst vorherrschende Endzeitstimmung verballhornen: „Von Schiffen, Heeren, Schlachten ein Gewimmel / Sieht die erregte Phantasie am Himmel, / Bis klarer Blick das Dunstgebild erkennt / Als das, was man ganz einfach Wolken nennt.“ Und so fällt es dem Leser zu keinem Zeitpunkt schwer zu begreifen, warum die Londoner angesichts des grenzenlosen Schreckens zu Tode betrübt sind (und laut Defoes Bericht auch so manches Mal an einem gebrochenen Herzen ob des Verlusts geliebter Familienmitglieder sterben), nur um am Ende der Epidemie himmelhochjauchzend in einen wahren Freudentaumel zu verfallen.

Durch den bereits erwähnten Detailreichtum lassen sich auch heute noch trefflich Mutmaßungen darüber anstellen, warum in London ein vergleichsweise geringer Anteil der Gesamtbevölkerung starb. Die behördlich ergriffenen Maßnahmen lobt H. F. ausdrücklich, einzig die gemeinsame Quarantänisierung von Kranken und Gesunden kritisiert der Erzähler, da auf diese Weise viele noch gar nicht Erkrankte möglicherweise zum Tode verurteilt wurden. Für die Ärzte und die öffentliche Verwaltung ist der Erzähler ansonsten aber voll des Lobes – im Gegensatz zu anderen Pestberichterstattern wie Boccaccio im 14. Jahrhundert. Als eine aus heutiger Sicht wohl besonders grausame Maßnahme benennt H. F. das Töten aller Haustiere: 40.000 Hunde seien zu Tode gekommen und sogar fünfmal so viele Katzen. In einem Nebensatz wird hier auch erwähnt, dass allen Ratten in der Stadt ebenfalls der Garaus gemacht wurde – und somit auch dem Pestbakterien-Wirt, dem Rattenfloh, die Lebensgrundlage entzogen wurde. Schlussendlich konnte die Pest erfolgreich zurückgeschlagen werden. Ob durch Zufall, göttliche Vorsehung oder doch durch gewisse Erfahrungswerte aus vergangenen Katastrophen, darüber kann sich der Leser der Pest in London selbst ein Bild machen.

Hier geht es zum ersten Teil der Reihe Die Pest.

Im kommenden Teil besprechen wir Klaus Bergdolts Die Pest. Geschichte des Schwarzen Todes sowie Der Schwarze Tod in Europa. Die Große Pest und das Ende des Mittelalters desselben Autors.

Daniel Defoe: Die Pest in London. Aus dem Englischen von Rudolf Schaller
Jung und Jung Verlag, 400 Seiten
Preis: 25,00 Euro
ISBN: 978-3-99027-248-7

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