Aufstieg und Fall eines Genies

Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie; Diogenes

Klaus Cäsar Zehrers Das Genie ist mehr als nur eine Biographie über den – so heißt es – klügsten Menschen, der bislang auf diesem Planeten weilte: Der Roman ist ein ausgezeichnet recherchiertes Porträt, Abbildung der Geschichte, philosophisches Traktat und fesselnde Unterhaltung in einem. Kurz gesagt: ein wirklich gutes Stück Literatur des 21. Jahrhunderts.

von ALINA WOLSKI

1910 – die wissenschaftliche Prominenz und die Presse sind versammelt, um dem elfjährigen William James Sidis im Harvard-Math-Club zuzuhören, wie dieser auf brillante Weise über die vierte Dimension referiert. Wenig später soll in der Zeitung stehen, der junge Sidis habe die vierte Dimension „erfunden“. Der Stern (lateinisch Sidis) soll nach dem Wunsch seines Vaters – Boris Sidis – nie untergehen, sondern noch den nächsten Generationen ein Begriff bleiben. William James Sidis: der Junge, an dem die Sidis-Erziehungsmethode zum ersten Mal erfolgreich ausprobiert wurde. Boris träumt von Sidis-Kindergärten, Sidis-Schulen, Sidis-Instituten. Doch, wie wir erkennen, wenn wir uns umblicken und von keiner solchen Schule wissen oder gar nach dieser Methode selbst erzogen wurden, sollte der Stern bald wieder fallen.

Alles auf Anfang. Boris Sidis, ein ukrainischer Landsmann, flieht vor den Judenpogromen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die Vereinigten Staaten. Mit nichts mehr als seinem Wissensdurst in New York angekommen, schlägt sich der junge Mann mit Gelegenheitsjobs durchs Leben. Es gelingt ihm sich hochzuarbeiten, sogar in Harvard zu studieren, anerkannter Psychologe zu werden und zwei Doktortitel zu erwerben. Etwas über den Kopf seiner Frau Sarah hinweg entscheidet er, den gemeinsamen Sohn, William James, nach einem eigens von ihm konzipierten System großzuziehen: der Sidis-Methode. Vom ersten Tag nach seiner Geburt an üben Boris und Sarah mit ihm: Sprachen, Zahlen, Lesen, Schreiben. Es stellen sich schnell Erfolge ein. In der Schule langweilt sich William James Sidis. Er – gewissermaßen ein wandelndes Lexikon, der nichts vergisst, was er ein Mal gelesen hat – kennt die Antworten auf alle Fragen der Lehrer, überspringt mehrere Klassen. Mit neun Jahren besteht er den Aufnahmetest für Harvard, wird jedoch als zu jung befunden, um schon zu studieren. Im Alter von elf Jahren darf er das Studium schließlich in einem speziellen Programm für begabte Kinder beginnen.

Ein fallender Stern

Doch über einen Bachelorabschluss sollte seine Karriere nicht hinausreichen. Grund dafür sind der Druck seiner Eltern, Williams gefestigter Pazifismus, der ihm bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum Verhängnis wird, sein Streben nach Gerechtigkeit und Revolution sowie der beharrliche (juristische) Kampf gegen die Medien und für seine Privatsphäre.

Darüber hinaus ist William James Sidis auf zwischenmenschlicher Ebene nicht sonderlich geschickt. Das, was er analytisch kann (40 Sprachen beinahe mühelos erlernen, riesige Zahlenketten miteinander verrechnen), fehlt ihm hier nun. Als er einen Lehrauftrag erhält, scheitert er an der Undiszipliniertheit seiner Studenten, gegen die er sich nicht durchsetzen kann und so keine einzige Unterrichtsstunde gibt. Immer mehr verwahrlost sich das Genie. Als er entscheidet, aufgrund der potentiellen Gefahr der Forschung und des Denkens (seine Ideen könnten ja schließlich in Dürrenmatts Sinne in falsche Hände geraten und so gegen sein Prinzip des vollkommenen Pazifismus verwendet werden), nur noch Arbeit anzunehmen, in der er ersetzt werden kann und sich auch vollends von seinen Eltern distanziert, ist von dem einstigen Wunderkind nur noch wenig übrig. Für wenige Dollar gibt er Zahlen in einem Comptometer (ein Vorläufer des Taschenrechners) ein, haust in kleinen heruntergekommenen Kammern, schmiedet in seinem Geiste Pläne für die Weltrevolution und veröffentlicht alle mögliche Literatur über Straßenbahnen – sein Lieblingsgebiet –, ohne dadurch eine große Leserschaft anzusprechen oder gar ein stabiles Einkommen generieren zu können.

Ein Geniestreich

Diesen Wandel stellt Klaus Cäsar Zehrer in Das Genie auf beeindruckende Weise dar. Vor allem ist er seinen Figuren – nicht nur William James – so nahe, dass man im Laufe der 656 Seiten das Gefühl bekommt, jede einzelne Person einen kleinen Abschnitt auf ihrem Lebensweg begleitet zu haben. Bei diesem Thema – der Biographie eines Genies – erwartet man diese Vielschichtigkeit kaum, die man schließlich in den Händen hält: ein so umfangreiches Stück guter Literatur, die neben aufwändig recherchierten Fakten in Form einer mitreißenden Geschichte serviert auch noch Wissen vermittelt, sich in jede einzelne Figur hineinversetzt, ohne auch nur eine Seite langwierig zu wirken.

Nebenbei schneidet Zehrer viele Themengebiete nicht nur an, sondern vertieft sie in angemessener Weise. Der Leser erfährt von dem Recht auf Privatsphäre in den Vereinigten Staaten zu Beginn des 20. Jahrhunderts, dem Konflikt zwischen Boris Sidis Psychologie und der Psychoanalyse der Freudianer, den grammatikalischen Eigenheiten von Sprachen, von dem Wesen des Menschen mitsamt seinen Stimmungslagen sowie Gefühlen und wird schließlich auf die existentiellste Frage unseres Daseins gestoßen: Wozu bist du in der Welt?

Sprachlich gestaltet der Autor seine Ausführungen eher schlicht, was zur einfachen Lesbarkeit führt. Gelegentlich sind Zeitungsauszüge im originalen Wortlaut zitiert oder die Schriften der Sidis-Familie. Bei diesem Facettenreichtum und der gleichzeitig dürftigen Quellenlage lässt es sich kaum glauben, wie genau Zehrer recherchiert haben muss. Doch das Nachwort lässt keine Zweifel offen: So nah wie der Autor dem Wunderkind gekommen ist, ist es wohl niemand, der ihn nicht selbst zu Lebzeiten miterlebt hat. Damit gelingt Zehrer mit Das Genie wahrhaftig ein Geniestreich – ein Roman für jeden, der mal wieder ein wirklich gutes Buch lesen möchte.

 

Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie
Diogenes, 656 Seiten
Preis: 14,00 Euro
ISBN: 9783257244731

 

2 Gedanken zu „Aufstieg und Fall eines Genies

    • Vielen Dank für den Verweis auf das Essay! Am Schreibstil habe ich mich auf den ersten etwa 50 bis 100 Seiten auch ein wenig gestört (bei dem Thema – dachte ich – müsse auch der Schreibstil zumindest versuchen, mitzuhalten), dann aber sehr schnell gewöhnt und ihn auch wert zu schätzen gewusst. Es ist halt ein weitestgehend schnörkelloser Roman, der den Inhalt in den Vordergrund rückt. Den Aspekt des Politischen finde ich in der Besprechung sehr interessant beleuchtet! Das ist mir beim Lesen gar nicht so stark (oder gar negativ) aufgefallen.
      Bezüglich der nicht ganz so tief ausgeführten thematischen Abrisse: Für mich war es genug, um sie im Kontext zu begreifen und das Geschehen einzuordnen, aber gleichzeitig auch ein Auslöser, mich mit bestimmten Themen weitergehend zu beschäftigen. Klaus Cäsar Zehrer hatte ja auch nur begrenzt Platz, wenn er daraus nicht gleich eine Trilogie machen wollte und hat sich bewusst entschieden, die Biographie des jungen Sidis ins Zentrum des Geschehens zu stellen. Das finde ich auch schön an Büchern – sie regen an, sich weiter zu informieren, zu recherchieren und vielleicht kommt man so von einem Buch auf die nächste Lektüre. 🙂

      Grüße, Alina Wolski

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