Hinter den Kulissen des Bauhauses

Jana Revedin: Jeder hier nennt mich Frau Bahaus; Dumont

Zum 100. Bauhaus-Jubiläum 2019 erschien viel Neues, was sich mit dem Baustil der Klassischen Moderne, den prägenden Künstlern und der Kunstschule als solcher beschäftigt. Jana Revedins biografischer Roman Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus wirft einen allumfassenden und doch subjektiven Blick auf und hinter die Fassaden des Bauhauses. Die Protagonistin Ise Frank entlarvt, wie progressiv das Bauhaus unter ihrem Ehemann Walter Gropius tatsächlich war. Der Roman bleibt in diesen Schilderungen leider ziemlich oberflächlich.

von JASMIN GIERLING

 

Jana Revedin zeichnet das Leben von Ise Frank biografisch nach. Der Roman begleitet sie auf ihrem Weg der unabhängigen Schreiberin und Buchhändlerin aus München zur „Frau Bauhaus“. Die Beziehung mit Walter Gropius war von Anfang an geprägt durch seine Abhängigkeit von ihr. Ises Direktheit, Selbstsicherheit und Neugierde helfen dem egoistischen Gropius, das Bauhaus in Weimar und später Dessau zu der Kunstschule zu machen, die noch heute für ihre fortschrittliche Kunst gefeiert wird. Im Hintergrund der typischen Bauhaus-Protagonisten à la Schlemmer oder Gropius hält Ise Frank das soziale Gefüge des Bauhauses zusammen. Sie übernimmt große organisatorische Verantwortung und berücksichtigt die Ideologie bzw. avantgardistische Ästhetik des Bauhaus-Stils in all ihren Tätigkeiten.

Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus will starke Frauen porträtieren: Als Ise das Meisterhaus für sie und Gropius in Dessau entwirft, bringt sie das Leben der „emanzipierten Frau“ in die Wohnarchitektur. Effektive Gestaltung, die die Arbeit im Haushalt unterstützt und erleichtert – ein Archetyp des Bauhauses und eine Visualisierung modernen Lebens ist geschaffen. Als emotionale Stütze an der Seite ihres Mannes kann sie sich unabhängig von ihm einen eigenen Namen am Bauhaus machen. Stets an ihrer Seite sind die Fotografin Irene Hecht sowie Manon Gropius, ihre Schwiegermutter. Deren Sohn macht sich allerdings rar, lebt scheinbar nur für ‚sein‘ Bauhaus. Eigenständig arbeitet Ise als Autorin an Artikeln über das Bauhaus und beeinflusst damit stark die Außenwirkung der Kunstschule.

Die politische Stimmung der Weimarer Republik sowie strukturelle Umordnung weisen schließlich auf das Ende des Bauhauses hin, werden aber nur am Rande im Roman thematisiert. Allerdings bietet Revedin am Schluss immerhin einen historischen Ausblick über das Bauhaus in Amerika und den weiteren Werdegang der Figuren dort.

 

Eine wahre (Bau)Geschichte?

Die sich stellende Frage nach Authentizität ist leicht zu beantworten: Der Roman bietet eine ausgewogene Mischung aus fiktiven Gesprächen und Gefühlen der Figuren sowie historisch-politischen Ereignissen, Personen und tatsächlich realisierten Bauplänen. Nicht nur Bauhaus-Experten sind Persönlichkeiten wie Walter Gropius oder Oskar Schlemmer bekannt, politische Ereignisse in der Weimarer Republik liefern eine konkrete historische Einordnung der Geschichte um Ise Frank. Die Autorin, selbst Professorin für Architekturtheorie und Architektin, vereint bauhistorische Fakten mit Ise Franks Tagebucheinträgen. Allerdings macht der Roman erst so richtig Spaß, wenn man die Hinweise auf die Biografien der Bauhaus-Protagonisten auch als solche lesen kann. Dass Gropius auch ein eiskalter Geschäftsmann und Einzelgänger war oder wie unverfälscht die Beschreibung des Meisterhauses durch Ises Augen tatsächlich ist, erschließt sich dann doch nur dem Bauhaus-Kenner. So wird das Leben am Bauhaus unter Bauhäuslern überzeugend dargestellt, der architekturhistorische Hintergrund eröffnet sich aber lediglich dem Leser, der bereit ist, sich auf ein ständiges Changieren zwischen Fakt und Fiktion einzulassen, da sonst der oberflächliche Eindruck einer erdachten Geschichte entsteht. Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus spielt aber mit ebendieser undefinierten Koexistenz von biografisch-historischen Erlebnissen und deren fiktionaler Ergänzung. Damit weist der Roman einige Parallelen zu Theresia Enzensbergers Blaupause auf. Auch hier ist die (bauende) Frau am Bauhaus Protagonistin, gibt Einblicke in das studentische Leben an der Kunstschule in der Weimarer Republik, das sie größtenteils in der Weberei verbringen muss. Mit der Serie Die neue Zeit wurde im September 2019 auch im ZDF das Leben der Bauhaus-Protagonisten erzählt.

 

Die neue Frau

Frauen am Bauhaus waren tatsächlich meist in der Weberei anzutreffen. Avantgarde in der Architektur war an der Kunstschule nicht gleichbedeutend mit dem Niederlegen von Rollenklischees. In Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus sind es jedoch vor allem die Frauen, die der Kunstschule ihre Progressivität verleihen. Ise handelt selbstständig, vorausschauend, zielorientiert und findet effiziente Lösungen, ihr Ehemann wirkt dagegen unsensibel und beinahe unfähig, Verantwortung zu übernehmen. Ise ist gesellige Akteurin, stark und doch einfühlsam. „Ise, ich brauche dich“ – ein Leitmotiv des Romans. In ihrem Meisterhaus, das als repräsentatives Musterhaus für die Bauhaussiedlung und Wohnraum der Gropius-Eheleute fungiert, schafft sie eine Architektur, die den Alltag der arbeitenden Frau mittels moderner Technik und effektiver Anordnung der Ausstattung erleichtert. Auch die Beziehung zu Irene repräsentiert das emanzipierte Wesen der beiden: Eine kaum definierbare Erotik und tiefe Freundschaft verbindet sie, das Liebesleben mit „Obertragiker“ Gropius bleibt hingegen von Beginn an kühl, rein rational.

 

Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus bringt das Architektur-Phänomen Bauhaus und den literarischen Roman in einen harmonischen Einklang: leichte Kost, die mehr bietet, wenn man sich auf die architektonischen Hinweise und theoretisches Hintergrundwissen einlassen möchte. Teilweise sind die Beziehungen der Figuren zueinander sehr oberflächlich angerissen und die einzelnen Abschnitte (viel) zu kurz erzählt. Faszinierend ist wiederum, wie Revedin den Ton der Ambivalenz für die Bauhaus-Umgebung trifft und trotz historischer und biografischer Grenzen keine eindeutige Meinung darlegt. Der Roman handelt nicht von Sympathie oder Antipathie bezüglich der Kunstschule oder deren Protagonisten. Vielmehr ist er ein fiktives Zeitzeugnis zum Bauhaus-Jubiläum. Tatsächlich fesselt die Geschichte wegen ihrer vielen inhaltlichen Sprünge kaum, ist doch der rote Faden einzig die Figur Ise Frank und der einzige Handlungsort das Bauhaus. Die politisch aufreibende Zeit rundherum feiert momentan schließlich auch eine Art Jubiläum – daher würde ihre intensivere Darstellung die Erzählung über eine Frau, die ihrer Zeit voraus war, um ein Beträchtliches anreichern.

 

Jana Revedin: Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus
Dumont, 304 Seiten
Preis: 22,00 Euro
ISBN: 978-3-8321-8354-7

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