Abnabelungsprozess gescheitert (?)

Eva Roman: Pax; Klaus Wagenbach

In ihrem zweiten Roman widmet sich Eva Roman dem seit Jahrhunderten literarisch häufig verarbeitetem Thema des Erwachsenenwerdens. Dank einfühlsamer Figurenzeichnung und herrlich ambivalenten Figurenbeziehungen gelingt es Roman trotzdem die bereits hundertfach erzählte Geschichte der Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen spannend und anregend zu gestalten.

von CARO KAISER

Es gibt Genres, die einfach nicht totzubekommen sind. Bildungs- und Entwicklungsroman, die die charakterliche und geistige Entwicklung ihrer heranwachsenden Protagonisten beschreiben, wären solche Genres. Seit Jahrhunderten spinnen Autorinnen und Autoren Geschichten über junge Menschen und die Schwierigkeiten, denen sie auf ihrem Weg ins Erwachsenendasein begegnen, und seit Jahrhunderten finden sich begeisterte Leserinnen und Leser dieser Geschichten. Die sich ständig ändernden politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Kontexte, in denen Menschen aufwachsen, tragen ihren Teil zu der beständigen Beliebtheit von Coming-of-Age-Geschichten bei.

In Eva Romans zweitem Roman Pax sind es die 1980er und 1990er Jahre, durch die sich der junge, titelgebende Protagonist Pax schlagen muss. Starre Geschlechterbilder, latenter Rassismus gegen Kinder von Gastarbeitern, Aidspanik und Homophobie – Roman verweigert sich dem (internationalen) Trend, die 80er und 90er Jahre hauptsächlich mit Verklärung und Nostalgie darzustellen. Stattdessen schaut sie mit kritischem, aber empathischem Blick auf die zwei Jahrzehnte und liefert dem Leser so ein glaubwürdiges und kontrastreiches Bild dieser Zeit.       

Unterm Pantoffel von Tante Beatrix

Pax wohnt zusammen mit seiner Tante Beatrix in einem kleinen Ort in Süddeutschland. Seine Eltern und seinen älteren Bruder kennt der Junge nicht, da sie seit einer Afrikareise verschollen und konkrete Informationen aus Tante Beatrix nicht herauszubekommen sind. Trotz der fehlenden Eltern und dem knappen Geld, das Tante Beatrix bei ihrem Job im örtlichen Supermarkt verdient, versucht sie, ihrem Neffen eine möglichst schöne und behütete Kindheit zu ermöglichen. Der sensible Pax beantwortet diese Fürsorge mit einer fast schon unerschütterlichen Loyalität zu seiner Tante. Doch je älter Pax wird und je mehr er versucht, sich Freiräume in dieser engen Beziehung zu suchen, desto deutlicher wird, dass diese Treue weniger von Pax selbst ausgeht, sondern von seiner Tante geradezu eifersüchtig eingefordert wird. Als wäre dieser Abnabelungsprozess nicht schon schwierig genug, hat Pax auch noch mit einer ganzen Reihe weiterer Probleme zu kämpfen: dem Verlangen, mehr über seine verschwundene Familie zu wissen; seinem Wunsch, Regisseur zu werden; seinem regelmäßigen Alkoholkonsum und – natürlich – Probleme romantischer Natur sowie der ewigen Frage: Wer bin ich? Die Antwort, die Pax auf diese Frage im Verlauf des Romans findet, passt zu seinem großen Leidwesen nicht in seine starre, vorurteilsbehaftete, konservative Umgebung.    

Erwachsenwerden und Greiswerden

Wie nicht anders von einer Coming-of-Age-Story zu erwarten, ist das Älterwerden eines der zentralen Themen des Romans. Dabei wird nicht nur der Übergang vom Kind zum Erwachsenen, sondern auch vom Erwachsenen zum Greis von Roman einfühlsam beleuchtet. Gleich zu Beginn des Romans müssen sich der noch nicht eingeschulte Pax und seine Tante um die senile, bettlägerige Großmutter kümmern, die zwar die Hilfe der beiden als selbstverständlich erachtet, sich jedoch bei jeder Gelegenheit lautstark beschwert und den beiden vorwirft, dass sie sie nur ausrauben wollen. Die kleinen Grenzüberschreitungen (etwa in Form von rabiatem Haarkämmen), die sich Tante Beatrix als Rache dafür bei der Pflege ihrer Mutter erlaubt, wirken zunächst wie einfache Überanstrengungserscheinungen einer Frau, die sich und ihre Wut angesichts des konstant schwierigen und undankbaren Verhaltens ihrer Mutter für einen kurzen Moment nicht mehr unter Kontrolle hat (die meisten, die ähnliche Erfahrungen mit der Pflege von dementen Verwandten gemacht haben, werden das Gefühl vermutlich kennen). Im Verlauf des Romans wird aber deutlich, dass Tante Beatrix hier nicht einfach nur aus Frustration ein bisschen gemein ist, sondern dass ihr etwas Entscheidendes fehlt: aufrichtige Einfühlsamkeit.

Je näher, desto bedrückender

Das wird besonders in der Beziehung zwischen ihr und Pax deutlich – einer der gelungensten Aspekte des Romans. Schnell stellt sich für den Leser heraus, dass das enge Verhältnis der beiden zumindest für eine Seite zunehmend erdrückend wird. Jeglicher Versuch Pax’, sich von Tante Beatrix zu emanzipieren (und sei es nur, dass er sich mit seinen Freunden treffen möchte anstatt mit ihr ins Freibad zu gehen), wird von ihr prompt mit dem Einreden eines schlechten Gewissens beantwortet. Wieviel sie doch hätte zurückstecken müssen, weil sie sich um das Kind ihrer jüngeren Schwester kümmert, und mit welcher Undankbarkeit Pax diese Aufopferung hinnehmen würde. In den meisten Fällen beugt sich Pax dem Willen seiner Tante. Sie habe ja doch Recht, rationalisiert der eher konfliktscheue Pax seinen Gehorsam. Doch mit steigendem Alter und parallel steigendem Wunsch nach Unabhängigkeit geht Pax nicht mehr immer automatisch den Weg des geringsten Widerstands. Auf mysteriöse Weise verschwindet dann der Kanarienvogel oder aber das Bügeleisen geht in Flammen auf, weil Tante Beatrix, während Pax nicht da ist, beim Bügeln einen Schwächeanfall erleidet. Ob dies mutwillig von Tante Beatrix getan wird oder nicht – diese Entscheidung überlässt Roman dem Leser selbst. Das bedrückende Gefühl, dass Tante Beatrix ihren Neffen zwar liebt, aber ihm gleichzeitig nicht die Freiheit (von ihrer Person) geben will, die ein Heranwachsender nun einmal braucht, wird von Roman gekonnt evoziert. Wer gerne Coming-of-Age-Geschichten liest, dem primär an Jugendliche gerichteten Young-Adult-Genre und seiner stark schwankenden literarischen Qualität jedoch nicht zugeneigt ist, der findet in Pax einen anspruchsvollen und einfühlsamen Roman.          

Eva Roman: Pax

Verlag Klaus Wagenbach, 240 Seiten

Preis: 22,00 Euro

ISBN: 978-3-8031-3327-4

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