Kasachstans Goethe – Ein Nationaldichter feiert seinen 175. Geburtstag

Abai: Slowa nazidanija; Cover: Meloman Publishing

Der kasachische Nationaldichter heißt wie nochmal? Genau: Abai Kunanbajew. Zugegebenermaßen – gerade geläufig ist die Kenntnis über diesen kasachischen Nationalhelden in Europa nicht. Doch dies vollkommen zu Unrecht. Abai steht als hochgebildeter Gelehrter in einer Reihe mit Goethe, Puschkin und Byron.

von ALINA WOLSKI

1845 erblickte Ibrahim Qunanbajuly das Licht der Welt im heutigen Ostkasachstan. Schnell fiel auf, dass er ein aufgeweckter, begabter Junge war. Daher wurde er im Alter von zehn Jahren zu dem Mullah Ahmet Rizas Madrassa in Semipalatinsk (Ostkasachstan) geschickt, bei dem er lernte, bevor er eine Pfarrschule besuchte. Den Beinamen „Abai“ – auf Deutsch soviel wie „der Kluge, der Einsichtige“ – erhielt er aufgrund seiner geistigen Fähigkeiten. Schon im Alter von neun Jahren verfasste er seiner ersten Gedichte. Doch wirklich widmete er sich dem Schreiben erst mit etwa 40 Jahren. Da er so viele Sprachen beherrschte, las er Goethe, Lermontow, Puschkin, Dostojewski und Byron. Er setzte sich mit der Philosophie Sokrates, Platons, Aristoteles’ auseinander. Diese beeinflussten sein gesamtes literarisches Schaffen.

Tatsächlich fallen starke Ähnlichkeiten zwischen Goethe und Abai auf, wenn zum Beispiel der kasachische Nationaldichter äußert, das Teuerste des Menschen sei sein Herz und Goethe dagegen entgegnet, „Große Gedanken und ein reines Herz, das ist’s, was wir von Gott erbitten.“ Solche Ähnlichkeiten in den Grundaussagen lassen sich zuhauf finden. Daher ist die Bezeichnung Abais als „Goethe Kasachstans“ naheliegend.

Gemeinsam lesen!

Besonders bekannt ist Abai für seine Слова назидания, das 2001 erstmals in deutscher Übersetzung erschienene Buch der Worte. Darin fasst Abai seine Weisheiten auf humorvolle, oft auch zynische Weise, doch immer mit direkter Ehrlichkeit schnörkellos zusammen. Er schreibt über das Sterben und das Geborenwerden, über die Tugenden des Menschen, das Lieben und das Leben: „Schlechte Freunde sind wie ein Schatten. Wenn die Sonne scheint, kann man sie nicht loswerden; wenn die Wolken über dem Kopf dichter werden, kann man sie nicht finden.“ Oder: „Der Starke wünscht zwar viel, gibt sich aber mit wenig zufrieden; der Unbedeutende verlangt wenig, ist aber auch dann nicht zufrieden, wenn er mehr bekommt.“ Nicht nur um den Nationaldichter ist 2020, da Abais Geburtsjahr sich zum 175. Mal jährt, in Kasachstan ein wahrer Hype ausgebrochen, sondern auch um seine Literatur. Das ganze Land feiert Geburtstag und liest Abai. Dies zeigt sich in verschiedenen Aktionen. Neben geplanten Lesungen und Kulturveranstaltungen (die besonders zu Beginn des Jahres vor der großen Verbreitung des COVID-19-Virus auch in Kasachstan stattfanden – nun aber teilweise auf ein Online-Format verlegt werden mussten) wird vor allem die junge Bevölkerung aktiv. Im Rahmen der „Abai-Challenge“ lesen Menschen in den sozialen Medien aus Abais Schriften vor, Kinder malen in den Kindergärten und Schulen Bilder des Dichters, nehmen an Wettbewerben teil, Influencer posten visuell dargebotene Zitate – die Bevölkerung wird kreativ.

Schon zuvor war Abais Bedeutung für die kasachische Gesellschaft sichtbar: Ihm zu Ehren wurden eine Universität, ein Opernhaus in der ehemaligen Hauptstadt Almaty und sogar eine Stadt benannt. Dass der Dichter Kernbestandteil des kulturellen Erbes ist und das aktuelle literarische Schaffen beeinflusst, darüber ist sich die kasachische Literaturlandschaft weitestgehend einig. Um dieses riesige zentralasiatische Land – Kasachstan umfasst über 2,7 Millionen km², Deutschland im Vergleich rund 357.000 km² – mit einer außerordentlich facettenreichen Kultur ein Stück weit besser zu verstehen oder sich gar zum ersten Mal einen Zugang zu ihm zu erarbeiten, ist die Lektüre von Abais Werken also ein ausgezeichneter Weg. Es handelt sich dabei um einen Brennpunkt zwischen kasachischem Kulturgut, der antiken Philosophie, russischer Literatur, orientalischen Einflüssen, aber auch europäischen Klassikern wie Goethe. Hier treffen humorvolle Unterhaltung, eine direkte und zugleich intelligente, differenzierte Sprache sowie der Einblick in die kasachische Lebensweise zusammen. Also nutzen wir doch den diesjährigen Advent, diese Zeit der Besinnung, schließen uns der #AbaiChallenge an und lesen wir Abai!

Empfehlung zum Beispiel:

Abai Kunanbajew: Zwanzig Gedichte

Nora, 148 Seiten

Preis: 14,90 Euro

ISBN: 978-3-86557-464-0

Oder hier in russischer Übersetzung

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