„Mein Geist verlangte nach einer kleineren Welt“

Ottessa Moshfegh: Der Tod in ihren Händen; Hanser Berlin

Ottessa Moshfegh wagt mit ihrem neuen Roman Der Tod in ihren Händen einen Vorstoß in die Welt der unzuverlässigen Erzähler und schafft eine Protagonistin, deren einsamer Alltag durch den Fund eines Zettels durchbrochen wird, der von einem vermeintlichen Mord berichtet. Was zunächst nach dem Anfang eines klassischen Whodunit-Krimis aussieht, bekommt sehr schnell einen bitteren Beigeschmack. Geht es hier wirklich um die Aufklärung eines Mordes oder sollte eigentlich etwas ganz anderes aufgearbeitet werden?

von NICK PULINA

Spaziergang, Frühstück, Gartenarbeit, Baden… Mord aufklären? Vesta Guhl hat ihre zu erledigenden Aktivitäten fein säuberlich auf einer Liste festgehalten, die zwar jeden Tag neu geschrieben, aber dennoch nie verändert wird. Dass sie sie komplett abarbeitet, ist unwahrscheinlich, sie bildet vielmehr die Basis ihres Alltags. Doch als Vesta nun im Wald unweit ihres kürzlich erworbenen Forsthauses einen Zettel findet, beginnt ihre Routine zu wackeln. „Sie hieß Magda. Niemand wird je erfahren, wer sie ermordet hat. Ich war es nicht. Hier ist ihre Leiche“, steht da. Das Problem ist lediglich: Da ist keine Leiche. Dieser nebensächliche Umstand hält Vesta jedoch nicht davon ab, sich des Falls anzunehmen und die Ermittlungen einzuleiten. Dass sie 72 ist, Witwe und fast ausschließlich mit ihrem Hund Charlie kommuniziert, ist kein Problem für Vesta, sie fühlt sich jung und agil, wenn auch etwas einsam.

Eine Erzählerin, deren Worte abgewogen werden müssen

Einsamkeit ist der Topos, dem sich der jüngst erschienene Roman Der Tod in ihren Händen der amerikanischen Autorin Ottessa Moshfegh zu widmen versucht. Schon von Beginn an ist klar, dass es sich bei der Ich-Erzählerin Vesta wahrscheinlich nicht um eine zuverlässige Quelle des Erzählten handelt. Anklänge an die unzuverlässigen Erzähler in Shutter Island oder Faserland sind offensichtlich, mit Hinweisen auf diesen Umstand geizen weder Moshfegh selbst noch die Auszüge aus Kritiken auf dem Buchrücken. Dass man Vesta nicht alles glauben sollte, wird spätestens auf den ersten Seiten klar. Wie baut Moshfegh nun also auf ihrer fantasiereichen Protagonistin einen 250-seitigen Roman auf, sofern sie nicht auf einen „Es war alles nur Einbildung“-Plottwist hinarbeitet? Es sind zwei Elemente, die die Lesenden an das Buch binden: das klassische „Aber was wenn doch?“-Motiv und das Mitgefühl. Vesta ist einsam, hat es noch nicht einmal übers Herz gebracht, die Asche ihres verstorbenen Mannes Walter wie geplant im See zu verstreuen und flüchtet sich regelmäßig in imaginierte Dialoge mit ihm. Dass sie da in Form des gefundenen Zettels, den sie als Brief an sich auffasst, einen Ausweg aus ihrem eintönigen Trott sieht, kann man nachfühlen. Ihre Art der Ermittlung ist allerdings speziell.

Ermittlungsmethode Fantasie

Wie sie aus zahlreichen Agatha-Christie-Krimis gelernt hat, schaltet Vesta natürlich nicht die Polizei ein, sondern macht sich ganz im Stile Miss Marples selbst ans Werk. Ihre Methoden: recherchieren und imaginieren. Glücklicherweise hatte ihr verstorbener Mann Walter sie einst genötigt, einen Computerkurs zu besuchen, um „dieses Internet“ zu lernen – und so sitzt Vesta schon bald am Bibliothekscomputer und versucht mit so herzerwärmend naiven Fragen wie „Ist Magda tot?“ oder „Wohnt jemand namens Magda in Levant?“ Informationen zu bekommen. Eine Webseite, die angehende Krimi-Autor*innen mit der notwendigen Methodik des Schreibens versorgt, wird Vestas wichtigste Quelle. Sie beginnt nun, Profile des Opfers und der Verdächtigen zu erstellen.

Verdächtige? Aber es gab doch nicht einmal eine Leiche! Das hält Vesta nicht auf, sie erschafft sich die Protagonist*innen ihrer Geschichte einfach selbst und so kommt es, dass schon nach kurzer Denkarbeit eine ansehnliche Liste an Verdächtigen steht – vom Kind der Vermieterin bis zum korrupten Polizisten – und auch das vermeintliche Opfer – Magda, eine junge, verarmte Immigrantin aus Belarus – einen detaillierten Hintergrund bekommen hat. Vesta schafft Fakten und dies läuft immer nach demselben Muster ab: Sie hat eine fixe Idee, wie etwas hätte sein können, und nimmt diese ab sofort als bewiesenes Faktum an. So schreitet ihre Detektivarbeit voran, sie trifft auf Zeug*innen und Verdächtige, tritt sogar in Kontakt mit dem*der Urheber*in des Briefes aus dem Wald und verstrickt sich immer mehr in einen Fall, der so höchstwahrscheinlich nie stattgefunden hat.

Ein Konflikt, der tiefer liegt

Moshfeghs Protagonistin ist keine sympathische Frau. Sie ist festgefahren, lebt in der Vergangenheit, hat Vorurteile, wertet pausenlos Menschen ab, die nicht ihrem Ideal von Schönheit entsprechen, vernachlässigt zunehmend ihren Hund und ist niemand, den man sich als nahe Verwandte wünscht. All das stellt jedoch nicht die Empathie in den Schatten, die beim Lesen für diese arme Frau aufkommt. Sie ist mit ihrer kompletten Situation unzufrieden, möchte nicht einsam sein, möchte die Welt sehen und möchte etwas erleben, kann aber einfach nicht aus ihren Mustern ausbrechen. Der angebliche Mord kommt als fingierter Ausweg daher und bringt Vesta dazu, sich zunehmend mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen, diese zu reflektieren und Schlüsse aus ihrer Ehe zu ziehen, die so glücklich dann wohl auch nicht war. Walters Geist sucht sie mehr heim, als dass er sie berät, wie sie es sich zunächst einredet. Dass dieser Beziehung aus heutiger Sicht toxische Muster zugrunde liegen, schimmert nicht nur zwischen den Zeilen durch, sondern ist offensichtlich, jedoch nicht für Vesta. Sie hat jahrzehntelang mit ihrem Mann zusammengelebt, ihn geliebt und ihre eigenen Träume und Wünsche vollkommen von ihm unterdrücken lassen. Nun ist er tot und lässt sie noch immer nicht ihr Leben leben, taucht immer wieder in ihren Gedanken auf und ruft sie zur Vernunft, gibt ihr Ratschläge à la „Das ist zu viel für dich, leg dich doch mal hin“, und treibt sie weiter in den Wahnsinn. In der Hoffnung auf späte Emanzipation wirft Vesta schließlich doch seine Asche in den See. Kommt dieser Schritt nicht aber schon viel zu spät?

Ein emotionaler Krimi, der doch keiner ist

Der Tod in ihren Händen tarnt sich als Krimi, verliert dieses Kostüm allerdings schon nach einem kurzen Blick hinter seine Fassade. Zwar baut Moshfegh durchaus eine gewisse Spannungskurve und einige Widersprüche in ihren neuen Roman ein, die zum Weiterlesen ermutigen, im Großen und Ganzen gibt es allerdings keine große Erkenntnis, auf die ‚zugelesen‘ wird. Vesta ist eine ungemein plastisch ausgestaltete Protagonistin, die realer kaum wirken könnte. Durch die permanent eingestreuten unübersehbaren Hinweise auf ihre geistige Verfassung und den Zustand ihrer vergangenen Ehe nimmt die Autorin den Leser*innen allerdings vieles vorweg, das Rätseln und Mitfiebern wird im Keim erstickt, alles ist klar.

Aufgrund ihrer – freundlich ausgedrückt – kauzigen Art fällt es recht schwer, Vesta gegenüber neutral oder gar positiv gestimmt zu bleiben. Das muss nicht sein, ist auch nicht intendiert, wird über die Länge des Romans allerdings zusehends anstrengender, sodass die reelle Gefahr existiert, über alle Genervtheit Vestas bedauernswerte Situation und Vergangenheit zu vergessen. Moshfeghs Schreibstil passt sich allerdings exzellent an die Gedanken ihrer Ich-Erzählerin an, streut zwischen unzählige Abschweifungen und auf Dauer etwas ermüdende Rückblicke treffsicher ausgefeilte Dialoge und in Person des Retrievers Charlie einen Konterpart zu Vesta ein, auf den beim Lesen ein besonderes Augenmerk gelegt werden sollte. Ottessa Moshfegh lässt zwar einige Gelegenheiten innovativen Erzählens oder der Kreation von etwas wirklich Originellem verstreichen, liefert aber trotzdem einen packenden Roman über Einsamkeit, die Symptome jahrzehntelanger Unterdrückung und ein letztes Aufbäumen des Geistes vor der kompletten Kapitulation.

Ottessa Moshfegh: Der Tod in ihren Händen. Übersetzt von Anke Caroline Burger
Hanser Berlin, 256 Seiten
Preis: 22,00 Euro
ISBN: 978-3-446-27017-6

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