Kolumne: In der lesBar mit Brecht, Bruinier und Laura Weber

Eine lyrische Vorstellung, eine antilyrische These, ein weltbewegendes Gedicht, eine poetische Überführung und Ihre Reservierung in einem Etablissement, in dem die Grenzen der Gattungen überschritten werden: Willkommen in der lesBar, liebe Kolumnauten!

von NICK PULINA

Servus in die Runde!

Da stehen wir nun, Sie und ich, und kehren nach der immer wiederkehrenden Fahrt durch die ausgelaugte Metapher der literarischen Landschaft gemeinsam in der lesBar ein. Hier wird es grenzüberschreitend, aufregend, schrill, tragisch, melancholisch, feucht-fröhlich, teils nervenzehrend, aber auch herzerwärmend – dessen bin ich mir sicher! Bevor wir allerdings unsere Bestellung aufgeben, möchte ich mich Ihnen kurz vorstellen. Dem Rahmen des Literaturblogs scheint es dabei angemessen, nicht in ein ausschweifendes Kennenlernspiel zu verfallen (das heben wir uns für später auf), sondern den eleganteren Weg zu wählen und Ihnen über mein persönliches Lieblingsgedicht einen Eindruck von mir zu verschaffen: Erinnerung an die Marie A. von Bertolt Brecht.

An dieser Stelle sollte ich nun wahrscheinlich einfach den Text für Sie einfügen, Sie lesen ihn, denken kurz „Ach wie nett“ und vergessen ihn wieder. Lyrik ist ja ganz hübsch, aber eben doch nicht der Rede wert – etwas Elitäres eben. Wer außer Kulturwissenschaftler:innen kauft sich denn heute noch Gedichtbände? Gut, Menschen in emotionalen Krisen vielleicht (aber Rupi Kaur bekommt hier nicht auch noch eine Plattform). Der Lyrikband ist – so schade es auch sein mag – dem poetischen Exitus nahe, während seine nicht ganz so konservative Schwester namens Song, Lied, Vertonung (oder wie Sie sie auch immer nennen wollen) mehr vor Leben schäumt als je zuvor.

Man kann dem geschriebenen Gedicht hinterhertrauern, sagen, dass Lyrik für sich stehen muss, niemand mehr echte Literatur liest und sowieso alles immer schlechter wird. Keine Sorge: Sie dürfen weiter geschriebene Lyrik lesen, sie sogar herausbringen oder gar verfassen, wenn Ihnen danach ist. Setzen Sie sich für ihr Überleben ein, Sie sind sicher nicht allein! Verschließen Sie sich dabei aber nicht dem Neuen, das so neu nun auch nicht ist. Der Großteil der Lyrik war schon immer dafür da, gehört zu werden. Vorgetragene Poesie ist etwas Wunderbares! Denken Sie nur an Amanda Gormans The Hill We Climb, das sie anlässlich von Joe Bidens und Kamala Harris’ Inauguration vor Abermillionen von Zuhörer:innen deklamiert hat. Welch eine Kraft, welch ein Gefühl und welch ein Signal! Hätte Biden den Text einfach retweetet, welchen Impact hätte er dann wohl gehabt? Jedenfalls wäre ihr Gedicht wahrscheinlich nicht innerhalb eines Tages zum meistrezipierten zeitgenössischen Produkt der Lyrik und sie nicht zu einer der bekanntesten lebenden Vertreterinnen dieser Gattung avanciert. Und das sogar ganz ohne Musik!

Nichtsdestotrotz sind wir aber doch vor allem von vertonter Lyrik umgeben. Täglich streamen wir sie, hören sie beim Joggen (also Sie vielleicht) oder in der Bahn, im Auto, im Flugzeug. Wir singen sie unter der Dusche, legen zu einem Glas Single Malt classy-stylish eine Vinyl-LP auf den Plattenspieler. Einst frönten wir ihr sogar in zahlreichen Live-Darbietungen und können es kaum erwarten, dies bald wieder zu tun. Wann haben Sie hingegen das letzte Mal Ihre Sammlung deutscher Balladen aus dem Bücherregal genommen? Die Rilke-Gesamtausgabe? Den Sylvia-Plath-Band? Stopp! – Louise Glück zählt nicht, Nobelpreisträger:innen kann jede:r. Habe ich Sie erwischt?

Lassen Sie uns gemeinsam herausfinden, was Literatur alles vermag, wenn sie sich mit anderen Gattungen der Kunst vereint. (Fast) Ganz frei von Wagner’schem Gesamtkunstwerksdenken werden wir uns ansehen, welche Dimensionen sich eröffnen, wenn Musik und Lyrik sich vereinen, was passiert, wenn Malerei und Drama aufeinandertreffen, wo die Berührungspunkte von Film und Epos sind und was vielleicht sogar den Roman mit der Kochkunst verbindet. 

Apropos: Neben der Kunst gilt meine Liebe dem guten Essen und dem gepflegten Trinken. Erlauben Sie mir also, Ihnen in jeder Kolumne neben einer Hör-, Guck- oder Leseempfehlung auch einen Tipp für ein passendes Nass aus der Wein- und Getränkekarte der lesBar mitzugeben, durch den Ihr Kunstgenuss noch einmal potenziert wird. Keine Werbung, aufrechte Liebe!

Somit möchte ich mich Ihnen nun auch ganz mutig in den Weg stellen und sagen: Lesen Sie Brecht nicht, hören Sie ihn! Zumindest jetzt einmal. Vertont von Franz Bruinier. In der genialen Interpretation von Jutta Czurda. Mir zuliebe. Trinken Sie dazu ein Glas Riesling. Mein perfekter Begleiter für Marie A. ist der 2018er Riesling Frühlingsplätzchen von Laura Weber aus der Nahe-Region: Vollmundig mit toll eingebundener Säure und wunderbarem Holzeinsatz, dabei trotzdem zart wie Brechts Wolke. Ein Wein wie eine warme Umarmung. Keine weiteren Worte nötig.

Ihr 

Nick Pulina

PS: Ich sieze Sie nicht, weil ich Sie nicht mag, sondern weil mir eine innere Stimme sagt, dass Kolumnist:innen siezen müssen. Fühlen Sie sich bitte herzlich geduzt.

PPS: Sollten Sie mir etwas zu sagen haben, freue ich mich über Nachrichten @cultinanick bei Instagram.

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