Kolumne: in der lesBar mit Christa Ludwig und Carl Ehrhard

Eine verstorbene Legende, eine kritische Dame, ein untergehender Zweig der Musik, eine intime Konzertatmosphäre, ein süßer Trunk zum Schwelgen, ein Ende und die Lücke, die dieses hinterlässt. Eine Trauerfeier in der lesBar.

von NICK PULINA

Servus in die Runde!

Wie es oft so ist, kommt nichts, wie man es plant. Eigentlich wollte ich Ihnen an dieser Stelle nun von goldig-opulenten Opernwelten erzählen, Sie von einem passenden Wein beflügelt ins Delirium gleiten und sich ihrer Existenz erfreuen lassen und dann das: Christa Ludwig ist tot. 

Diese Nachricht macht es unmöglich, gerade über ein Werk des Musiktheaters so zu schreiben, als sei nichts geschehen. Und so müssen wir nun leider die lesBar schon wenige Wochen nach ihrer Eröffnung für eine Trauerfeier besuchen. 

Mit dem Tod Christa Ludwigs ist etwas Großes ist zu Ende gegangen: Die Ära der Grand Dames des Gesangs, der Ausnahmesängerinnen, der Opernstars von einst. Man mag jetzt Namen wie Jonas Kaufmann, Anna Netrebko oder Diana Damrau einwerfen. Wer viel Humor hat, denkt an Paul Potts, wer wenig Humor hat vielleicht noch an Plácido Domingo, aber diese Sänger:innen sind anders als es Christa Ludwig war. Sie sind (mit Ausnahme Domingos) moderner – zugegeben – weltoffen und nahbar. Popstars der Klassik. Von Jonas Kaufmann gab es schließlich lebensgroße Pappaufsteller zum Release eines seiner Alben, auch einen Bravo-Starschnitt hätte man sich vorstellen können. Sie sind aber eben auch auf eine unnatürliche Art omnipräsent, bedienen jedes Genre halb, aber kaum eines ganz. Egal ob Stimmfarbe und Ausstrahlung passen, beinahe jede Partie wird auszufüllen versucht. Sie haben einfach nicht den Glanz, der eine Christa Ludwig oder eine Elisabeth Schwarzkopf stets umgeben hat.

Meine erste Begegnung mit Christa Ludwig fand – lange nach ihrem Abschiedskonzert 2003 in Wien – in Form eines YouTube-Videos statt, in dem sie vor Publikum eine Meisterklasse unterrichtete. Zu singen war das einmalig schöne Lied Morgen! von Richard Strauss. Mit Eke Simons am Klavier versuchte die Mezzo-Sopranistin Carina Vinke beständig, Ludwigs Ansprüchen an ihren Gesang und die Interpretation zu genügen. Christa Ludwig, zu diesem Zeitpunkt bereits stolze 87 Jahre alt, nahm Vinke dabei hart ran, legte allerdings einen so humoristischen und liebevollen Duktus an den Tag, dass ihre Kritik niemals persönlich wirkte. Sie war einfach eine verschmitzte alte Dame, die nach dem Ende ihrer Weltkarriere noch versuchte, so viel ihres angesammelten Wissens weiterzugeben wie ihr möglich war. Ihr Engagement und ihr Witz imponierten mir, bevor ich auch nur einen einzigen Ton von ihr gehört hatte. Der folgte danach und haute mich sprichwörtlich vom Konzertsessel.

Dass die Gattung des Liedgesangs im Untergang begriffen sei, stellte Elisabeth Schwarzkopf bereits im Jahr 1988 fest. Ein Umstand, der sich (leider) bis heute fortgesetzt hat. Liederabende finden zwar statt, wirken aber immer mehr wie die nette kleine Alternative zur großen Opernpartie oder gar wie das lästige Beiwerk, das Sänger:innen hie und da nun einmal abverlangt wird. Wer allerdings mal erlebt hat, wie es Thomas Quasthoff oder Thomas Hampson rein mit Klavierbegleitung vermögen, das Publikum in eine Atmosphäre unmittelbarer Intimität und Menschlichkeit zu singen, kann vielleicht in Ansätzen erahnen, wie sich diese Wirkung bei Christa Ludwig angefühlt haben mag. Liederabende sind intim, schaffen eine menschliche Verbindung zwischen Sänger:in und Publikum und rufen Emotionen hervor, die auch die melodramatischste Verdi-Oper nicht zu wecken vermag. Dafür braucht es aber geschulte Sänger:innen. Eine von diesen – die letzte Meisterin des Liedes – ist uns nun abhanden gekommen.

Christa Ludwig hatte keine glockenhelle oder glasklare Stimme, sie war nicht omnipräsent einsetzbar, sang nicht jede Rolle von Brünnhilde bis Mimí, sie hatte ein Stimmfach und war sich dessen bewusst. Ihre Stimme hatte mindestens genau so viel Charakter und Eigenständigkeit wie sie selbst. In einer Zeit, in der es zunehmend schwerer fällt, Sänger:innen überhaupt noch anhand ihrer Stimmen unterscheiden zu können, weil ihre Ausbildung jegliche Eigenarten auszubügeln versucht, ist der Höreindruck einer Ludwig-Interpretation heute vielleicht ungewohnt. Man mag sich vielleicht sogar fragen: Und das soll etwas Besonderes sein? Geben Sie sich und ihr Zeit. Hören Sie nicht nur einen Titel, sondern vielleicht mal einen ganzen Zyklus, ein Konzert oder ein Album. Und hören Sie dann mal im Vergleich dieselben Stücke in der Interpretation von Anna Netrebko oder Renée Fleming. Ihnen wird etwas auffallen.

Christa Ludwig arbeitete mit allen großen Dirigenten zusammen, die man sich nur denken kann, sang an jedem Opernhaus von Weltrang, war Vorbild für hunderte junger (Mezzo-)Sopranistinnen. Kaum eine klassisch ausgebildete Sängerin brachte es in Deutschland zu einem größeren Erfolg als sie. Ihr Tod reißt ein großes Loch in die Welt der Musik.

Ich möchte Ihnen an dieser Stelle eine kleine Zusammenstellung meiner persönlichen Highlights aus Christa Ludwigs Repertoire präsentieren. Dabei ist es vollkommen egal, ob Sie selbst passionierte:r Operngänger:in sind, jeden Wagner-Ring mitnehmen, den sie finden können und so into Musiktheorie sind, dass sie Musik lieber in Form von Partituren lesen als sie zu hören – oder vielleicht auch noch nie den Namen Christa Ludwig gehört haben, nicht wissen, was eine Partie sein soll und Sie mit ‚Aida‘ ein Kreuzfahrtschiff assoziieren. Auch wenn Sie keinerlei Bezug zur s.g. ‚Klassik‘ haben, versuchen Sie, sich in ihre Stimme fallen zu lassen. Musik ist allsprachlich, die Gefühle, die sie transportiert, bedürfen keiner komplexen Dekodierung. Sie brauchen kein musikwissenschaftliches Studium absolviert zu haben, um ‚klassische’ Musik genießen zu können. Sie ist urmenschlich, höchst emotional und nicht so intellektuell verkünstelt, wie sie sich oft selbst darstellt. Geben Sie ihr eine Chance. Machen Sie es sich bequem und tun Sie nichts nebenbei, konzentrieren Sie sich allein auf die Klänge. Abgesehen davon, dass Sie natürlich hin und wieder an Ihrem Weinglas nippen sollen! Meine Empfehlung zum diesmonatigen Kunstgenuss: 

Carl Ehrhards restsüße 2015er Riesling Spätlese vom Berg Rottland in Rüdesheim. Einen besseren Wein könnte ich mir als Hommage an Christa Ludwig nicht vorstellen. Charakterstark und pompös, dabei umgeben von einem leicht strahlend-aureolischen Glanz. Er kommt goldgelb ins Glas und besticht in der Nase zwar mit intensiv-reifen Fruchtaromen von Aprikose und Pfirsich, hat aber auch eine zarte Kräuternote von Rosmarin und Thymian und vor allem schon im Bukett eine wunderbar zarte, fast milchige Cremigkeit. Diese setzt sich genau so am Gaumen fort. Er hat neben der typischen Honignote eines Süßweins einen tollen Schmelz und eine bemerkenswerte Länge. Was wir schmecken ist Süße, davon auch recht viel. Neben der Süße findet sich aber auch eine nicht zu leugnende Säure, die dem Wein zu seinem voluminösen Körper verhilft und ihn so zu einem perfekten Begleiter für die großen Darbietungen Christa Ludwigs macht. Am besten präsentiert sich dieser Wein möglichst kühl in einem Weiß- oder Süßweinglas.

Hören Sie, genießen Sie und trinken Sie mit mir ein letztes Mal auf eine der größten Sängerinnen des 20. Jahrhunderts. Cheers, Christa Ludwig!

Ihr

Nick Pulina 

PS: Ja, Edita Gruberova lebt noch.

PPS: Sie haben zum ersten Mal (von) Christa Ludwig gehört? Schreiben Sie mir gern Ihre Eindrücke @cultinanick bei Instagram.

2 Gedanken zu „Kolumne: in der lesBar mit Christa Ludwig und Carl Ehrhard

  1. Eine ganz wunderbare Hommage post mortem, bei der mir nur – Elisabeth Schwarzkopfs Erwähnung verlangt sich nahezu selbstverständlich – noch ein paar wenige andere Namen fehlen, etwa Regine Crespins, die auch noch nicht lange verstorben ist, 2007. Und um gerecht zu sein, wären neben Quasthoff unbd Hampson die leider nicht allgemein bekannte Gun-Brit Barkmin zu nenne sowie Laura Aikin. Und meines hörenden Wissens nach ist sich auch Waltraud Meier ihrer Stimmlage und ihres Stimmfachs stets bewußt gewesen.

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