„Kämpfen, trotz allem.“

Marco Balzano: Ich bleibe hier; Diogenes

Mit seinem Roman Resto qui gewann Marco Balzano bereits 2018 den Premio Asti d’Appello und 2019 sowohl den Prix Méditerranée étranger als auch den Premio Bagutta. Verdienterweise – denn Balzano gelingt es, mit einfacher Sprache und der Erschaffung einer spannenden Protagonistin das komplexe Schicksal eines gesamten Dorfes zu erzählen. Seit Sommer 2020 ist der Roman nun auch in deutscher Übersetzung unter dem Titel Ich bleibe hier erhältlich. Einzig wer einen ausführlichen Einbezug der übergeordneten historischen Geschehnisse in die Geschichte erwartet, wird wohl eher enttäuscht.

von REEMDA HAHN

Graun, ein kleines Dorf Anfang des 20. Jahrhunderts in Südtirol, umgeben von drei europäischen Ländern und damit prädestiniert für eine bunt durchmischte Bevölkerung. Auf verhältnismäßig wenigen Seiten schafft es Balzano, nicht nur das gesamte Leben der Protagonistin Trina zu erzählen, sondern auch die Entwicklung ihres Heimatdorfes im Laufe der Zeit zu illustrieren, das trotz seiner Lage erst einmal vor allem eines ist: idyllisch, aber isoliert. Kulturelle Überschneidungen finden sich keine, im Gegenteil: „Es schien, als käme die Geschichte nicht bis hier herauf. […] Die Sprache war Deutsch, die Religion christlich, die Arbeit die auf dem Feld oder im Stall. Das war alles.“ Schließlich wird das Dorf aber doch von der Zeit eingeholt, als Hitler und Mussolini kurz vor dem Zweiten Weltkrieg die ‚Große Option‘ aushandeln. Die Dorfbewohner müssen entscheiden, ob sie in ihrer Heimat bleiben und damit ein Leben als italienische Bürger zweiter Klasse leben oder in das Deutsche Reich optieren wollen, während sie Hof und Vieh zurücklassen. Das Dorf wird in zwei Parteien gespalten – und das nicht zum letzten Mal.

Aus den Briefen einer Stubenhockerin

Trina erzählt die Geschichte aus der Retrospektive für ihre Tochter Marica in Form von Briefen, die sie allerdings nie abschickt. Marica zieht als junges Mädchen heimlich mit Tante und Onkel über Nacht nach Deutschland – ein Verrat, den Trina ihrer Tochter nie verzeiht und ein Verlust, über den sie ihr Leben lang nicht hinwegkommen wird. Als Erzählerin ist Trina nicht immer zuverlässig, springt zwischen den Zeiten hin und her und beschreibt sich selbst als schwierigen Charakter und Stubenhockerin, während andere die Kämpfernatur in ihr sehen – allen voran ihr Ehemann Erich, der sich von Beginn an gegen den Krieg und vor allem gegen den geplanten Staudamm engagiert. Tatsächlich ist Trina keine grundsätzlich sympathische Figur und eckt oft an, weil sie in Beziehungen zu anderen Menschen meist lieber Brücken einreißt, als sie zu reparieren: „An manchen Tagen bereue ich es, doch geht es mir schon mein ganzes Leben so: Plötzlich muss ich mich von Dingen befreien, sie verbrennen, sie zerreißen, sie von mir wegschieben.“ Und obwohl Trina die Geschichte aus ihrer Perspektive erzählt, hat man am Ende des Romans nicht das Gefühl, alles über sie zu wissen – sie weiß genau, was sie über sich preisgeben will – und was nicht.

Schönheit liegt im Auge des Betrachters

Als der Krieg überstanden ist, bahnt sich die zweite Katastrophe an: Ein Staudamm soll gebaut werden, das Dorf muss dem Stausee weichen. Außerdem teilt der Ort das Schicksal vieler anderer Dörfer Europas Mitte des 20. Jahrhunderts: Die jungen Leute ziehen in die Städte, wo es Arbeit in den Fabriken gibt. Zurück bleiben nur die Alten, die nicht an die Umsetzung des Projekts glauben. Sie kapitulieren vor den komplexen, ständig wechselnden Bauplänen und der immerwährenden Sprachbarriere; denn bis auf Trina spricht kaum jemand Italienisch. Balzanos Sprache bleibt trotz der verworrenen Umstände einfach und verzichtet überwiegend auf stilistische Mittel – wir erleben die Geschehnisse des Dorfalltags direkt und ungeschönt, da wird eben auch mal geflucht. Erich gibt nicht auf, verschafft sich sogar eine Audienz beim Papst, um die Zerstörung Grauns zu verhindern – zugegeben, ein wenig unglaubwürdig. Doch damit treibt Balzano Erichs umfangreiche Bemühungen dermaßen auf die Spitze, dass die Hoffnung bis zum Ende besteht, das Dorf werde nicht geflutet. Und eigentlich müssten wir es besser wissen, verrät uns doch bereits das Cover den unausweichlichen Ausgang der Geschichte.

Hätte man uns an diesem Tag gefragt, was unser größter Wunsch sei, hätten wir geantwortet, das sei, weiter in Graun zu leben, an diesem Ort ohne Hoffnung, von wo die jungen Leute fortgelaufen und wohin viele Soldaten nicht mehr zurückgekehrt waren. Ohne Interesse an der Zukunft und ohne irgendeine Gewissheit. Nur bleiben.

Widerstand bis zum Schluss

Heute gilt der Reschensee in Südtirol als Touristenattraktion, der aus dem Wasser ragende Kirchturm ist ein beliebtes Fotomotiv. Balzano hat sich von einem Besuch vor Ort für seinen Roman inspirieren lassen und dabei auch mit vielen Zeitzeugen gesprochen, die die Geschehnisse im Tal tatsächlich miterlebt haben. Schade ist nur, dass die größeren historischen Umstände oft einfach in einem Nebensatz und ohne weitere Erklärung erwähnt werden. Plötzlich ist der Krieg da, auf der Seite davor war er das noch nicht. Trina erzählt eben nicht immer zuverlässig chronologisch, Punkt. In Südtirol wurde der Roman, gerade weil von einem Italiener verfasst, als Zeichen der Versöhnung angesehen. Durch den unerschütterlichen Widerstandsgedanken verbindet Balzano geschickt die beiden Großereignisse, Krieg und Flutung, die per se erst einmal nichts miteinander zu tun haben. Ein Happy End gibt es nicht, aber das wäre diesem Roman, in dem Italien bewusst nur in seiner Funktion als Eindringling und Zerstörer in Südtirol dargestellt wird, auch nicht gerecht geworden. Ich bleibe hier ist ein – im wahrsten Sinne des Wortes – ausgezeichneter Roman, der mit ungekünstelter Sprache und manchmal unbequemen Figuren eindrücklich den verzweifelten Konflikt zwischen Bleiben und Gehen abbildet: „Vorwärts gehen, wie Mutter zu sagen pflegte, das ist die einzige Richtung, die erlaubt ist. Sonst hätte Gott uns die Augen seitlich gemacht. Wie den Fischen.“

Marco Balzano: Resto qui
Einaudi, 192 Seiten
Preis: 11,50 Euro
ISBN: 978-8806243692

Marco Balzano: Ich bleibe hier. Aus dem Italienischen von Maja Pflug
Diogenes, 288 Seiten
Preis: 22,00 Euro
ISBN: 978-3-257-07121-4

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