„Wenn ein Berg Brot daliegt, dann existiert die Welt.“

Anatoli Pristawkin: Schlief ein goldnes Wölkchen, Cover: Aufbau Verlag

In seinem Roman Schlief ein goldnes Wölkchen blickt Anatoli Pristawkin zurück in seine Kindheit und schildert mit der Geschichte der Kusmin-Zwillinge zugleich seine eigene wie auch die tausender anderer Waisenkinder rund um das Moskau der 40er Jahre. Eine Geschichte von Heimatlosigkeit, Hunger und der Deportation in den Kaukasus, in dem – vom Tschetschenien-Konflikt geschüttelt – das Versprechen eines neuen Lebens bestenfalls trügerisch erscheint.


von ANDREAS MARTIUS

Saschka und Kolka Kusmin wachsen in einem heruntergekommenen Vorort Moskaus in einem Waisenhaus auf. Ihre Eltern haben sie nie gekannt, den Direktor des Heims interessieren seine Schützlinge nicht und die Schützlinge selbst können nur an eines denken: die nächste Mahlzeit. So sind die Zwillinge auf sich allein gestellt, gleichen sich nicht nur bis aufs Haar, sondern bilden eine Einheit. Kopf und Körper, ein gemeinsames Wesen, ihre eigene Heimat und die Lebenslinie des jeweils anderen. Dieses absolute beidseitige Vertrauen – in Saschkas helles Köpfchen und Kolkas flinke Hände – kommt ihnen tagtäglich zugute, denn es herrscht Hunger. Die mageren Tagesrationen reichen nicht zum Überleben, reichen nicht den Hunger zu stillen, ja machen ihn nur noch stärker, feuern ihn geradezu an. Die Existenz jedes einzelnen der Heimkinder begründet sich darin, eine weitere Brotrinde aufzutreiben, eine Kartoffelschale aufzulesen, zu ergattern, zu erbeuten, zu stehlen, gar sich dafür in die Zwangsarbeit zu verkaufen, wenn ihnen nichts anderes übrigbleibt und doch blüht in all diesen verzweifelt diebischen Herzen eine helle Hoffnung.
Der Brotschneideraum. Diese Festung einer märchenhaften Schatzkammer liegt verschlossen hinter Betonmauer, Stahltür und Riegel, scheint unerreichbar – bis sich die Kusmins eines Winters entscheiden, Saschkas Plan in die Tat umzusetzen. Im Geheimen beginnen sie einen Stollen bis unter die erhoffte Beute zu graben, um endlich in der Hand zu halten, was alle Essensmarken der Welt ihnen nicht kaufen können. Einen ganzen Brotlaib.

Ein geliehenes Paradies

Während der Hunger aus diesem Buch – ebenso wie aus dem Leben der Kusmins – nie ganz schwindet, so weicht er doch während der Reise in den Kaukasus mehr und mehr anderen Schwierigkeiten. Als die rund fünfhundert Waisenkinder aus dem Zug steigen, finden sie sich nicht nur in einer nahrungsverheißenden Idylle. Sie setzen ungeahnt Fuß in ein Krisengebiet. Inmitten eines Konflikts zwischen zwei Lagern von Vertriebenen – die lediglich in ihre alte Heimat zurückkehren oder endlich eine neue Heimat finden wollen – eröffnet Anatoli Pristawkin eine Auseinandersetzung, deren moralische Tragweite den Kindern kaum gewahr ist. Umso deutlicher und unnatürlicher erscheint ihnen so die feine, ängstliche Gewissheit der Erwachsenen, die Pristawkin den Waisen geschickt immer wieder begegnen lässt. Mit jedem erneuten Vorfall, der ihren Alltag erschüttert, entfernen die Kinder sich weiter und weiter von der Glorifizierung des Krieges, wie er in ihren Liedern beschrieben ist, während die kindliche Selbstverständlichkeit des Lebens mehr und mehr einer sehr realen Todesangst weicht und letztlich die Frage aufkommt: Weiß überhaupt jemand, warum alle aufeinander schießen?

Ein Aufruf

Pristawkin schwingt den Pinsel in seiner Erzählung nicht fahrlässig. Er malt keine hehren Bilder, wo diese nicht hingehören und schmückt nicht aus, was das nicht verdient. Stattdessen hält er sich simpel, erklärt die Welt aus den Augen – und mit der unumstößlichen Logik – der Kinder und lässt den Leser an den harten Lektionen teilhaben, die dieser Logik zu Grunde liegen. So skizziert er akkurat und immer wieder geradezu lebenstreu die Szenen dieser Geschichte – und wer sollte das besser tun als er? Denn auch wenn es unklar ist, ob Anatoli Pristawkin sich in Kolka oder in Saschka oder in einer anderen Figur wiederfindet, bleibt trotzdem die Tatsache, dass es genauso seine Geschichte ist. Die Geschichte des Jungen, der 1940 verwaist und mit 14 Jahren aus dem Heim geflohen ist und der jetzt in seinem Buch immer wieder aus der dritten Person heraustritt und offen seinen letzten Aufruf an alle die macht, die damals mit ihm zusammen im Zug in den Kaukasus saßen: „Meldet euch!“

Anatoli Pristawkin: Schlief ein goldnes Wölkchen. Übersetzt aus dem Russischen von Thomas Reschke, neu überarbeitet von Ganna-Maria Braungardt und Christina Links.
Aufbau Verlag, 319 Seiten
Preis 22,00 Euro
ISBN: 978-3-351-03821-2

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