Wie ein neues Leben Familien prägt

Jacqueline Woodson: Alles glänzt; Cover: Piper

Der Roman Alles glänzt erzählt die Geschichte einer ungeplanten Schwangerschaft, die nicht nur das Leben der werdenden Mutter, sondern gleich das mehrerer Familien und Generationen auf den Kopf stellt. Denn nicht nur die werdenden Eltern Iris und Aubrey hatten mit fünfzehn Jahren andere Pläne für ihr Leben – auch Iris‘ Mutter ist zunächst voller Verzweiflung: eine Erzählung darüber, wie ein einziger Mensch das Leben mehrerer Generationen verflechten und dessen Verläufe beeinflussen kann. Kurzweilig und doch kraftvoll nimmt Autorin Jacqueline Woodson den Leser mit auf eine emotionale Reise aus verschiedenen Perspektiven.

von ISABELLA NAUEN

Erzählungen über ungewollte Schwangerschaften und ihre Konsequenzen gibt es viele, zum Beispiel Mittwoch also von Lotta Elstadt – doch eine so emotionale und realitätsnahe wie diese von Woodson findet man nur selten. Die Geschichte ist nicht linear oder chronologisch, noch ist sie auf eine erzählende Figur festgelegt. Jedoch gibt es einen Dreh- und Wendepunkt, einen „roten Faden“, der die Leben der erzählenden Generationen verknüpft: ein junges Mädchen namens Melody.

Melody ist sechzehn und schreitet die Treppen zu den Feierlichkeiten ihrer Zeremonie der Volljährigkeit unter den Augen von der stolzen Mutter Iris, Vater Aubrey und Großeltern Sabe und Po’Boy hinunter. Dass sie hier alle gemeinsam stehen und staunen, hätte sich vor der unerwarteten Schwangerschaft von Melodys Mutter Iris noch keiner von ihnen vorstellen können. Denn weder Iris noch Vater Aubrey hatten geplant, mit gerade einmal fünfzehn Jahren Eltern einer Tochter zu werden. Vor den Augen der Figuren flackern nun Momente der Freude und des Glücks, aber auch der Verzweiflung und der Trauer auf.

Unverhoffte doch schicksalshafte Schwangerschaft

Melody ist wütend auf ihre Mutter und enttäuscht darüber, wie sie von Iris schon früh auf das Abstellgleis geschoben wurde. Sie fühlt sich von ihrer Mutter ungewollt und hat sie nie als Bezugsperson akzeptieren können. Doch die Geschichte, wie es dazu kam, bringt Woodson dem Leser nur häppchenweise bei. Denn in jedem Kapitel wechseln die erzählende Instanz sowie der Zeitpunkt der Ereignisse – mal geht es um Momente vor Iris‘ Schwangerschaft, dann dreht sich alles um das Leben mit einer kleinen und dann älter werdenden Melody. Auch Hauptfiguren wie Großvater Po’Boy und dessen Frau Sabe kommen zu Wort und finden schnell den Weg in das Herz von Melody – und auch das des Lesers.

Doch so war es nicht immer, denn für Sabe bricht eine Welt zusammen, als sie erfährt, dass ihre jugendliche Tochter schwanger sein soll. Auch Sabes Tochter Iris geht es ähnlich: Sie und ihr Freund Aubrey sind jung und wollen beide so Vieles, so Verschiedenes vom Leben. Dass ihre Jugendliebe nicht hält, verletzt Aubrey zutiefst, denn für ihn sind ein zufriedenstellender Job und das Lächeln seiner Tochter genug. Gleich mehrere Momente zeigen kraftvoll, dass das Leben nicht immer fair ist.

Selbstfindung und Akzeptanz – ein Leben auf 200 Seiten

Woodson, die für ihren stark emotionalen Stil mehrfach Auszeichnungen erhalten hat, flechtet auch Momente ihrer eigenen Lebenserfahrung in die Geschichte ein und zeigt eindrucksvoll, wie Rassismus das komplette Leben nicht nur rein fiktionaler Figuren begleiten und beeinflussen kann.

Den dabei entstehenden Prozess der Identitätssuche durchleben in Woodsons Roman gleich mehrere Figuren, die währenddessen komplexe Prozesse des Verstehens und Einsehens durchlaufen – und das Leben behandelt dabei keinen von ihnen so, wie sie es sich zu Beginn gewünscht hätten. Jeder von ihnen wird mit ihren bzw. seinen Lebensentscheidungen konfrontiert, woran Figuren wie Sabe wachsen, während Iris daran fast zerbricht und die Einsicht erst viel zu spät findet. Dass sie nicht alles haben kann und mit getroffenen Entscheidungen leben muss, fällt ihr schwer zu akzeptieren – so flüchtet sie vom Mutterdasein an ein weit entferntes College, wo sie eine heimliche Freundin hat und ihre Tochter als Schwester ausgibt. Aubrey geht die Situation anders an, aber auch für ihn ist dies eine Herausforderung. Wie solche und andere unterschiedliche Denkweisen aufeinander- und auch voneinander abprallen können, zeigt Woodson kraftvoll in Momenten des Streits und Zusammenfindens.

Dass die Figuren kein paralleles Leben führen und teils komplett verschieden gepolt sind, wird durch den anachronistischen Aufbau der Handlung und Erzählung unterstrichen. Auch, dass multiple Ich-Erzähler den Roman schildern, hilft dabei, die Handlungen der Figuren nachzuvollziehen und miteinander zu verknüpfen.

Eindrucksvoll ist besonders, dass Melody – eine für den Leser zunächst unbeschriebene, unbekannte Figur – dem Leser im Prozess des Lesens immer vertrauter wird. Auf gerade einmal knapp 200 Seiten schafft Woodson es, ihre Figuren glaubwürdig zu zeichnen und den Leser in jedem Kapitel auf eine Reise mitzunehmen, die zum Verstehen der Figuren beiträgt. Alles glänzt hinterlässt einen bleibenden Eindruck und ist mit aufschlussreichen Beobachtungen gefüllt, welche die Komplexität und Komplikationen einer Generationen-Familie in wunderbar realistischer Art und Weise aufzeigt.

Jacqueline Woodson: Alles glänzt

Verlag Piper, 208 Seiten

Preis: 22,00 Euro

ISBN: 978-3-492-07041-6

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