Ein feministisches Plädoyer an die Macho-Männer

Isabel Allende: Was wir Frauen wollen; Cover: Suhrkamp Verlag

In ihrem autobiografischen Buch Was wir Frauen wollen gewährt Isabel Allende dem Leser intime Einblicke in ihr Leben als Feministin, was – wie sie sagt – bereits im Kindergartenalter begann. Das Werk selbst versteht sich als ein Sachbuch über gelebten Feminismus, Geschlechterungleichheit und – vor allem – der Selbstbestimmung der Frauen. In unaufgeregtem Plauderton berichtet die Bestsellerautorin in Anekdoten, was es bedeutet, eine Frau zu sein.

von ISABEL MANTHE

Isabel Allende wächst in den 1940er Jahren im erzkonservativen Chile auf. Ihre Mutter – die sie ihren Lesern als Pachita vorstellt – hat nie einen Beruf erlernt und ist bis zum Tode ihres Mannes finanziell von diesem abhängig gewesen. Eine Vorstellung, die die Autorin für sich selbst schon im Kinderalter ablehnt. Für sie steht früh fest, dass sie schnellstmöglich auf eigenen Beinen stehen und ihre Mutter finanziell unterstützen will.

Ende der Sechziger gründet Isabel Allende mit anderen Frauenrechtlerinnen die Zeitschrift Paula. Diese versteht sich als feministisches Blatt, das über das alteingesessene Patriarchat in Chile aufklären soll. Von Abtreibung bis hin zu Zwangsarbeit – Isabel Allende verschreibt sich ganz dem Feminismus und der Aufklärung von Missständen der Frauen. An diesen Erlebnissen und Geschichten lässt sie den Leser in episodenartigen Kapiteln teilhaben.

„Was will ich überhaupt? Was wollen wir Frauen?“

Den Großteil ihrer Kindheit verbringen Isabel Allende und ihre Mutter – nachdem der Vater sie und ihre zwei Geschwister im Kleinkindalter verlassen hat – bei ihren Großeltern. Zum Großvater pflegt sie ein herzliches Verhältnis, obwohl er ein klar gezeichnetes Frauenbild hat: „Der Mann versorgt, schützt und befiehlt, die Frau dient, umsorgt und gehorcht.“ Töchter sollten sich auf die Ehe vorbereiten, nicht auf eine berufliche Ausbildung. Ein Lebensmodell, was für die Autorin selbst unvorstellbar scheint. Im Teenageralter beginnt sie, ihrem Großvater Vorträge über weibliche Werte zu halten. „In welcher Welt lebst du denn, Isabel? Du redest da von Dingen, die mit uns nichts zu tun haben.“ Sie solle still sein und zu Hause bleiben, eine Familie gründen und dabei stets zuerst an ihren Mann und die Kinder denken. Auf die Frage, was sie denn überhaupt wolle, will Allende ihrem Großvater nicht antworten, ehe sie sich hinreichend Gedanke darüber macht.

„Die Hormone sind entscheidend.“

Was wir Frauen wollen sollte keineswegs als Kampfansage in Richtung aller Männer verstanden werden – auch wenn die Botschaft dieses Memoires eine sehr starke ist. Isabel Allende scheut sich nicht davor, auch einen Einblick in ihr ganz persönliches Liebesleben zu gewähren. Ihr dritter Ehemann Roger ist zunächst einer ihrer Leser mit dem sie dann eine Brieffreundschaft aufbaute. Nach einem ersten gemeinsamen Wochenende macht er ihr am Tag ihrer Abreise einen Heiratsantrag. Diesen lehnt sie zunächst ab, obwohl sie „in ihrem Alter keine Zeit zu verlieren“ hat, wie Allende selbst sagt. Das Paar kann sich aber auf ein neunzehnmonatiges „Zusammenleben auf Probe“ einigen und heiratet letztendlich im engsten Kreis der Familie. „Die Hormone entscheiden nun einmal über unsere Liebesangelegenheiten“, so Allende. Das Kapitel schließt sie mit den Worten: „Kurzum, da ich einen Partner gefunden habe, besteht auch die Hoffnung für jede andere alte Frau, die sich das wünscht.“ Es widerspricht einer Feministin also keineswegs, auch im gesetzteren Alter von Mitte 70 noch einmal eine neue Liebe zu finden.

Eine neue Welle junger Feministinnen

Trotz des ernsten Themas versteht Isabel Allende es stets, die Leserschaft in einem lockeren „Plauderton“ anzusprechen. Allende changiert zwischen Unterhaltung und ernsten Erzählungen, die von Schwangerschaftsabbrüchen in Küchen bis zu Genitalverstümmelung reichen. Dabei gelingt es ihr, diese schwere Kost leicht zu verpacken und ihre Leserschaft zum Nachdenken zu bewegen. Das mag auch damit zusammenhängen, dass die Kapitel aus kaum mehr als anderthalb bis zwei Seiten bestehen und in kurzen, leicht verständlichen Sätzen geschrieben sind.

Isabel Allende sieht es als einen Auftrag an, ihre ganz persönlichen Erfahrungen im Leben mit der nachfolgenden Generation junger Feministinnen zu teilen, die herausfordernd und einfallsreich sind, das Leben aber auch mit Humor nehmen. Noch sei sie nicht bereit, „ihre Fackel abzugeben“. Wenn es so weit ist, möchte sie aber sicherstellen, dass unsere Töchter und Enkelinnen die Arbeit fortsetzen, die wir nicht beenden konnten. Nach dem Lesen des Buches können auch wir die Frage von Großvater Allende beantworten. Was wollen wir Frauen also? Ich stimme Isabel Allende bedingungslos zu, wenn sie sagt: „Wir Frauen wollen mehr oder weniger Folgendes: Sicherheit, Wertschätzung, ein Leben in Frieden, Mittel, über die wir selbst verfügen können, Verbundenheit untereinander und vor allem Liebe.“

Isabel Allende: Was wir Frauen wollen. Aus dem Spanischen von Svenja Becker.
Suhrkamp, 186 Seiten
Preis: 18,00 Euro
ISBN: 978-3-518-42980-8 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s