Im Paris der Erinnerungen auf der Suche nach einer Frau

Patrick Modiano: Unsichtbare Tinte; Cover: Hanser Verlag

Der ungelöste Fall der mysteriösen Noelle Lefebvre lässt Jean Eyben auch noch Jahrzehnte nach deren Verschwinden nicht los. Unwichtige Details werden zur Geheimbotschaft und das Verfassen von Notizen zur Manifestation der Existenz einer längst vergessenen Zeit. Der schlichte Inhalt von Patrick Modianos Unsichtbare Tinte wird durch die wendungsreiche Struktur und den geschliffenen Stil zu einer fesselnden Geschichte, die Spannung ganz ohne action-lastige Elemente erzeugt.

von LEINES BAUMGARDT

Unsichtbare Tinte, der mittlerweile 29. Roman des Literaturnobelpreisträgers Patrick Modiano, löst bei Freund*innen seiner Werke ein regelrechtes Déjà-vu-Feuerwerk aus, da sich der unzuverlässige Ich-Erzähler Jean wieder einmal in Paris mit Erinnerung und Identität beschäftigt.

Der Ich-Erzähler Jean Ebyen heuert in seinen Zwanzigern in einer nicht weiter definierten Agentur an und wird beauftragt, eine verschwundene junge Frau zu suchen. Seine einzige Spur ist dabei ein Ausweis, welcher dazu berechtigt, die postlagernden Briefe einer gewissen Noelle Lefebvre abzuholen. Jean verfolgt einige Hinweise, die jedoch nur ungewiss und widersprüchlich von der schleierhaften Existenz der jungen Frau zeugen, sodass er seine Suche schließlich aufgeben muss. Doch die nächsten dreißig Jahre klingt der Name Noelle Lefebvre wie ein Echo durch sein Leben und so wird die Suche nach ihr zu einem schleichenden Prozess, in dem er sich mit seinen Erinnerungen und der eigenen Identität auseinandersetzt. Je mehr er Freund*innen und Bekannten von Noelle vorspielt, er hätte eine Beziehung zu ihr, um an weitere Informationen zu gelangen, umso größer wird auch sein Gefühl, er kenne sie wirklich.

Ein Leben voller Leerstellen

Die Geschichte spielt über einige Jahrzehnte hinweg und mit jedem Zeitsprung verliert der Ich-Erzähler an Kredibilität. Dies liegt nicht an den Informationen, die den Leser*innen dargereicht werden, sondern an der Auseinandersetzung mit der Erinnerung an sich. Die Inkonsistenz der Notizen – ob in Noelles impulsiv entwendetem Tagebuch oder in Jeans ungenauen Aufzeichnungen – tragen zu diesen Zweifeln bei und bilden die Grundlage der Erinnerungssuche, bei welcher sich das permanente Gefühl einstellt, alle Informationen seien bereits da – nur eben mit unsichtbarer Tinte geschrieben. Eine bestimmte Wahrnehmung, ein aufgeschnappter Name oder ein altes Foto lassen Jean in das Paris seiner Erinnerungen reisen und dabei lichtet sich langsam der Schleier, der Noelles Existenz verhüllt. Von der Lesedynamik her erinnert das Werk an einen Detektivroman. Man zweifelt gemeinsam mit dem Erzähler an den Aussagen von Noelles Bekannten, fragt sich, ob Jean der Verschwundenen nicht doch bereits begegnet ist und überlegt, ob diese Frau tatsächlich existiert, denn „[d]as Leben ist voller Leerstellen“. Die eigene, fast unfreiwillige Investition entwickelt eine Sogwirkung, bei dem Leser*innen genauso gespannt auf das Ende der Geschichte sind wie auf die Auflösung eines grausigen Verbrechens in einem klassischen Detektivroman – und das ganz ohne üblen Schurken oder verschlagenen Komplott.

Im Sog literarischer Meisterleistung

Die beschriebene Leselust entsteht durch eine bunte Palette an Metaphern und Vergleichen sowie den beinahe mantrischen Wiederholungen einiger Kernsätze, die in jedem Fall im Gedächtnis bleiben. Das diffuse Gefühl der Leser*innen speist sich aus dem vom sprachlichen Stil meisterhaft erzeugten Irrungen der erinnerten Erzählung. Dazu gehört auch die Namenswahl der zahlreichen Orte, Straßen und Personen, die Jean und Leser*innen vor eine gewisse Herausforderung stellen. Eine innere Zuordnung bestimmter Kerninformationen zu einzelnen Personen und Orten ist Pflicht, um sich nicht in ihrer Verschwommenheit zu verlieren. Doch keine Sorge, Sie müssen sich keine Notizen machen, da das Gefühl, in der Erinnerung verloren zu sein, zum Konzept des Werkes gehört. Nichtsdestotrotz wirken die der Suchbewegung Antrieb gebenden Erkenntniselemente besser, wenn man sich nicht allzu sehr im Namenswald verirrt.  Ein unerwarteter Perspektivwechsel am Ende fügt dem Finale noch eine weitere sprachliche Würzung hinzu und verschiebt den Fokus davon, was erinnert wird, auf die Frage, wer erinnert. Für aufmerksame Leser*innen ist dies durchaus befriedigend, da sich der Schleier der Erinnerung lüftet und man auf eine sonderbare Art und Weise von der doch eher basalen Beantwortung der Rätsel gerührt ist.

Egal ob man den Roman als Werk über die ewige Suche nach Identität auslegt oder schlicht das eigene Bedürfnis nach Aufklärung stillen möchte, das durch jeden weiteren Informationsfetzen angefeuert wird, Unsichtbare Tinte von Patrick Modiano stellt in beiden Fällen ein kurzweiliges Vergnügen mit fantastischem sprachlichem Stil und einer einnehmenden Sogwirkung dar.

Patrick Modiano: Unsichtbare Tinte
Hanser Verlag, 144 Seiten
Preis: 19,00 Euro
ISBN: 978-3-446-26918

Ein Gedanke zu „Im Paris der Erinnerungen auf der Suche nach einer Frau

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