„Was ist eine Mutter ohne Kind?“

Oyinkan Braithwaite: Das Baby ist meins; Cover: Blumenberg

Oyinkan Braithwaites Roman Das Baby ist meins gleicht einer Neuerzählung von König Salomos Urteil. Nur, dass die Handlung nicht im Jahr 1000 v. Chr. spielt, sondern im Jahr 2020 in Laos, Nigeria während des ersten Lockdowns in der Corona-Pandemie. Ein spannender Roman, der sich mit tiefgründigen und gesellschaftlichen Themen auseinandersetzt.

von VANESSA MUSZARSKY

Allgemein bekannt ist die Geschichte des weisen Königs Salomo aus der Bibel: Zwei Frauen kommen zu ihm und behaupten, die Mutter desselben Babys zu sein. König Salomo beschließt kurzen Prozess zu machen. Das Baby soll mit einem Schwert in zwei Teile geschnitten werden und jede Frau soll jeweils eine Hälfte des Babys bekommen. Doch soweit kommt es nicht, da die leibliche Mutter des Kindes sich offenbart. „Denn ihr mütterliches Herz entbrannte in Liebe für ihren Sohn – und sprach: Ach, mein Herr, gibt ihr das Kind lebendig und tötet es nicht!“ Nur so gelingt es ihm, die rechtmäßige Mutter zu identifizieren.

Geschlossene Gesellschaft

Ähnlich gelagert ist die Ausgangssituation in Das Baby ist meins. Oyinkan Braithwaites Protagonist Bambi hätte den Lockdown gerne bei seiner Freundin verbracht. Doch diese hat ihn vor die Tür gesetzt, weil er sie betrogen hat. Nun muss Bambi den Corona-Lockdown 2020 notgedrungen bei seiner verwitweten Tante Bidemi und ihrem Baby verbringen. Bambi ist überrascht, als er erfährt, dass die Geliebte seines Onkels, Esohe, ebenfalls in der heruntergekommenen Villa seiner Tante wohnt. Das, was die beiden Frauen über alle Maße begehren, ist das Baby in ihrer Mitte. Bambi, Bidemi und Esohe bleibt nichts anderes übrig, als in der Villa zu bleiben und aus ihrer Situation das Beste zu machen. Sie sind zusammen eingeschlossen und können sich nicht aus dem Weg gehen. Bald entsteht ein Machtkampf zwischen den Frauen, in dem „beide Frauen ihren Kleinkrieg über die Sicherheit des Babys“ stellen.   

Das Leiden der Protagonisten

Die Bibelsage ist die Grundlage der Erzählung. Die Isolation der Protagonisten, die Hilfslosigkeit der Frauen und die Ungewissheit, in der sich die Figuren befinden, spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Diese Elemente sorgen dafür, dass sich eine toxische Atmosphäre im Haus ausbreitet. Die Frauen stehen sich als Konkurrentinnen gegenüber – Streitigkeiten stehen dementsprechend an der Tagesordnung. Obendrein geschehen immer mehr unheimliche Dinge. Plötzlich ist Sand im Mittagsessen, Blutspuren treten auf den Wänden auf, eine mysteriöse Gestalt schleicht sich nachts in Bambis Zimmer und plötzlich geht es dem Baby sehr schlecht. Die Protagonisten werden an ihre Belastungsgrenzen gebracht.  

Bambi, ein ambivalenter Richter

„Man kann ein Baby nicht einfach für sich beanspruchen“, befindet Bambi und scheint am Anfang des Romans auch eine Lösung für das Rätsel der Mutterschaft gefunden zu haben – ein DNA-Test. Bambis Vorschlag bleibt aber zwecklos. „Die Labore hier sind total überlastet mit den Tests auf das Virus. Ein Mutterschaftstest hätte da sehr geringe Priorität“. Bambi fungiert stattdessen als Streitschlichter zwischen den zwei Frauen. Er versucht, ihnen beizustehen und hört sich ihre Versionen der Geschehnisse im Haus an. Am Ende soll er entscheiden, wer die wahre Mutter ist. Er übernimmt die Oberhand im Haus. Fraglich ist, ob er das Recht dazu hat, die Rolle des Salomos zu übernehmen. Der Roman wird ausschließlich aus Bambis Sicht erzählt. Er scheint genau so viel zu wissen wie die Leser*in. Am Anfang neigt man dazu, ihm zu vertrauen und sich auf seine Seite zu stellen. Doch Bambi verheimlicht einiges über sich und seine wahren Empfindungen.

Ein kurzer Exkurs in die Gesellschaftskritik

In ihrem Roman bettet Brathwaite einige wichtige Themen ein. Die Figur des Bambis fungiert als Metapher für die Kritik am vorherrschenden Patriachart in Nigeria. Ein männlicher vermeintlicher Außenstehender, der das Sagen übernimmt. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Selbstbestimmungsrecht und die Rolle der Frau. Esohe wird lediglich als die Geliebte des Onkels dargestellt. Sie wird auf ihren Status als Mätresse reduziert. Bei Bidemi ist es nicht viel besser. Sie konnte ihren und den Kinderwunsch ihres Mannes „erst“ nach einem langen Zeitpunkt erfüllen. „Mein Onkel […]  hatte sie nicht unter Druck gesetzt, weil sie es nicht fertiggebracht hatte, ihm ein Kind zu schenken“. Als wäre es die zentrale Aufgabe einer Frau, ihrem Mann Kinder zu gebären. Wenn sie dazu nicht in der Lage ist, wird sie zur Versagerin, um es ganz zynisch auszudrücken. Ein Beweis dafür, dass die Emanzipation der Frau immer noch ein aktuelles und essentielles Thema ist.  

 Ein kleines Rollenspiel

Als Leser*in selbst sollte man die Rolle des Salomos übernehmen und sich selbst ein Urteil bilden. Das macht das Buch für die Leser*in spannender. Für wen entscheidet man sich? Die vermeintliche Mutter, die Geliebte oder den zwielichtigen Bambi. Braithwaite macht es der Leser*in nicht leicht. Keine ihrer Figuren ist ein klassischer Antagonist. Für alle drei Protagonisten kann man Empathie empfinden. Sie alle haben eine positive und negative Seite. Bei einigen überwiegt mal die eine oder die andere Seite. Der Schreibstil ist minimalistisch angehaucht, angenehm und an manchen Stellen humorvoll. Braithwaite konzentriert sich auf das Wesentliche – die Erzählung. Ein weiterer positiver Aspekt ist, dass sich Das Baby ist meins problemlos an einem Tag lesen lässt. Perfekt zum Abschalten. Sollte man sich als Laie in Sachen westafrikanische Kultur entpuppen, könnte es hilfreich sein, den einen oder anderen Begriff nachzuschlagen. Eine positive Überraschung und eine Bereicherung für die Literatur ist der Roman allemal. Ein Beweis dafür, dass sich der Fokus der Weltliteratur nicht zwangsläufig auf die europäische oder amerikanische Literatur beschränken muss.

Oyinkan Braithwaite: Das Baby ist meins. Aus dem Englischen von Yasemin Dinçer

Blumenberg, 128 Seiten

Preis: 15,00 Euro

ISBN: 978-3-351-05089-4

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s