Revolution in Kinderschuhen

Volha Hapeyeva: Camel Travel; Droschl Verlag

In ihrem Roman Camel Travel lässt die belarussische Autorin Volha Hapeyeva Kindheitserinnerungen aus der Sowjetunion der 80er und 90er Jahre wieder aufblühen, und lässt den Leser dabei an dem Leben eines kleinen Mädchens teilhaben, welches seine ganz eigene Revolution führt. Zwanzig kurze Erzählungen zeichnen ein Bild von dem Leben eines Kindes, das zwischen individuellem Bewusstsein und sowjetischen Idealen steht – und somit einen Drahtseilakt zwischen kollektiven Kindheitserinnerungen sowie sowjetischen Eigenheiten vollführt.

von KRISTINA KUBITZA

Eine Revolution muss nicht die Welt in Brand stecken – schon gar nicht, wenn es sich bei der Rebellin um ein kleines Mädchen handelt. Volha wächst in Belarus auf, welches zur Zeit der 80er und 90er Jahre noch Teil der Sowjetunion ist, jedoch langsam seine Unabhängigkeit anstrebt. In verschiedenen autobiographischen Erzählungen berichtet die Autorin aus den Augen ihres früheren Ichs von den Umständen, in denen sie aufwuchs. Da wären das sowjetische Ideal der Oktoberkinder – die Drängung, ein bestimmtes Talent auszubauen – sowie der Spagat zwischen Belarus und dem Rest der Sowjetunion – zwischen all diesen Dingen ist nur wenig Raum für ein Kind, sich ganz persönlich zu entfalten und herauszufinden, wer es eigentlich sein will. So möchte Volha mit dem älteren Nachbarmädchen Ball spielen, doch sie stellt schnell fest, dass dies nur ungern bei jungen Mädchen gesehen wird. Trotz der kurzen, meist zusammenhanglosen Ausschnitten aus Volhas Kindheit, findet die Autorin einen Weg, die Erzählungen des kleinen Mädchens der Leserschaft nahezubringen und ihr zu erlauben, zusammen mit der kleinen Volha deren Leben zumindest stückweise zu bestreiten.

Kinder sind doch irgendwie alle gleich

Das stellt man beispielsweise fest, als Volha sich entschließt, die eklige Hafergrütze ihrer Mutter ganz einfach aus dem Fenster zu werfen und einen gewieften Plan schmiedet, damit sie auch wirklich nicht erwischt wird. Besonders nachdem sie schon beim ersten Mal ertappt wurde. „So inszenierte [sie] ein komplettes Mittagessen, wärmte die Grütze auf, schöpfte sie absichtlich so auf den Teller, dass etwas auf den Herd fiel […], ging dann auf den Balkon […] und stellte schließlich den schmutzigen Teller in die Spüle.“ Szenen wie diese sind nicht zwangsläufig einzigartig, sondern erlauben es den Lesenden, selbst über ihr Leben nachzudenken und in eigenen Erinnerungen zu schwelgen. Viele können sich vielleicht daran erinnern, als Kind dem Abendessen zu entkommen, weil es nicht schmeckte, man aber gleichzeitig Mama auch nicht enttäuschen wollte. Oder der Satz, dass es gleich wirklich etwas zu weinen gäbe. Viele dieser Erinnerungen lassen sich in alltäglichen Gesprächen und auch in Comedyprogrammen wiederfinden, sind also Teil einer beinahe kollektiven Kindheitserinnerung über Kulturen hinweg. Zugegeben, manche ihrer Geschichten lassen sich vermutlich nur im Kontext der Sowjetunion verstehen. Und trotzdem schafft es die Autorin, dass an die eigene Kindheit in irgendeiner Form erinnert wird, was unter anderem den Charme dieses Buches ausmacht. Es ist ein kleines Fenster in die eigene Vergangenheit, erzählt von einem kleinen Mädchen, welches einem selbst vielleicht gar nicht so unähnlich ist. Das Umgehen von Regeln und das Finden von Schlupflöchern ist schon universell genug, dass sich jeder an einem gewissen Punkt mit angesprochen fühlen kann.

Die Sowjetunion aus den Augen eines Kindes

Während viele der Erinnerungen im Groben universell sein könnten und nicht speziell auf die Kinder der UdSSR zugeschnitten sind, erhält die Leserschaft gleichzeitig jedoch noch einen Einblick in die damalige Gesellschaft und den vorherrschenden Zeitgeist – patriotische Ideale wie das Oktoberkind, welches „fleißig“ und „eifrig“ lernt, immer „strebsam“ ist und mit seinen Altersgenossen zusammenhält, sind in Volhas Kindheit allgegenwärtig. Das Fördern von Talenten war zu jener Zeit gang und gäbe – und so verbringt Volha einen Großteil ihrer Zeit mit Gymnastik. Dies war allerdings nur bis zu dem Zeitpunkt möglich, bis das Mädchen beginnt an Skoliose zu leiden. Der Spagat zwischen allgemeinen Erinnerungen und den Idealen der Union werden hier besonders deutlich. Mit dem Bild des Oktoberkindes werden sich vermutlich auch nicht mehr viele Kinder identifizieren wollen, denn diese wurden in eine strenge Form gepresst. Hier lässt sich auch ein Stück Gesellschaftskritik lesen, jedoch aus den Augen eines Kindes, welches die Heimat als zu groß und Belarus als einen Teil einer großen Matrjoschka der Union empfindet.

Volha Hapeyeva: Camel Travel. Aus dem Belarusischen von Thomas Weiler

Droschl Verlag, 128 Seiten

Preis: 16,00 Euro

ISBN: 9783990590777

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