„Hier endet das Menschlichsein, und damit das Menschsein“

Ljuba Arnautović: Julischnee; Cover: Hanser Verlag

In Junischnee thematisiert Ljuba Arnautović das abrupte Ende ihrer eigenen Kindheit durch den Beginn des Zweiten Weltkriegs und dessen Schrecken. Nüchtern berichtet sie dabei vom Werdegang ihres Vaters und der von den Grauen überschatteten Beziehung ihrer Eltern. Als Leser fragt man sich: Wie konnte eine Ideologie das Leben und die Zukunft so vieler Menschen in kürzester Zeit unumkehrbar verändern und welche Gefühle muss dieses langjährige Geschehen ausgelöst haben?

von SELINA WAHLEN

Karl und sein Bruder genießen in der Kindheit sorgenfreie und spaßige Tage am Meer sowie eine hervorragende Erziehung und Bildung in einem Palais in Moskau, der gleichzeitig auch das Heim der beiden Kinder ist. Während ihr Vater in England auf der Flucht vor den Nazis lebt, befindet sich die Mutter in mehrmaliger Inhaftierung. Karls Kindheit wird durch den Bruch des Hitler-Stalin-Pakts abrupt beendet, als er und die anderen österreichischen Kinder zu „Deutschen“ und somit zu Volksfeinden erklärt und verhaftet werden. Die Grenze zur Unmenschlichkeit, ausgedrückt durch Bestrafungen, dreckige und sehr beengte Schlafplätze und Ausgrenzung, wird nicht selten von den Wärtern und Bürgern der Sowjetunion überschritten. Zeitgleich befindet sich sein Bruder Slavko in Haft und wird durch Essensentzug bis zu Tode gehungert. Diese hektische und sich immer wendende Struktur des Romans ist zu Beginn des Romans schwer zugänglich, jedoch werden die einzelnen Handlungsstränge zunehmend entwirrt.

Wenn deine Nationalität dein Schicksal bestimmt

Ljuba Arnautović hat in Junischnee Originaldokumente wie z. B. Verhörprotokolle und behördliche Briefe und Anträge eingearbeitet, die dem Leser die erschreckende Tatsache näherbringen, dass es während des Zweiten Weltkriegs für die Sowjets ausreichend war, ein deutscher Bürger zu sein, um als Krimineller verhaftet zu werden. Karl muss täglich bis zur maximalen Erschöpfung arbeiten und wird durch die schmutzigen und unhygienischen Lager von Krankheit geplagt. Zudem kommt es zu absichtlich herbeigeführten Missverständnissen in den Protokollen, da Karl die Sprache der Sowjets nicht versteht und somit seine Aussagen verfälscht worden sind. Karl Arnautović gilt als Volksfeind, der aufgrund von angeblich befürwortenden Äußerungen über Hitler zu 10 Jahren Freiheitsentzug verurteilt wird. Offiziere und Wärter in den Straflagern nutzen physische Gewalt und drohen mit dem Entzug von Nahrungsmitteln oder längeren Arbeitszeiten, um das nötige Geständnis und damit Genugtuung zu bekommen. Die Parallelen zu unserer heutigen Zeit sind erschreckend. Während in einigen Teilen Amerikas eine Diskriminierung von Afroamerikanern stattfindet, gibt es auch heute noch deutsche Bürger sowie Parteien, die sich gegen ein miteinander mit Menschen mit Migrationshintergrund aussprechen. Gerade die Dokumente zeigen auf realistische Art und Weise, wie schnell man aufgrund seiner nationalen Zugehörigkeit plötzlich durch Taten anderer zu einem Feind – und somit zu einem in stetiger Angst lebenden Menschen wird. Die große Angst, die auch Arnautovićs Vater verspürte, zeigt die Autorin mit einer Liste der zehn Gebote im Straflager auf, die ihr Vater für das Überleben angefertigt hat. Einprägsam ist beispielsweise das fünfte Gebot: „Die größte Gefahr ist Verhungern. Sei dein eigener Buchhalter, ziehe stets Bilanz zwischen Soll und Haben (Verlust durch geleistete Arbeitskraft gegen Einnahmen)“, ebenso das neunte Gebot: „Verkauf dich an niemanden und unter keinen Umständen.“ Die Gebote verdeutlichen, dass das Lagerleben ein Kampf ums Überleben ist, nicht nur eine „bloße“ Haftstrafe, wie man sie heute kennt.

Die Frage nach Identität und Heimat

Nach der Heirat von Karl und Nina, die sich im Straflager kennenlernen und zwei Töchter bekommen, beginnt eine lange Verhandlung darüber, dass die Familie wieder nach Österreich zu Karls Mutter zieht. Dort angekommen endet das vorher so glückliche Familienleben. Karl blüht in seiner alten Heimat auf, während Nina sich zunehmend unwohler mit der dort herrschenden Kultur fühlt und einen scheiternden Fluchtversuch wagt. Die anfängliche Harmonie wird von Streit und Gewalt überschattet, beides presst die Kinder in ein ewiges Hin und Her zwischen den Eltern. Das gesamte Leben der Familie zeigt, dass die Heimat unersetzbar bleibt und sie Teil der eigenen Identität ist.
Das Bewusstwerden der Realität durch Dokumente sowie der sachliche Schreibstil leiten die Geschichte der Autorin ein und sie schreckt auch nicht davor zurück, ihr tragisches Leben darzustellen. Für deutsche Leser ist es bereichernd, vom Zweiten Weltkrieg aus einer nicht-deutschen Perspektive zu lesen und sich vor Augen führen zu lassen, was sich in den anderen Ländern abspielte. Trotz des sachlichen Tonfalls löst der Roman an vielen Stellen ein mulmiges Gefühl aus, das Schwer auf den Schultern lastet.

Ljuba Arnautović: Junischnee
Paul Zsolnay Verlag, 192 Seiten
Preis: 22,00 Euro
ISBN
: 978-3-552-07224-4

2 Gedanken zu „„Hier endet das Menschlichsein, und damit das Menschsein“

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