Frauenleichen zu verkaufen

Yukio Mishima: Leben zu verkaufen; Cover: Kein & Aber Verlag

Mehr als 50 Jahre nach seiner Erscheinung in Japan gibt es nun erstmals eine deutsche Übersetzung von Yukio Mishimas spätem Roman Leben zu verkaufen. Die skurrile Geschichte um einen jungen Mann, der sein Leben an andere Menschen verkauft, bleibt leider unter den Möglichkeiten seiner ungewöhnlichen Prämisse. Außerdem: weibliche Pos.

Von CARO KAISER

Deutschsprachige Freunde der modernen japanischen Literatur werden es schon längst mitbekommen haben – der Kein & Aber-Verlag hat Yukio Mishima (1925–1970) für sich entdeckt. Beginnend mit einer dringend notwendigen Neu- und Direktübersetzung von Mishimas bekanntestem Werk, dem autobiografischen Roman Bekenntnisse einer Maske (jap. Kamen no Kokuhaku, 1949) im Jahr 2018 (an dieser Stelle sei nur kurz auf die absolut grässliche Übersetzung der englischen Übersetzung von Helmut Hilzheimer verwiesen, die der Rowohlt-Verlag in all seiner Dreistigkeit 1964 dem deutschsprachigen Lesepublikum angetan hat), hat der Kein & Aber-Verlag ein Jahr später den grandiosen Roman Der goldene Pavillon (jap. Kinkakuji, 1956) von Ursula Gräfe neuübersetzen lassen (Leseempfehlung!). Bereits im Oktober 2020 ist nun ein dritter Roman des japanischen Starautors bei dem Zürcher Verlag erschienen (wem der Name Yukio Mishima nichts sagt, dem sei ein Ausflug zu Wikipedia empfohlen – der Herr hatte ein sehr bewegtes Leben, Bodybuilding und Putschversuche in Fantasyuniform mitinbegriffen). Mit Leben zu verkaufen (jap. Inochi urimasu, 1968) ist die Wahl diesmal auf einen weniger bekannten Roman aus Mishimas Spätwerk gefallen, der bisher noch nie ins Deutsche übersetzt worden ist. Wie auch bei Bekenntnisse einer Maske ist Nora Bierich die verantwortliche Übersetzerin, die – wie von der Kenzaburō-Ōe-Übersetzerin zu erwarten – eine flüssig und elegant zu lesende Übersetzung vorlegt (der Rowohlt-Verlag darf sich für seine früheren Übersetzungsverbrechen hier angesprochen fühlen).

Warum seinen Tod nicht zu Geld machen?

Der junge Werbetexter Hanio aus Tokio muss eines Abends nach Feierabend in einer Snackbar feststellen, dass ihm sein Leben sinnlos und gleichgültig ist. Da Hanio kein Mensch großer Sentimentalitäten ist, beschließt er kurzerhand, seinem Leben ein Ende zu setzen. Doch der Selbstmordversuch schlägt fehl und Hanio, der bereits vom Leben Abschied genommen hatte, fühlt sich auf einmal merkwürdig frei, nun da ihm sein Weiterleben nicht mehr am Herzen liegt. Er kündigt seinen Job und stellt folgende Kleinanzeige samt Kontaktdaten in die Zeitung: „Leben zu verkaufen. Verfügen Sie frei über mich. Ich bin männlich, 27 Jahre alt und kann Geheimnisse wahren. Keinerlei Unannehmlichkeiten.“ Bereit, sein Leben der erstbesten Person zu verkaufen und zu sterben, muss Hanio jedoch feststellen, dass sich das Sterben für ihn schwieriger gestaltet als geplant. Er überlebt einen Verkauf seines Lebens nach dem anderen und verdient dabei ordentlich Geld, auch wenn das gar nicht seine Absicht war. Allerdings bemerkt er nach einer Weile, dass die Leute, die das Leben eines anderen Menschen kaufen, selten die größten Bewunderer von Moral und Gesetzen sind.

Ein bunter Genremix, der vieles gut macht – aber nichts perfekt

Trotz der Selbstmordthematik und der Kritik am bürgerlichen „Ehefrau – Kind – Arbeit“-Leben, das Hanio als inhaltsleer empfindet, ist Leben zu verkaufen kein bierernster Roman. Vielmehr liest er sich wie ein Potpourri und eine Persiflage beliebter Gattungen der Genreliteratur – von Agententhrillern über den Erotikroman bis hin zur Fantastik – und vermischt diese heterogenen Versatzteile zu einer kurzweiligen, aber leider oftmals nicht allzu überraschenden Handlung. Die Stärke des Romans sind dabei zweifelsohne die sprichwörtliche Kürze und Würze. Nicht nur der Roman selbst ist mit 240 Seiten ein eher kurzer Vertreter, auch die Kapitel sind selten länger als zehn Seiten. Zusammen mit der Dialoglastigkeit und der ohnehin zügig voranschreitenden Handlung entsteht ein Roman, den man schnell an zwei entspannten Lesenachmittagen durch hat, auch wenn man eigentlich gar nicht so viel lesen wollte. Langeweile aufgrund von Stillstand kommt nicht auf. Wie eine emsige Straßenbahn gondelt der Roman durch seine Handlung – und da liegt einer seiner Schwachpunkte. Die Prämisse des lebensmüden Ende-Zwanzig-Jährigen, der ein Inserat zum Verkauf seines Lebens in die Zeitung stellt, bietet sämtliche Möglichkeiten für alle erdenklichen Skurrilitäten und menschlichen Begegnungen auf der gesamten Bandbreite der Komik-Tragik-Skala. Hanio trifft in seinem neuen „Arbeitsfeld“ zwar auf alle möglichen Personen – darunter auch skurrile –, aber viele dieser Begegnungen verlaufen bis auf wenige Wendungen relativ vorhersehbar. Man hat beim Lesen selten das Gefühl, gerade etwas wirklich Ausgefallenes zu lesen. Einige Highlights gibt es zweifelsohne – Möhren als Geheimwaffe in Agentenkriegen waren mir bislang beispielsweise nicht bekannt – aber oftmals wirken Wendungen, um es mal ganz plump auszudrücken, billig.      

So viele Hintern, so wenig Persönlichkeiten

Da wäre zum Beispiel die Kundin von Hanio, die sich letzten Endes selbst erschießen lässt, um Hanio zu retten, weil sie sich anscheinend innerhalb weniger Stunden unsterblich in ihn verliebt hat. Gibt der Roman irgendwelche Hinweise darauf, dass die Frau so starke Gefühle für Hanio entwickelt? Nein – denn der Roman ist zu sehr damit beschäftigt, die Lesenden darüber zu unterrichten, wie unattraktiv Hanio besagte Frau findet. Eine Kostprobe: „[Die Frau] strich den Saum ihres Kleides glatt, als habe sie Angst, der Mann, mit dem sie hier allein im Zimmer saß [also Hanio], könnte über sie herfallen, auch wenn es angesichts ihrer Erscheinung dafür keinen Anlass gab.“ Überhaupt haben der Roman und besonders sein schürzenjagender Protagonist ein schwieriges Verhältnis zu Frauen. Ein Großteil des weiblichen Romanpersonals beschaut sich in seinem Verlauf die Radieschen von unten an und ihre Persönlichkeiten halten sich meistens im Rahmen etablierter Stereotype. Da wäre die unattraktive Frau, die auf alle anderen Frauen im engeren Radius eines männlichen Wesens neidisch ist; die fürsorgliche, hübsche, junge Witwe; die Frau, die auf den ersten Blick komplett crazy wirkt, sich aber nichts sehnlicher wünscht als ein konservativ-normhaftes Leben ohne eigenen Job, aber dafür mit Ehemann und Kindern; und natürlich die naive, aber unglaublich heiße Sexgöttin (ein Klassiker). Diese muss übrigens laut ihrem Ex-Mann (der ihr Großvater sein könnte) sterben, denn (und Hanio widerspricht dem nicht) „[w]er mit ihr schläft, fängt an, sie zu hassen. Denn mit was für Frauen man es später auch zu tun bekommt, es ist, als würde man auf Sand beißen.“ Aber es kommt noch besser: „Um ehrlich zu sein, konnte ich es, so alt, wie ich bin, nicht wirklich mit ihr treiben. Deswegen musste ich sie um jeden Preis töten.“ Uff – da kann sich bei Lesenden aus dem 21. Jahrhundert schon mal das eine oder andere Haar sträuben. Wäre dieser impotente, notgeile Opi eine Ausnahme in dem Roman, könnte man das durchaus als provokant-lustige Überzeichnung hinnehmen und vielleicht sogar lachen. Das Problem ist nur, dass Hanio nicht so viel mehr Respekt Frauen gegenüber zeigt wie der Sand beißende Opa. Sachen wie, „[s]ie durchquerte […] das Zimmer […], wobei ihr beachtlicher Hintern […] großen Eindruck hinterließ“ oder „ihr Hintern [zeigte] eine Fülle […], als steckte in dem von der winterlichen Sonne beschienen Gesäß das pralle Leben selbst. Es war das Gefühl, als hielte man eine noch neue, volle Zahnpastatube in den Händen, deren Glanz und Frische ihrem Benutzer einen erquickenden Tag versprach“, lassen Hanio als reinen Fleischbeschauer in zwischengeschlechtlichen Situationen wirken.

Das ideale weibliche Gesäß sieht aus wie… ein Maulwurfshügel… im Frühling…?

Die stellenweise abstrusen Bilder, die bei der Beschreibung von weiblichen Körperteilen benutzt werden – Zahnpastatuben, „Maulwurfshügel im Frühling“, „alte Grabhügel“ (das ist übrigens positiv gemeint) – lassen erahnen, dass Mishima mit Hanio auch darauf abzielt, sich über die „Frauenheld“-Protagonisten vieler Agenten- und Kriminalthriller (James Bond lässt grüßen) lustig zu machen, ohne die männliche, japanische, heterosexuelle Leserschaft, auf die der Roman bei seiner Erscheinung 1968 abgezielt hat, allzu sehr vor den Kopf zu stoßen. Der Roman wirkt daher stellenweise wie ein Relikt aus einer anderen Zeit, in der Frauen nicht viel mehr waren als ihr „beachtlicher Hintern“. Schlecht macht das den Roman natürlich nicht, nervig aber schon. Leider ist der Roman davon abgesehen nicht gut genug, als dass man darüber einfach als zeitbedingtes Kuriosum hinwegsehen könnte. Erschwerend kommt noch hinzu, dass Mishima eigentlich ein deutlicher besserer Autor ist, als dieser Roman es vermuten lässt. Wer also noch nie einen Roman von ihm gelesen hat, dem sei an dieser Stelle einer der beiden eingangs erwähnten Romane empfohlen. Wer Mishima schon kennt und ihn gerne von einer weniger ernsteren Seite erleben möchte, dem sei von Leben zu verkaufen keineswegs abgeraten – man darf nur nicht zu viel erwarten. Das ist nicht Mishima auf der Spitze seines Könnens.     

Yukio Mishima: Leben zu verkaufen. Aus dem Japanischen von Nora Bierich
Kein & Aber, 240 Seiten
Preis: 22,00 Euro
ISBN: 978-3-0369-5824-8

2 Gedanken zu „Frauenleichen zu verkaufen

  1. Mishima scheint auch so ein Autor mit stark schwankender Qualität zu sein? habe „Star“ gelesen und fand es nicht sehr toll. Denke aber ich versuche es nochmal mit dem Pavillon. Kann man den auf englisch lesen? (grade bisserl ne Kostenfrage…)

    • Der Einschätzung kann ich mich nur anschließen – Mishima ist entweder großartig (zumindest meiner Meinung nach) oder ziemlich mittelprächtig. „Der goldene Pavillon“ kann ich wie gesagt nur empfehlen. Ich habe selber tatsächlich auch nur die englische Übersetzung (von Ivan Morris, bei Vintage Books erschienen) gelesen. Ich persönlich fand Morris‘ Übersetzung sehr gut, der Roman ist aber sprachlich und thematisch relativ komplex. Wenn man gut Englisch lesen/sprechen kann, sollte das allerdings kein Problem sein. Viel Spaß beim Lesen!
      Liebe Grüße
      Caro

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