Tod mit Vorwarnung

Adam Silvera: Am Ende sterben wir sowieso; Cover: Arctis Verlag

Mateo und Rufus wissen, dass heute ihr letzter Tag sein wird – denn der Death Cast ruft beide mit der düsteren Botschaft an, dass ihr Leben in den nächsten 24 Stunden ein vorzeitiges Ende finden wird. Am Ende sterben wir sowieso behandelt eine brillante Idee, die aus mehreren Perspektiven von Verzweiflung, Liebe und Freundschaft erzählt, dessen volles Potential Autor Adam Silvera aber nicht ausschöpfen kann.

von ISABELLA NAUEN

Wie würde man seinen Tag verbringen, wenn man weiß, dass es der letzte ist? Wenn man um Mitternacht angerufen wird und erfährt, dass man wohlmöglich den nächsten Morgen nicht mehr erleben wird? Diesen Fragen geht Adam Silvera ein wenig tollpatschig in seinem YA-Roman Am Ende sterben wir sowieso nach. Erzählt aus der Ich-Perspektive verfolgt der Leser abwechselnd Mateo Torrez, einen ängstlichen und einsamen jungen Mann, und seinen Gegenpol Rufus Emeterio, einen gewalttätigen und unberechenbaren Jungen im gleichen Alter von 17 Jahren. Zunächst scheinen beide nicht viel gemein zu haben, denn Mateo ist am liebsten Zuhause und fürchtet sich vorm Leben selbst, während Rufus mit „seinen Jungs“ den neuen Freund seiner Ex-Freundin Aimee beinahe zu Tode prügelt.

Was die beiden allerdings bindet, ist ihr grausiges Schicksal: Denn in dieser fiktiven Welt gibt es Todesbotschaften mittels Death Cast. Dieser ruft um Mitternacht an und klärt beide darüber auf, dass ihr Leben bald ein Ende finden wird. Wie dies möglich ist und wer genau diese Vorhersage trifft, wird während der knapp 300 Seiten des Romans nicht geklärt. Die Message des Romans ist eine andere: Genieße das Leben, solange du kannst. Dieser Aufruf hallt laut und klar wider während des gesamten Romans, wird von Silvera teils aber auch als Vorwand dafür genommen, einige löchrige Logikfragen schlichtweg zu übergehen. Es ist das alte Problem, das die Welt der Fiktion schon lange plagt: Wie erklärt man Verhaltensmuster logisch, wenn die Figuren im Vorhinein wissen, wie es ausgehen wird? Schließlich verhält man sich nach der eigenen Todesvorhersage anders – man geht vorsichtiger durchs Leben. Diese vom Autor aufgeworfenen, jedoch ungeklärt bleibenden Fragen lenken den Fokus verstärkt auf die Figuren des Romans, die durch die Fragen ihrer verbleibenden Zeit stolpern.

Der Tod kommt selten allein

Mateo und Rufus sind beide überwältigt von der grausamen Nachricht ihres Todes, finden aber den gleichen Ansatz: Eine App namens „Last Friend“ soll ihren Todestag mit einem letzten Freund versüßen. Die beiden haben aus verschiedenen Gründen nicht die Möglichkeit, ihren letzten Tag auf Erden mit ihren Geliebten zu verbringen und suchen stattdessen Zuflucht in der App. Mateo und Rufus verstehen sich während des Schreibens auf Anhieb gut und entscheiden sich, einander in echt zu treffen und die letzte Chance auf Abenteuer gemeinsam zu nutzen. Mateos charakterliche Eigenschaften kommen dabei deutlich zu Tage: Er hat Angst davor, sein Leben nicht genutzt zu haben und nun ohne wertvolle Erinnerungen zu sterben. Rufus hingegen bleibt dem Leser trotz seiner vielen Kapitel ein Rätsel. Seine Figur wirkt schemenhaft, alle paar Seiten scheint er sich nuancenweise zu verändern. Dies hat allerdings nichts mit charakterlicher Entwicklung zu tun, sondern vielmehr damit, dass Silvera Rufus selbst nicht allzu gut zu kennen scheint.

Starke Idee mit schwacher Umsetzung

Silvera lebt die Unterschiede der Figuren sprachlich deutlich aus – Rufus‘ Figur nutzt Slang wie „Yo“ am Ende fast jeden Satzes und auch „f*cking“ fällt so oft, dass es sich erzwungen anfühlt. Auch der restliche Schreibstil ist recht simpel gehalten und bietet deshalb nur selten die Möglichkeit, in wunderschönen Metaphern oder anderen sprachlichen Besonderheiten zu versinken. Weiterhin sind die Unternehmungen seitens Mateo und Rufus genauso auswechselbar wie Silveras einfach gehaltene Ausdrucksform und hätten um einiges emotionaler sein können, hätte der Autor sie besser auf seine Figuren abgestimmt. Die beiden gehen unter anderem in einen Club und erleben sich für den Leser öde anfühlende Momente in einem Center, das eine Weltreise simulieren soll. Die Figuren rücken hierdurch noch deutlicher in den Vordergrund und schaffen es gerade so, die Szenen zu tragen, ohne dass sie langweilig werden. Auflockernd ist allerdings, dass alle paar Kapitel eine bisher unbekannte Figur Ausschnitte ihres Lebens erzählt und so Puzzleteile zusammenfügt, die Mateo und Rufus als Ich-Erzähler nicht mitbekommen konnten. Dies ist nicht nur eine Hilfestellung für die Erzählung, sondern es wird auch deutlich, dass die ganze Welt von den Death Casts in Atem gehalten wird und nicht nur die Hauptfiguren in Schwierigkeiten stecken. Dass die Erzählung trotz allem realitätsnah wirkt und somit ein mulmiges Gefühl hinterlässt, liegt aber nicht nur an den erzählenden Nebenfiguren, sondern auch daran, dass die Erzählung im kürzlich verstrichenem Jahr 2017 spielt und die Figuren Social Media-Dienste wie Instagram nutzen.

Pure Spannung trotz Unebenheiten

Trotz der geübten Kritik kann man den Roman wie auf magische Weise nicht aus der Hand legen. Das mag unter anderem auch am Titel des Buches liegen – und zwar nicht am deutschen Titel, der recht wenig aussagt, sondern der des englischen Originals, nämlich They both die at the end. Der Titel verrät hier zwar vorzeitig das Ende des Romans, erhöht die Spannung aber trotzdem um einiges. Als Leser sorgt man sich um die Figuren, egal, wie distanziert manche von ihnen auf den Rezipienten wirken mögen. Denn man weiß, dass es jeden Moment für sie zu Ende sein könnte. Häufig hegt man als Leser in anderen fiktiven Werken die Hoffnung, dass die Lieblingsfigur ihrem Schicksal doch noch entrinnen kann – doch Silvera dreht den Spieß um und sagt geradeheraus, dass beide Hauptfiguren die letzte Seite nicht überleben werden. Der Leser weiß, worauf er sich einlässt und der ein oder andere mag wohl auch schon einmal die Taschentücher hervorkramen.

Das Konzept des Death Casts hat mich unglaublich neugierig auf den Roman gemacht und meine Erwartungen ins Unermessliche gesteigert. Am Ende sterben wir sowieso konnte diese Erwartungen im Endeffekt aber nur aus der Ferne betrachten. Trotzdem kurbelt die starke Grundidee des Romans die Lesefreude an und man fragt sich als Leser unweigerlich, wie man sich selbst verhalten würde, wenn einen der Death Cast mit schlechten Neuigkeiten anrufen würde. Eine grausige Vorstellung, die zum Fantasieren einlädt.

Adam Silvera: Am Ende sterben wir sowieso. Aus dem Englischen übersetzt von Katharina Diestelmeier
Arctis Verlag, 336 Seiten
Preis: 10,00 Euro
ISBN: 978-3-03880-203-7

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