Menschsein auf Koreanisch

Ahn In-Kyoung (Hrsg.): Gefährliche Lektüre – 11 Kurzgeschichten aus Korea; Cover: Iudicium Verlag

Reisen bildet. Lesen auch. Wer seine Welt bereichern und wachsen will, der muss lernen, dass es mehr als einen Blickwinkel gibt. Mit Gefährliche Lektüre bekommen Leser:innen Betrachtungsweisen aus der Feder ausgezeichneter koreanischer Autor:innen präsentiert, die so vielfältig sind, wie die Genres, derer sie sich bedienen. Doch wer erwartet, das Andere im Land zu finden, hat weit gefehlt.

von MEIKE WINKLER

Gefährliche Lektüre: Der Titel suggeriert, dass sich Leser:innen in riskanten oder gar lebensbedrohlichen Situationen, vermutlich in Korea, wiederfinden. Jedoch rührt der Titel von der gleichnamigen Kurzgeschichte von Kim Kyung-Uk her, die es – zumindest für Literaturbegeisterte – auf wunderbare Weise schafft, die Essenz des Buches zusammenzubringen. Ihre Verortung in der Mitte des Buches, quasi der Kern, verdeutlicht die übergeordnete Beziehung zum Werk und dessen inhaltliche Einordnung.

Der Ich-Erzähler dieser Kurzgeschichte arbeitet an einem unbestimmten Ort als Buchtherapeut, denn er ist der Ansicht, dass durch Lesen alles Wissen erworben werden kann. Gleichzeitig betrachtet er Menschen wie Bücher – sie sind lesbar, was der Grundansatz seiner Therapiemethode ist. „Wenn du mir sagst, welche Bücher du gelesen hast, kann ich dir sagen, wer du bist.“ Auf dieser Basis wählt er Bücher aus, die hilfreich für den Patienten sind. Seine Haltung wird jedoch erschüttert, als ihm eine Frau begegnet, die er aufgrund ihrer mangelnden Leseerfahrung nicht entschlüsseln kann. Nach der Lektüre muss man, ganz im Sinne des Autors, feststellen: „Lesen ist gefährlich. Denn es lässt einen auf sich selbst blicken.“  

Der Duft von Erinnerungen

Mit Die New York Bakery führt Kim Yeon-Su durch die gleichnamige Bäckerei, in der er aufgewachsen ist. Dabei reflektiert er die neuere Geschichte Koreas anhand der Entwicklung eben dieses Geschäfts und Zuhauses. Trotzdem es die Geschichte eines anderen Landes ist, ist die Vertrautheit des sich wandelnden Grundtons in der Gesellschaft beinahe unheimlich. Jedoch geht es ihm nicht um eine Gesellschaftskritik. Für Kim geht es um starke Gefühle, die mit besonderen Dingen, Orten oder Momenten verbunden sind, und für uns wie kleine Lichter das Leben erhellen. „Auch wenn es ein Licht ist, das heutzutage nirgendwo mehr auf dieser Welt zu finden ist.“ Wie die New York Bakery, die seine Mutter betrieben hatte und einem Eintopfladen gewichen ist.  

Schreiben, erzählen – kommunizieren

Ob wie in Wenn die Sichel bellt von Kim Deok-Hee über die Befähigung des Schreibens und Lesens und die Bedeutung des Einen ohne das Andere reflektiert wird, oder die Wichtigkeit, Menschen zu verstehen und ihnen beizustehen, wie es in Geleitschutz des Lichts von Cho Hae-Jin rührend demonstriert wird – die Tragweite von Interaktion und Kommunikation, gleich welcher Art, ist der Dreh- und Angelpunkt dieser kleinen Sammlung. Mit seinen differenzierten Schwerpunkten in den Geschichten werden immer wieder neue Themenbereiche angeschnitten und demonstrieren exemplarisch ein diverses Weltbild. Insbesondere ein durchaus selbstkritischer Blick in die Zukunft der Schönheits-OPs in Kim E-Whans Deine Verwandlung durch die Augen eines diversen Paares verstärkt diesen Eindruck.

Die Beziehung des Menschen innerhalb der Gesellschaft, untereinander und zu sich selbst sind die drei Hauptthemen, in die sich die elf Kurzgeschichten einordnen lassen. Damit hören die Gemeinsamkeiten dieser jedoch auch schon auf. Jede Geschichte hat einen anderen Autor – geboren zwischen 1958 und 1980, bekannt, beliebt und mit Preisen ausgezeichnet. So wie jede Geschichte die einer anderen Person ist, so zeigt sich auch im Stil der Autor:innen immer wieder eine andere Herangehensweise. Jeder stellt seine persönliche Nuancierung durch die Art des Beschreibens, Erzählens oder auch die Darstellung von Emotionen in den Vordergrund.

Das Buch wurde in dieser Form für den deutschen Markt konzipiert und stellt ein kleines Potpourri koreanischer Werke dar, um explizit deutschen Leser:innen einen Einblick in die Literatur ihres Landes zu geben. Obwohl auch typisch koreanische Elemente in den Texten zu finden sind, bedarf es keines großen Vorwissens über die koreanische Kultur, um sie zu verstehen, in sie einzutauchen und Spaß an ihnen zu haben. 

Ahn In-Kyoung (Hrsg.): Gefährliche Lektüre – 11 Kurzgeschichten aus Korea. Aus dem Koreanischen übersetzt von In-kyoung Ahn und Anneliese Stern-Ko
Iudicium Verlag, 285 Seiten
Preis: 18,00 Euro
ISBN: 978-386205368

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