How to: Einsamkeit überwinden

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit; Cover: Diogenes

Ergreifend. Einfühlsam. Sensibel. In Vom Ende der Einsamkeit erzählt Benedict Wells auf berührende und philosophische Weise über das Leben, den Tod und die damit verbundene Trauer, die für die Hinterbliebenen unausweichlich ist. Eine Geschichte über die Hürden des Lebens und wie man sie überspringt.

von VIKTORIA GORETZKI

„Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind. Man weiß nie, wann er zuschlagen wird.“ Jules ist gerade einmal elf Jahre alt, als seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen. Seitdem sind er und seine beiden älteren Geschwister Liz und Marty auf sich allein gestellt. Alle drei gehen unterschiedlich mit dem Verlust der Eltern um, entwickeln verschiedene Lebensvorstellungen und werden sich immer fremder. Vor allem Jules schafft es nicht aus der Trauer herauszukommen, denn diese lauert hinter jeder Ecke und mit ihr auch die Angst, seine Eltern zu vergessen.

Die Erzählung beginnt im Jahr 2014: Jules hatte einen Motorradunfall und erwacht im Krankenhaus. Retrospektiv erzählt er von seiner behüteten Kindheit, seinem lebensfrohen, kreativen Ich, seinen Geschwistern, seinen Eltern und den alljährlichen Familienurlauben in Berdillac, Südfrankreich, um herauszufinden, wie es zu dem Unfall kommen konnte. Alle Abschnitte von Jules’ Leben sind datiert, angefangen im Jahr 1980 bis zum Motorradunfall. Die Daten dienen der Orientierung, sowohl für die Leser*innen als auch für Jules. Teils sehr detailliert, teils zeitraffend und unübersichtlich beschreibt Jules sein Leben, das mit dem Tod seiner geliebten Eltern eine plötzliche Wendung nimmt. Der Tod löscht den lebensfrohen, mutigen und kreativen Jungen aus und hinterlässt ein prägnantes Bild in seiner ohnmächtigen, traurigen Hülle: „Wie unser Leben beim Tod unserer Eltern an einer Weiche ankommt, falsch abbiegt und wir seitdem ein anderes, falsches Leben führen. Ein nicht korrigierbarer Fehler im System.“ Seit dem Unfall ist alles anders und fremd. Und Jules auch. Das Leben hat ihm Steine in den Weg gelegt. Und er kann sie nicht überwinden.

„Was sorgt dafür, dass ein Leben wird, wie es wird?“

Trauer ist das zentrale Thema des Buchs. Sie ist die ständige Begleiterin von Jules und seinen Geschwistern, sie ist es, die die Familie zerbrechen lässt und die Geschwister auf ein Internat nach München schickt. Jules’ Schwester Liz stürzt in ein Drogenproblem, sein Bruder Marty entwickelt sich zu einem technikaffinen, unterkühlt wirkenden Eigenbrötler und Jules versinkt in seiner Einsamkeit und der Verlorenheit, die die Trauer mitgebracht hat. Seine Leidenschaft, das Schreiben, rückt zunehmend in den Hintergrund. Mit seiner Sensibilität und Feinfühligkeit, die in seiner Künstlerseele mitschwingt, beschreibt er das, was ihm widerfahren ist: „Das hier ist alles wie eine Saat. Das Internat, die Schule, was mit meinen Eltern passiert ist. Das alles wird in mir gesät, aber ich kann nicht sehen, was es aus mir macht. Erst wenn ich erwachsen bin, kommt die Ernte, und dann ist es zu spät.“ Wells sät mit der Trauer auch sehr lebensnahe und realistische Gedanken in seinen Charakter. So ist es die Angst, irgendwann die Erinnerungen an seine Eltern zu vergessen, die Jules begleitet, gepaart mit der omnipräsenten Frage: Wie wäre mein Leben, wenn meine Eltern noch da wären?

Wells erzählt hier fraglich nichts Neues, verwendet auch teils abgegriffene Floskeln und Lebensweisheiten, die er aufpoliert: „Du allein trägst die Verantwortung für dich und dein Leben. Und wenn du nur tust, was du immer getan hast, wirst du auch nur bekommen, was du immer bekommen hast.“ Und dennoch hat der Roman etwas Tröstliches an sich, denn durch die authentischen Gedanken und Gefühle findet man sich als Betroffene*r schnell zwischen den Zeilen wieder. Manchmal müssen Botschaften in Büchern ja auch nicht neu sein, es kann ja auch einfach nur helfen, sich selbst an diese Aussagen zu erinnern und Kraft aus Altbekanntem zu ziehen.

Und dann kam Alva

In der Schule lernt Jules ein Mädchen kennen, das genauso einsam zu sein scheint wie er. Ihr Name ist Alva und die beiden freunden sich an. Sie reden nicht über Gefühle, ihre Familien oder ernste Dinge. Es ist die Einsamkeit, die sie verbindet, und ein Schmerz, der tief in ihren Herzen wohnt. Erst am Ende der Schulzeit bemerkt Jules, dass er sich in Alva verliebt hat, aber wie das Leben so spielt, verlieren sie sich aus den Augen und finden erst spät wieder zueinander. Die Geschichte der beiden ist lang, nimmt einige fragwürdige Wendungen und dennoch ist sie romantisch, liebevoll und eigen. Jules, der nicht so ganz weiß, was er im Leben möchte, und Alva, die lieber eine Figur in einem Buch wäre.  Schlussendlich, nachdem Jules sich mit dem Erlebten auseinandersetzt, begreift er, wie die Einsamkeit endlich ein Ende finden kann: „[A]ber das Gegengift zu Einsamkeit ist nicht das wahllose Zusammensein mit irgendwelchen Leuten. Das Gegengift zu Einsamkeit ist Geborgenheit.“ Und Jules schafft es, endlich die Einsamkeit hinter sich zu lassen.

Vom Ende der Einsamkeit ist eine tragische Geschichte über das Leben, die auf beeindruckende Weise sensible Themen aufgreift und mit ihnen umgeht. Dabei ist sie nah an der Realität, stellt die teils sehr negativen und sensiblen Gedanken feinfühlig dar und präsentiert, wie mit einer so schrecklichen Situation umgegangen werden kann. Gleichzeitig hüllt Wells allseits bekannte, fast schon verstaubte Lebensweisheiten in einen neuen Glanz – und regt so mit einer ganz eigenen Philosophie zum Nachdenken an. Für einige Leser*innen vielleicht neu, für andere Leser*innen vielleicht tröstend – aber auf jeden Fall ergreifend.

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit
Diogenes Verlag, 368 Seiten
Preis: 13,00 Euro
ISBN: 978-3257244441

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