Und es hat Zoom gemacht: Goethe in Zeiten des multimedialen Lockdowns

Werther.Live; Foto: Lotta Schweikert

Dortmund, 20. Mai 2021:  Werther.Live geht in die zweite Runde. Werther liebt Lotte. Lotte weiß nicht so recht. Die Handlung von Goethes Die Leiden des jungen Werther (1774) kennt wohl fast jeder aus der Schule. Werther verliebt sich in Lotte, in der er alle Ideale einer für ihn perfekten Frau sieht. Dass diese bereits verlobt ist, hält ihn nicht davon ab, sich in diese Liebe und seine Gefühle reinzusteigern. Er verliert sich in sich selbst, was ihn letztendlich in den Selbstmord treibt.  Soweit, so Goethe.

Von FLORENTINE MARTIN

Schauspieler*innen, Künstler*innen und andere freischaffende Berufsgruppen waren wohl diejenigen, die mit am stärksten vom Lockdown der Corona-Pandemie betroffen waren. Neue Konzepte mussten her, am besten schnell, effizient und einladend. Zoom, Skype und andere Online-Video-Plattformen traten in den Vordergrund und wurden vermehrt von Theatern und Schauspielhäusern genutzt, um sowohl den Darsteller*innen als auch dem Publikum diese verzwickte Situation zu erleichtern und zu verschönern. Das Schauspielkollektiv um die Regisseurin Cosmea Spelleken nutzt diese Möglichkeiten vielfältig und so entsteht mit Werther.Live ein Theaterstück, das alle Grenzen des digitalen Theaters überschreitet. Zoom, WhatsApp Web, Skype und Instagram rücken in den Vordergrund und werden mit einem Livestream in die Wohnzimmer des Publikums gebracht. Der Theatergong ertönt ganz vertraut, ich mache das Licht in meinem Wohnzimmer aus und es geht los.

3, 2, 1, meins!

Werther (Jonny Hoff) und Lotte (Klara Wördemann) lernen sich auf der Dating-Plattform des 21. Jahrhunderts kennen – Ebay-Kleinanzeigen. Werther will ein Buch über Waffen kaufen und die beiden kommen im Chat ins Gespräch. Von 1 ½ Jahren Pandemie-Einsamkeit geplagt verlegen sie ihre tiefgründigen Gespräche – die auch ab und zu ein paar Rechtschreibfehler aufweisen und definitiv der Jugendsprache angepasst sind – auf WhatsApp, tauschen Bilder und Sprachnachrichten aus und verabreden sich letztendlich für einen Videoanruf via Zoom. Sie flirten, albern herum und man bekommt das Gefühl, dass man nicht im klassischen Theater sitzt, sondern eine normale Online-Unterhaltung zwischen jungen Leuten verfolgt. Eine Lebensrealität, die uns wohl allen momentan bekannt sein sollte. Durch die fortlaufende Übertragung von Werthers Computerbildschirm bekommt das Publikum also einen Einblick in das wohl Intimste unserer Zeit. Unser Desktop und unser Suchverlauf spiegeln unser Innerstes wider, bergen vielleicht sogar tiefe Geheimnisse und sind bei jedem Menschen individuell. Alles, was wir als Publikum sehen, sehen wir durch die digitale Brille Werthers.

Kreation eines privaten Raums

Interaktion wird hier großgeschrieben. Wer meint, ihn würde hier stumpfes Theater und reines Auswendiggelerntes erwarten, der liegt falsch. Alle Figuren des Dramas haben ein eigenes Instagram-Profil, dem man folgen kann und wenn man Glück hat, erscheint das eigene Insta-Profil selbst kurz auf Werthers Bildschirm. Man hat das Gefühl, alleine mit den Schauspieler*innen zu sein, denn man verfolgt das Geschehen vom Sofa mit einem Glas Prosecco, der weniger als 6,50 Euro kostet – was man im Theater in der Pause ja gerne mal dafür ausgeben darf.  Die Atmosphäre ist intim und das Theatererlebnis so privat und einzigartig, wie es sonst selten ist. Auch das Nachgespräch nach der Aufführung via Zoom bringt Publikum und Schauspieler*innen näher und Fragen können im Chat gestellt werden.

Goethe.Live

10. Junius: Schreibmaschinen-Geklapper: „Ach, ihr vernünftigen Leute! Leidenschaft! Trunkenheit! Wahnsinn! Schämt euch, ihr Nüchternen! Schämt euch, ihr Weinen!“ Goethe ist omnipräsent. In kurzen Zwischensequenzen mit leiser Musikbegleitung liest das Publikum Originalauszüge aus Goethes Briefroman und somit wird die Schreibmaschine zum Bindeglied zwischen Goethes Feder und Werthers Chatkommunikation. Die Inszenierung profitiert davon, dass Goethes Roman nicht an Aktualität eingebüßt hat und gerade toxische Liebesbeziehungen besonders aktuell in den Vordergrund gerückt sind. Die multimediale Aufarbeitung wirkt dadurch sehr authentisch. Das wird auch durch die großartige darstellerische Leistung von Jonny Hoff, Klara Wördemann und Florian Gerteis verstärkt, die mit spielerischer Leichtigkeit die Romanvorlage ins 21. Jahrhundert katapultieren: „Der sieht aus wie Philipp Amthor auf Großwildsafari!“ Die gesamte Darstellung wirkt ungezwungen, wobei die Schauspieler*innen unter dauerhaftem Druck stehen, weil die Inszenierung ihnen einen ständigen Wechsel zwischen den Medien, Settings und Outfits abverlangt, wie sie auch im Künstlergespräch andeuten.  Das Stück erreicht seinen dramaturgischen Höhepunkt mit Werthers Selbstmord. In einer fulminanten Darstellung wird der Suizid Werthers packend und erschütternd dargestellt. Allein zwei Grafiken reichen aus, um diese Ausweglosigkeit greifbar zu machen. Ein Bild von Werthers Kopf und daneben das einer Pistole. Die grafisch eher kühle Darstellung gegen das zu hörende Schluchzen Werthers im Hintergrund, zieht das Publikum in seinen Bann und man hat das Gefühl, man sei Augenzeuge.

Werther.Live wurde nicht für Bühnenaufführungen konzipiert. Es ist als immersives Erlebnis für den digitalen Raum gedacht und hat definitiv Zukunft. Wer sich also von den stürmenden und drängenden Schauspieler*innen verzaubern lassen möchte, sollte es sich auf dem Sofa bequem machen und den Laptop anschmeißen, denn Theater verbindet – gerade in diesen verrückten Zeiten.

Informationen zur Inszenierung: https://punktlive.de/

Nächste Vorstellungen:

Sonntag, der 3. Oktober 2021 um 20 Uhr

Sonntag, der 24. Oktober 2021 um 20 Uhr

4,00 Euro pro Ticket

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s