Die Chronik einer Wiese

John Lewis-Stempel: Meadowland; Cover: Black Swan

John Lewis-Stempel beschreibt einen vollen Jahreszeitenzyklus auf einer Wiese im englischen Hereford Shire, nahe der walisischen Grenze. In akkurater Feinarbeit lässt der Chronist ein Panorama der einzigartigen Schönheit und Artenvielfalt dieses begrenzten Naturraumes entstehen und spart bei alldem auch die Kulturgeschichte nicht aus. 2014 gewann dieses außergewöhnliche Sachbuch dafür den Wainwright Prize für Nature Writing.

von STEFAN JAKOB

Was kann sich alles auf einer einfachen Wiese abspielen? Bei genauem Hinsehen eröffnen sich beeindruckende Naturschauspiele, wohin man auch schaut. In der Luft, zwischen dem Gras, in den Tümpeln und Hecken, am Fluss, in der Aue und unter der Erde – überall tummelt sich Leben, spielen sich alltägliche und unglaubliche Dramen ab. Meadowland zeichnet das Treiben, Wachsen und Vergehen von über 200 Arten nach. Von den Raubzügen des Rotmilans, der sich langsam wieder aus Wales nach Osten ausbreitet, bis zur Tunnelarchitektur der Maulwürfe. Selbst die Hufabdrücke einer Kuh bieten einigen Kleintieren einen Lebensraum. Für andere Arten können sie die Zeichen einer Katastrophe darstellen, wie ein halb zertretenes Mäusenest beweist. Unter den richtigen Umständen zeigt sich die Wiese als überbordende Quelle des guten Lebens. Doch in dieser scheinbaren Idylle spielen sich Dramen ab, die den Beobachtungen Dynamik und Spannung verleihen. Gerne will man wissen, was als nächstes passiert und blättert weiter. Dabei stößt man immer wieder auf alte Bekannte und erfährt, wie sie sich an die wechselnden Begebenheiten anpassen.

Geschichte und Kultur

Die Wiese ist jedoch bei weitem keine vom Menschen unberührte Wildnis. Vielmehr wurde das Land schon seit der Antike landwirtschaftlich genutzt und birgt Spuren vieler menschlicher Bewohner unterschiedlicher Kulturen. Wir erfahren, wie das Landschaftsbild durch unterschiedliche Bewirtschaftung sein Antlitz verändert hat. Wurden dort im Mittelalter noch Schweine in einen dichten Wald getrieben, um sie mit Eicheln zu mästen, wird es heute schon seit vielen Generationen als Weideland genutzt. Die sehr detaillierten Naturbeschreibungen werden so von der geschichtlichen Dimension ergänzt. Die menschliche Kultur spiegelt sich aber auch heute noch in den Tier- und Pflanzennamen, in den Festen und Volksliedern wider. Wir erfahren etwa, wo die cuckoo pint Blume ihren Namen her bezieht, was den Komponisten Olivier Messiaen am Gesang der Mönchsgrasmücke begeisterte und wieso der Zaunkönig in England unter einem schlechten Ruf litt.

Lewis-Stempel wechselt selbst ständig die Rolle zwischen einem aufmerksamen Beobachter und eingreifendem Nutznießer. Die Wiese ist nicht zuletzt Weide für seine Kühe, Schafe und Schweine. Der Jahreszeitenzyklus strukturiert auch sein Leben als Bauer und Jäger. Eindrucksvoll wird dies deutlich, als sein Mähdrescher den Geist aufgibt und er in einer längeren Passage die Freuden des mühevollen Mähens mit einer Sense reflektiert. Das Zeitfenster für das Heumachen ist kurz und daher umso bedeutungsvoller, stellt es doch für das Vieh das Überleben im Winter sicher. Dass die Naturverbundenheit manchmal etwas romantisiert wird, ist für Lewis-Stempel Programm: das Buch soll explizit keine wissenschaftliche Abhandlung darstellen.

Eine literarische Ökologie

Die Eloquenz der Sprache von Meadowland ist dem abwechslungsreichen Leben auf der Wiese durchaus gewachsen. Lewis-Stempel zeigt nicht nur, dass er ein ausuferndes Fachvokabular beherrscht, sondern er verwendet auch plastische Bilder, die beim Lesen das Gefühl vermitteln, am Leben der tierischen und pflanzlichen Protagonisten teilzuhaben. Dazu nimmt er regelmäßig literarische Bezüge in seine Beschreibungen auf. Nicht nur Klassiker des nature writing von Richard Jefferies über George Orwell bis Roger Deakin werden zitiert, sondern auch eine bunte Mischung an Auszügen aus Gedichten von u.a. Geoffrey Chaucer, William Blake, John Clare und Ezra Pound, sowie einiger unbekannterer Dichter und Volkslieder. Das illustre Geflecht literarischer Bezüge stellt neben der biologischen eine eigene Ökologie dar, die den Aufzeichnungen ein weiteres Mal Tiefe verleihen. Den Überblick verliert man in diesem dichterischen Mikrokosmos trotzdem nicht – zumal jedem Monat ein typischer Vertreter der Fauna oder Flora zugeordnet ist, der dann eine prominente Rolle spielt. Und zur Abrundung findet sich im Anhang nicht nur ein Verzeichnis der auftauchenden Tiere, Pflanzen und Pilze, sondern auch einige Literatur und sogar Musikempfehlungen zum Weiterlesen oder -hören.

John Lewis-Stempel: Meadowland. The Private Life of an English Field

Black Swan, 294 Seiten

Preis: 9,99 Pfund

ISBN: 978-0-552-77899-2

Deutsche Ausgabe:

John Lewis-Stempel: Ein Stück Land. Mein Leben unter Pflanzen und Tieren. Aus dem Englischen von Sofia Blind

DuMont, 288 Seiten

Preis: 23,00 Euro (Hardcover), 12,00 Euro (Taschenbuch)

ISBN:  978-3-8321-9863-3



 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s