Vom Wahnsinn der Diskriminierung

Nam-Joo Cho: Kim Jiyoung, geboren 1982; Cover: Kiepenheuer & Witsch

Nam-Joo Cho erzählt in ihrem Roman Kim Jiyoung, geboren 1982 von der gleichnamigen Protagonistin und Momenten aus ihrem Leben, in denen sie sich mit Diskriminierung und Benachteiligung aufgrund ihres Geschlechts auseinandersetzen muss. Der Roman berichtet in einem sachlichen Erzählstil von einer Realität, mit der sich viele Frauen tagtäglich konfrontiert sehen und deckt auf, wie tief Diskriminierung im Alltag verankert ist.

Von CELINA FARKEN

Nachdem sie ihren Job aufgibt, um sich um ihre Tochter und den Haushalt zu kümmern, nimmt Jiyoung verschiedene Persönlichkeiten von Frauen an, die sie kennt, ohne selbst davon etwas mitzubekommen. An welcher Krankheit sie genau leidet, kann der Psychiater letzten Endes nicht genau benennen. So vermutet er zu Anfang eine dissoziative Persönlichkeitsstörung, später eine postnatale Depression. Er bestätigt jedoch keine dieser Diagnosen, was der Geschichte aber keinesfalls einen Abbruch tut. Die Krankheit dient vielmehr als Folge der Diskriminierung innerhalb der Gesellschaft.

Der Roman berichtet rückwirkend über Jiyoungs Werdegang. Besonders hervorgehoben werden dabei Zeitpunkte in ihrem Leben, in denen sie als Frau diskriminiert und benachteiligt wurde, zum Beispiel in der Schule und später auch als Mutter.

Ein Erzähler, der selbst Teil des Problems ist

Jiyoungs Erlebnisse werden nicht von ihr selbst erzählt, sondern von einem männlichen Erzähler: ihrem Psychiater. Der Roman nimmt dadurch die Form eines psychologischen Berichts an, wodurch die Erzählung nüchtern wirkt.

Außerdem verhält sich die Erzählperspektive parallel zu dem Problem, das im Buch behandelt wird und zeigt jenes damit auf wirkungsvolle Weise auf: ein männlicher Erzähler berichtet. Die von der Gesellschaft als verrückt abgestempelte Frau erhält keine eigene Stimme, was jedoch keineswegs heißt, dass die Situation von Jiyoung beschönigt wird. Es wird sachlich beschrieben, was vorgefallen ist und enthält Informationen von Jiyoung selbst, die sie dem Psychiater erzählt hat.

Am Ende verdeutlicht der Erzähler, wie tief Diskriminierung gegenüber Frauen und Müttern in der Gesellschaft verankert ist, indem er den Roman mit folgenden Worten beendet: „Selbst die fähigste Mitarbeiterin kann der Praxis in vielerlei Hinsicht zur Last fallen, wenn sie das Problem der Kinderbetreuung nicht zufriedenstellend lösen kann. Ich werde also darauf achten müssen, eine unverheiratete Frau einzustellen.“ Mit dieser Aussage diskriminiert er Mütter wie Jiyoung, die bei ihm Hilfe suchen und gibt ihnen keine Chance mehr, bei ihm in der Praxis eine Arbeitsstelle zu finden. Auf diese Weise wird ironisch dargestellt, wie tief das Problem sitzt.

Fiktive Welt trifft auf Realität und Fakten

Die Geschichte, die erzählt wird, ist zwar eine ausgedachte, aber keinesfalls realitätsfern. Wie die Autorin im Nachwort so schön sagt: „Immer wieder geht mir durch den Kopf, dass irgendwo da draußen eine Kim Jiyoung lebt. Wahrscheinlich, weil sie meinen Freundinnen, Bekannten und mir selbst ähnelt.“ Zwar erzählt der Roman konkret von den Diskriminierungen und Übergriffigkeiten, denen Jiyoung ausgesetzt wurde, dennoch sind diese Erfahrungen so alltäglich, dass sie keiner Frau unbekannt vorkommen werden.

Jiyoung wird beispielsweise die Schuld zugeschoben, als Unruhe im Klassenraum herrscht wegen eines Jungen, der sie mag und sie deswegen ärgert. Auch als sie von einem Jungen verfolgt wird, gibt ihr Vater ihr die Schuld. Dass ihre Erfahrungen keineswegs fiktiv sind, wird mit Verweisen auf aktuelle Statistiken durch Fußnoten belegt. So gelingt es der Autorin, Fiktion und Realität zu verbinden.

Warum wir öfter Danke sagen sollten

Cho Nam Joo beleuchtet in ihrem Roman Themen, die für viele Menschen präsent sind, mit denen wir uns aber nicht immer gerne auseinandersetzen: Welche Opfer fordert eine Mutterschaft und was bedeutet es, eine Frau in einer patriarchalen Gesellschaft zu sein?

Viele Frauen erhalten für ihre Arbeit im Haushalt und in der Kindeserziehung keine Anerkennung: „[…] weißt du Jiyoung macht gerade eine schwere Zeit durch. Ihr Körper erholt sich zwar allmählich, aber ein Baby zu betreuen ist mental dafür umso anstrengender. Du solltest ihr öfter mal sagen, dass sie ihre Sache gut macht. Sag ihr, du seist dankbar für die Mühe, die sie sich gibt.“ Sagt Jiyoung, während sie mit ihrem Mann als Cha Sungyong spricht, eine ehemalige Freundin dessen. Das ist eine klare Aufforderung an die Leserschaft: wir sollten öfter hinhören. Wir sollten öfter Danke sagen. Arbeit anerkennen, die auch außerhalb des Büros stattfindet. Nicht Frauen als verrückt erklären, sondern die Gesellschaft.

Jiyoung selbst hätte dieses Buch gebraucht

Dass die Benachteiligung von Frauen – sowohl in Korea als auch sonst überall auf der Welt – nicht nur fest in der Gesellschaft verwurzelt ist, sondern auch als einfache Gegebenheit hingenommen wird, zeigt folgende Stelle: „Tatsächlich hatte Jiyoung als Mädchen gar nicht wahrgenommen, dass ihr Bruder eine Sonderbehandlung bekam, und war daher nie neidisch auf ihn gewesen. Einfach weil es immer so gewesen war.“ Diese Aussage führt vor Augen, dass das, was eben immer so gewesen ist, nicht eben immer auch so bleiben muss. Der Roman öffnet Türen für diejenigen, denen sie jahrelang verschlossen blieben und ebnet den Weg für eine (hoffentlich) bessere Zukunft.

Nam-Joo Cho: Kim Jiyoung, geboren 1982. Übersetzt von Ki-Hyang Lee

Kiepenheuer & Witsch, 208 Seiten

Preis: 18,00 Euro

ISBN: 978-3-462-05328-9

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