„I’m every woman“

Nam-Joo Cho: Kim Jiyoung, geboren 1982; Cover: Kiepenheuer & Witsch

In Südkorea hat Cho Nam-Joos Roman Kim Jiyoung geboren 1982 bereits im Jahr 2016 große gesellschaftspolitische Wellen geschlagen. Seit diesem Jahr können sich auch deutschsprachige Leser:innen an Cho Nam-Joos internationalen Bestseller erfreuen, der mittlerweile ein zentraler Text der feministischen Bewegung in Südkorea geworden ist und zahlreiche Frauen auf die Straße geholt hat.

von ALINA BRAUCKS

Herbst 2015: Jiyoung, ihr Mann und ihre gemeinsame kleine Tochter besuchen für einige Tage ihre Schwiegereltern, um bei den Vorbereitungen für das südkoreanische Erntedankfest Chuseok zu helfen. Stundenlang steht Jiyoung mit ihrer Schwiegermutter in der Küche, bis endlich die gesamte Familie am reich gedeckten Tisch zusammenkommt. Als die Schwiegermutter am Tisch nach Jiyoungs Wohlbefinden fragt, antwortet diese: „Ach, meine Liebe, in der Tat ist meine Tochter nach jedem Festtag so erschöpft, dass sie ein paar Tage Bettruhe braucht“. Ihren Mann nennt sie „Liebster Schwie-ger-sohn!“ Die Anwesenden blicken sich entsetzt um und stellen sich die Frage, die Jiyoungs Mann sich schon seit einer ganzen Weile stellt: Hat diese Frau ihren Verstand verloren? Von hier an erleben wir Kim Jiyoungs Lebensgeschichte, begonnen im Jahr 1982, die mit einer erschreckenden, aber keinesfalls überraschenden psychologischen Diagnose endet.

Von Alltagssexismus und Misogynie

Cho Nam-Joo erzählt von Neckereien auf dem Schulhof, unpassenden Bemerkungen und Berührungen des Lehrpersonals gegenüber Schülerinnen, Nachstellungen und Bedrängungen in öffentlichen Verkehrsmitteln, sexistischen Kommentaren der Kommilitonen bis hin zum Mangel an Frauen in Führungspositionen, fehlenden Berufschancen für Frauen im gebärfähigen Alter und utopischen Ansprüchen gegenüber werdenden Müttern – die europäische Leserin sieht sich in diesem Roman mit nicht allzu unbekannten Situationen konfrontiert und wird wissend nicken. Wie auch in Deutschland ist die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts in Südkorea zwar auf dem Papier verboten, faktisch aber noch lange nicht verschwunden. Auch wenn dieser Roman keine bahnbrechend neuen Erkenntnisse über die Probleme von Sexismus und Misogynie hervorbringt, beschreibt er doch präzise ihre Alltäglichkeit. Cho Nam-Joo zeigt in ihrem Roman, wie es oftmals nicht einzelne und schwere physische oder psychische (Straf-)Taten sind, sondern die vermeintlich kleinen, sich kontinuierlich durchs Leben einer Frau ziehenden Übergriffigkeiten, die ihr schon früh die Unbeschwertheit und das Gefühl von Sicherheit nehmen.

Kim Jiyoung – eine von vielen

Geboren wird Kim Jiyoung als zweite Tochter einer Hausfrau und eines Beamten. Sie geht zur Schule, studiert, heiratet nach kurzer Zeit im Beruf, wird schwanger, kündigt ihren Job und wird Hausfrau – ein durchaus gewöhnlicher Lebenslauf für eine Frau in einer patriarchalen Gesellschaft. Und ziemlich gewöhnlich ist auch ihr Name: Mit „Kim“, dem häufigsten koreanischen Familiennamen, und „Jiyoung“, dem beliebtesten Vornamen für koreanische Mädchen in den 80er Jahren, wäre ihr deutsches Äquivalent eine Julia Müller. Die Frau auf dem Cover der deutschen Ausgabe fordert mit ihrem fehlenden Gesicht gerade dazu auf: „Bitte hier ein beliebiges Gesicht einfügen!“ Denn Kim Jiyoungs Geschichte ist nicht nur die ihrige, es ist eine universelle Geschichte über den Alltagssexismus, der für viele Frauen an jeder Ecke lauert. Auch deswegen ist die Protagonistin sehr unspektakulär gestaltet: die Dinge scheinen ihr einfach zu passieren. Sie weiß, dass ihr Unrecht geschieht, doch sie wehrt sich nicht. Sie ist theoretisch durchaus in der Lage, ihre Position zu vertreten, doch sie erhebt ihre Stimme nicht. Allerdings ist sie keineswegs eine sprachlose Figur – vielmehr wird sie sprachlos gemacht. Jiyoung lebt in einer Welt, in der ihr immer wieder – und das von Kind an – eingetrichtert wird, dass es für eine Frau unklug sei, sich zu wehren oder die Stimme zu erheben. Freundlichkeit und Höflichkeit seien eben weibliche Tugenden. Und genau das sieht sie immer wieder bestätigt anhand ihrer Freundinnen und Arbeitskolleginnen, die sich zu wehren versuchen und trotzdem in ihrer Situation verharren. Natürlich scheint eine Protagonistin, die für ihre Prinzipien einsteht, ihre Stimme erhebt und mit ihrer Umwelt interagiert, für eine Leserschaft interessanter zu sein, aber das ist nicht die Geschichte der Frau, die dieser Roman erzählen will. Er erzählt die Geschichte derer, die ihre Stimme noch nicht erhoben haben oder dies nicht können – eine Geschichte, die vielen gehört, nicht nur der Protagonistin. So bleibt die Romanfigur Jiyoung zwar stumm gegenüber ihren Mitmenschen, aber gibt mit ihrer Geschichte vielen Frauen eine Stimme. Jede Frau könnte Kim Jiyoung, geboren 1982, sein.

Distanz und Emotionslosigkeit als Stilmittel?

Die Literaturwissenschaftlerin Nadeschda Bachem beschreibt den Roman im Deutschlandfunk als distanzierten und emotionslosen Bericht, doch genau diese Sprache macht sich der Roman zum Stilmittel. In Anbetracht der ärztlichen Diagnose gegen Ende des Romans gleicht dieses Buch einer Krankenakte. Sprachlich nahezu uninteressant liegt in diesem Roman das Augenmerk ganz klar auf den Geschehnissen – besonders auf der Alltäglichkeit dieser Geschehnisse. Jiyoungs Werdegang, ihr Name, all das ist ebenso gewöhnlich wie die sprachliche Gestaltung des Romans. Nichts ist außergewöhnlich, sodass es fast außergewöhnlich ist, wie gewöhnlich dieser Text ist. Genau darin liegt seine Stärke. Es ist nicht nur so, dass der Text eine fast wissenschaftliche Sachlichkeit mit sich bringt. Der Text verweist sogar mit Fußnoten auf Statistiken, beispielsweise zum südkoreanischen Arbeitsmarkt oder zur Gender Wage Gap. Mit diesen Fußnoten verbindet die Autorin die Fiktionalität des Romans mit Zahlen und Fakten der realen Welt. So bekommen wir die Situation der fiktiven Jiyoung als Lebensrealität etlicher Frauen zu spüren.

Kim Jiyoung, geboren 1982 wird einem nicht die Augen öffnen, zumindest dann nicht, wenn man sich schon mal mit feministischer Literatur auseinandergesetzt hat. Dennoch könnte dessen internationale Perspektive stark dazu beitragen, das Thema Sexismus mit der Gleichberechtigung im Gesetz nicht als bereits gelöstes Problem zu betrachten. Der Roman zeigt deutlich, dass Gleichberechtigung zwar ein schöner Gedanke ist, in einer Jahrhunderte alten patriarchalen Gesellschaft de facto aber (noch) nicht umgesetzt wurde und das nicht nur in Asien, nicht nur in Europa, sondern weltweit.

Cho Nam-Joo: Kim Jiyoung, geboren 1982. Übersetzt von Ki-Hyang Lee

KiWi, 2021, 208 Seiten

Preis: 18,00 Euro

ISBN: 978-3-462-05328-9

Ein Gedanke zu „„I’m every woman“

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