In der lesBar mit dem Publikum der letzten Wochen und Schloss Vaux

Ein pandemiegeprägtes Auditorium, eine nie dagewesene Gnade, eine wasserreiche Metapher, ein finnischer Landschaftskomponist, ein sägender Violinist, ein aufstehender Gast, eine schreiende Frau, eine Schar überzeugender Studierender, ein rotierender Regisseur, eine Einsicht mit Besserung, eine objektophile Mörderin, eine metallene Schwangerschaft, ein unvergesslicher Kinoabend, ein destruktiver Kolumnist und ein alles rettender Schaumwein. Willkommen beim Gossip-Abend in der lesBar!

von NICK PULINA

Servus in die Runde!

Wir leben – überraschenderweise – in gnädigen Zeiten. Die rosarot bebrillte Welt der Postpandemie ist, zumindest in Belangen kultureller Rezeption, von den eineinhalb Jahren der Abstinenz gezeichnet. Jedes großartige Konzert, jede beeindruckende Ausstellung und jeder animierende Opernabend fühlt sich nun gleich doppelt so großartig, beeindruckend oder animierend an. So weit, so gut; Die Keuschheit bringt den Lustgewinn.

Doch machen wir uns nichts vor: Die tollen Kunsterlebnisse hielten sich doch immer die Waage mit den ausbaufähigen – bisher. Eine Beobachtung erweckte zuletzt meine Aufmerksamkeit: Das Publikum scheint zu lieben, was es zu fassen bekommt. Wer will es ihm verübeln? Es bleibt lediglich zu hoffen, dass die Urheber:innen die aktuell hochschlagenden Wellen nicht als Wegweiser für ihre zukünftigen Tätigkeiten deuten. Irgendwann wird die Flut abflachen und das Schiff läuft auf Grund.

Genug der maritimen Metaphern, lassen Sie mich konkreter werden und mit Ihnen drei meiner jüngsten kulturellen Erlebnisse Revue passieren. Auf die Gefahr hin, überheblich zu wirken, möchte ich nur im Vorhinein klarstellen: Das Risiko nehme ich in Kauf. Doch, wie zwei von mir hoch geschätzte Podcasterinnen jeder Folge voranzustellen pflegen, möchte auch ich Ihnen sagen: „Nicht despektierlich gemeint“.

Abend 1 – Das Sinfoniekonzert

Kennen Sie diese Tage, an denen Sie sich nichts, aber auch wirklich absolut nichts vorgenommen haben? Keine Termine, keine To-Do-Listen-Abarbeitungsorgie, nicht einmal Einkaufen? Ich kenne sie sehr gut, halte sie aber nie durch. Spätestens um 14 Uhr liege ich (natürlich noch immer) im Bett und suche verzweifelt nach einer gepflegten Abendunterhaltung. Für diese Zwecke führe ich seit Jahren eine gut kuratierte Liste mit allen – nun ja, allen erträglichen – kulturellen Institutionen in einem Umkreis von ca. eineinhalb Stunden Fahrzeit. 

Unlängst war wieder so ein Tag und mit Jauchzen und Frohlocken teilte mir die Website eines namenhaften Konzerthauses mit, dass an diesem Abend das Stadtorchester unterstützt von einem Violin-Solisten eines meiner liebsten Konzertstücke aufführen würde. Sibelius’ Violinkonzert in d-Moll op. 47. Juchhe! Karte gekauft, erst in Schale, dann den Zug und schlussendlich den Konzertsessel geworfen saß ich dort, das Licht ging aus.

Orchester auf, Applaus, einsamer Cellist ab, verwirrte Blicke, einsamer Cellist sichtlich gehetzt wieder auf, Applaus, Cellist lacht, Publikum verwirrt, warum geht der Dirigent nicht ans Pult, echter Dirigent kommt, großes Aha im Publikum, Solist kommt, kann losgehen. Guter und zugegeben witziger Einstieg.

Denken Sie sich die Moorhühner dazu.

Und schon sah ich finnische Moorlandschaften vor meinem inneren Auge. Hie und da ein Moorhuhn – ja, ich habe dabei die Tiere aus dem martialischen Windows-98-Game vor Augen; Sie auch? –, ein paar saftige Moltebeeren an knorrigen Sträuchern. Und dann: unerwarteter Saunaaufguss, Buschfeuer, Götterdämmerung. Was zum Polarlicht war denn jetzt los? Eine Frage, eine Antwort, ein Wort: Solo-Violine.

Wie sehr muss ein Mensch das Stück darmbespannten Holzes zwischen Schulter und Zeigefinger hassen, dass er es sich so sehr zu zersägen wünscht? Was hatte ihm die Violine getan? Rächte er sich für die aufgezwungenen Fiedelstunden seiner frühen Kindheit? Hatte er ein Problem mit Sibelius? Wollte er aufdringliche Mumins verjagen? 

Das Orchester brillierte, so gut es eben ging, neben Mr. Ritscheratsche, versuchte, ihn immer erneut aufzufangen und sanft abzufedern, konnte schlussendlich aber auch nichts mehr wirklich retten. 

Schlusskadenz und Ende. Und dann? Applaus. Gut, das Orchester hat’s verdient. Doch schon während des Applauses – es war wohlgemerkt das erste von zwei Stücken – empört aufzustehen, ist doch sichtlich überzogen und unhöflich. Dann dämmerte mir, was ich dort wirklich sah: Keinen aufgebrachten Mob mit Dreschflegeln und Fackeln, sondern aufkeimende Ovationen im Stehen. Einmal in Gang gesetzt, hörte diese Maschinerie auch nicht mehr auf und so kam es, dass nach kurzer Zeit das halbe Publikum stehend dem Solisten goutierte. 

Ich traute meinen Sinnen nicht mehr und fragte mich sogar kurz, ob nicht eine Infektion mit der Eta-, Omega- oder Wasauchimmer-Variante des Coronavirus’ neben Geschmacks- und Geruchssinn auch den Verlust von Seh- und Hörfähigkeit erklären könnte. Höchst irritiert machte ich noch in der Pause einen repräsentativen Hör- und Sehtest. Was soll ich sagen? Ich war gesund…aber die Anderen?

Abend 2 – Das Schauspiel

„Premierenfieber ist ein Gefühl, bei dem dir heiß ist und doch so kühl“. Diese Zeile aus der Eröffnungsnummer des Musicals Kiss me, Kate beschreibt mein Gefühl an jenem Abend sehr gut. Ich fand mich als Zuschauer in jenem Haus wieder, in dem ich erstmals echte Theaterluft schnuppern durfte.

Gegeben wurde das Theaterstück eines hochdekorierten deutschen Filmregisseurs, der es selbst durch dessen Verfilmung zu einem international gefeierten Stoff machte. Der Film mitsamt seiner unvergleichbar talentierten Besetzung erschwert jeglichen Versuch einer theatralen Re-Adpation. Hier wagte sich nun ein externer Regisseur daran und sagen wir so: Gehen Sie lieber ins Kino.

Die Produktion war keine völlige Katastrophe, sie hatte ihre Stärken. Dass diese aber so gut wie ausschließlich in den besetzten Schauspielstudierenden und Debütant:innen des Hauses lagen, die allesamt die eigentliche Hauptdarstellerin an die Wand gespielt haben, ist – leider nicht im Sinne der Handlung – schlichtweg tragisch.

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Tränen der…ja was eigentlich?

Kommen Sie mir nun nicht mit der Meta-Ebene einer gescheiterten Figur, die sich in der vermeintlichen Umsetzung der Darstellerin spiegelt. Ich hatte es ja auch gehofft, so sehr, aber auch diese Hoffnung wurde, ebenso wie die nach einem nachhallenden Ende, enttäuscht. 

Warum ich mich auf das Ende gefreut habe? Nein, nicht weil es dann vorbei sein würde, Sie Pessimist:in! So schlimm bin ich auch wieder nicht. Das Ende des Films war ein großes, einzigartiges und unvergessliches Ende, das sich den Betrachter:innen auf ewig auf die Netzhaut einbrennt und sie nie wieder loslässt. Nun hatte ich diese Schlussszene aber leider doch vergessen und freute ich mich auf die Erinnerung und das Wiederauflebenlassen des Gesehenen. 

Sie würden diese Vorfreude mit mir teilen. Die Schauspieler:innen sicherlich auch. Denn da augenscheinlich alle vergessen zu haben scheinen, was in den letzten Minuten jenes Machwerks deutscher Filmgeschichte passiert, bekommen wir es hier auch nicht zu sehen. Stattdessen: Eine an Einfallslosigkeit kaum zu überbietende Filmschnipsel-Collage á la GZSZ mit „Und wenn sie nicht gestorben sind“-Ästhetik.

Ich hätte bittere Tränen vergießen können. Auch um mich herum nahm ich Laute wahr, sie schwappten von hinten nach vorn über die Tribüne, von links nach rechts, von oben nach unten. Und hatten verdächtige Ähnlichkeit mit Gelächter, Freude und Beifallsbekundung. Doch vielleicht stammten diese Laute auch vom Bogenhausener Friedhof, auf dem sich ein einsamer, unverstandener Regisseur unter lauten Flüchen wie wild in seinem Grab umdrehte.

Abend 3 – Der Kinofilm

Geben Sie es doch zu, Sie empfinden diesen Text als destruktiv! Was bilde ich mir eigentlich ein? Alle feiern etwas und nur so ein eigenbrötlerischer Kolumnist glaubt, als einziger die Welt verstanden zu haben? Für Sie habe ich nun doch spontan mein Konzept geändert und gebe Ihnen noch eine positive Erfahrung an die Hand. Ein künstlerischer Genuss, der mich nachhaltig beeinflusst hat und es auch mit Ihnen tun wird – in welche Richtung auch immer. Die Fairness gebietet es jedoch, weiterhin zu anonymisieren. Sie finden das Machwerk schon. Triggerwarnung: Es wird uneindeutig.

Mit welcher Rezeptionshaltung gehen Sie ins Kino? Mit der amerikanischen (Was ich sehe, ist realitätsnah oder zumindest in sich logisch, sodass ich mich ohne viel Reflexion emotional packen lassen kann) oder der französischen (Was ich sehe, ist metaphorisch-symbolisch aufgeladen, folgt nicht unbedingt einer schlüssigen Logik und bedarf individueller Dechiffrierung)? Antworten Sie nicht mir, antworten Sie sich selbst.

Ohne den Trailer eines Films anzusehen ins Kino zu gehen, ist eines der letzten großen Abenteuer meiner Generation. Und so verspürte ich einmal wieder den Drang, etwas absolut Verrücktes zu tun und begab mich in eine der ersten Vorstellungen des Films, der kürzlich bei einem Festival mit einem edelmetallenen Zweig als aktuell bester seiner Art bedacht wurde. Dies war meine einzige Information. Was ich bekam, war – heiliges Lottchen! – ein Erlebnis, das mir auch 24 Stunden später noch in den Knochen vibriert.

Eine Frau (?), die aufgrund eines Stücks Metall in ihrem Kopf zur Serienmörderin wird (??), sich von einem Auto schwängern lässt (???), daraufhin ihre Eltern krematoriert (????) und erst als verlorener Sohn eines testo-abhängigen Feuerwehrmanns (?????) zur Ruhe kommt, gebiert… ja, was eigentlich? Fragen über Fragen, Verwirrung über Verwirrung und – für die zarten Seelchen – Verstörung über Verstörung. Für mich: der höchste Filmgenuss seit Beginn der Pandemie, im wahrsten Sinne des Wortes großes Kino!

©Carole Bethuel

Der Film und die Entscheidung der Zweig-verleihenden Jury spalten die (Film)Welt. Die einen lieben den genreübergreifenden Versuch einer Verlustgeschichte mit Splatter, Verhandlungen über das Fremdsein und fluiden Genderrollen, die anderen sind abgeschreckt von der Brutalität, dem direkt fühlbaren Schmerz des praktizierten Body-Horrors und der unschlüssigen Arthouse-Plotline, die alles offen lässt und doch beantwortet.

Ich sehe mich als glühendes Mitglied der ersten Gruppe, verstehe jedoch auch jede:n, die hier außer einem verstimmten Magen und einem großen „WTF“ im Kopf nichts mit herausnimmt. Was jedoch unabhängig von Geschmacksfragen wertgeschätzt werden sollte: Besetzung und Produktionsteam haben einen großartigen Job gemacht. Die Transformation der Hauptfigur ist darstellerisch wie make-up-technisch auf höchstem Niveau, die Inszenierung von Körpern, Nacktheit und Identitätssuche sensibel, unaufgeregt und natürlich. 

Wer sich an nackten Körpern stört, sollte diesen Film ebenso meiden wie Zuschauer:innen, denen physische Brutalität die Hände vor die Augen schnellen lässt. Die Nacktheit wird hier so selbstverständlich und menschlich eingesetzt, dass man fast glauben möchte, dass sie gar nicht so etwas Abscheuliches ist, wie Hollywood uns glauben macht – gar etwas ganz Natürliches. Nicht vorstellbar, was in den USA mit diesem Material gemacht worden wäre. 

Fassen Sie sich ein Herz, die Hand der*des Liebsten und eine gehörige Menge Mut und lassen Sie sich einfach drauf ein. Die wohlerzogene Stimme in Ihrem Kopf hat für 110 Minuten einmal geflissentlich die Klappe zu halten, dann werden Sie Spaß haben!

Die Rettung bei allem: Der Schaumwein von Schloss Vaux

Glauben Sie mir: Ohne eine gute Dosis des prickelnden Nass’ hätte ich keinen dieser drei Abende ohne geistige Schäden überstanden. Ein treuer Begleiter in guten wie in schlechten Zeiten ist die elegante Blanc-de-Noir-Cuvée von Schloss Vaux im Rheingau. 

Hergestellt in traditioneller Flaschengärung – also gerüttelt, nicht gesprudelt – wartet dieser feinsinnige Vertreter der deutschen Sektkultur mit 18 Monaten Hefelager auf, was ihm besonders nach hinten raus eine zart schmelzende Länge und aromatische Noten verleiht, die klassisch an Brioche erinnern. Die dennoch vertretene Säure in Verbindung mit Nuancen frischer Äpfel und Birnen machen diesen Sekt zu einem extrem trinkigen Vertreter für jede Gelegenheit. 

Mit gerade einmal 6,1 Gramm Zucker pro Liter und 12 Volumenprozent Alkohol bleibt er äußerst schlank und hochgradig elegant, ohne jedoch an Tiefgründigkeit und Komplexität vermissen zu lassen. So gibt dieser Blanc de Noir – ein weißer Wein, gekeltert aus roten Beeren – die perfekte Begleitung für einen Kunstgenuss jeder Art ab. Als Apéro vor der Vorstellung, als Durchhalte-Drink in der Pause, als Vergessenstränklein beim After-Show-Dinner oder auch zur Feier eines großen Erlebnisses, einer künstlerischen Erleuchtung oder eines berührenden Abends. 

Cheers und bis zum nächsten Mal

Nick Pulina

PS: Die Kulturstätten sind wieder offen und meistens nicht ganz ausverkauft. Ran da!

PPS: Trinken Sie außerhalb einer 1920s-Party niemals Schaumwein aus einer Champagnerschale!

PPPS: Nächsten Monat wird es konstruktiver, versprochen. Für Risiken und Nebenwirkungen schreiben Sie mir bei Instagram @culinanick.

2 Gedanken zu „In der lesBar mit dem Publikum der letzten Wochen und Schloss Vaux

  1. Pingback: Was bislang geschah und wie es weitergeht… | literaturundfeuilleton

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