„Sie sind aber contra“

Mit Contra präsentiert Sönke Wortmann eine deutschsprachige Filmkomödie über das Verhältnis von Studentin und Professor. Dem großen Themenkomplex des Rassismus an Universitäten wird dabei mit einer angemessenen Ernsthaftigkeit begegnet. Obwohl Contra ein tiefgründiges, lehrreiches und zugleich unterhaltsames Filmerlebnis verspricht, wirkt die Bearbeitung des Rassismusthemas gelegentlich gestelzt. Doch das ist Kritik auf sehr hohem Niveau.

von ALINA WOLSKI

Eine junge Frau (Nilam Farooq) betritt hektisch einen überfüllten Frankfurter Vorlesungssaal. Der Juraprofessor (Christoph Maria Herbst) hält bereits seine Vorlesung in der anderen Ecke des riesigen Raumes. Die Frau drückt sich an die Wand, um nicht aufzufallen, während sie Ausschau nach einem freien Platz hält. Doch dann bemerkt der Professor sie. Er fragt sie nicht nur vor allen Studierenden nach ihrem Namen, sondern macht, nachdem ihm die arabischsprachige Herkunft des Namens bewusst wird, rassistische Anspielungen und demütigt sie verbal. Dieser Zwischenfall bleibt nicht ohne Konsequenzen. Andere Studierende haben die Situation gefilmt und an die Universitätsverwaltung weitergeleitet. Nun steht die berufliche Karriere des Professors, Richard Pohl, auf dem Spiel. Um Sympathiepunkte vor dem Disziplinarausschuss zu sammeln, soll er ebenjene Studentin, Naima Hamid, auf den bevorstehenden nationalen Rhetorikwettbewerb vorbereiten. Eine Idee, die ihm überhaupt nicht zusagt. Auch Naima ist zunächst nicht begeistert, doch schließlich zeigt sie sich einverstanden. Denn zum einen erkennt sie, was für ein rhetorisches Talent ihr Professor ist und zum anderen begreift sie den Wettbewerb als eine große persönliche Chance. Nicht nur für sich selbst, da sie wahrscheinlich wegen ihres nicht-deutschen Namens keinen Praktikumsplatz finden kann, sondern auch für ihre Familie. Trotz Studiums in Marokko kann die Mutter keine angemessene Anstellung finden. Der Bruder ist aggressiv, gerät in Schlägereien und zeichnet sich durch Unzuverlässigkeit aus. So übernimmt Naima regelmäßig seinen nächtlichen Zeitungsbotenjob, damit die Familie finanziell überleben und in Deutschland bleiben kann. Durch ein gutes Abschneiden beim Rhetorikwettbewerb würde sich ihr Schicksal wenden, so vermutet Naima.

Kein böser, alter, weißer Professor

Der Film mit einer Spielzeit von 104 Minuten basiert auf dem französischen Spielfilm Le brio von Yvan Attal. Schon dieser war erfolgreich – 2018 wurde er mit einem César in der Kategorie „Bester Film“ nominiert. Daran schließt Contra nun mit der Verleihung des Bayerischen Filmpreises für Nilam Farooq und dem Publikumspreis der Filmkunstmesse Leipzig an. Und das vollkommen zurecht. Sowohl die Professoren- als auch die Studentinnenrolle überzeugen. Herbst spielt einen zynischen Professor mit all seinen Regungen und zugleich in einer Regungslosigkeit, wie es sie an den juristischen Fakultäten einige gibt. Als Publikum fühlt man sich in einen typischen Hörsaal zurückversetzt. Und in der Rolle der Naima leidet man selbst mit, bloßgestellt vor der gesichtslosen Masse der halb interessierten, halb gelangweilten Studierenden. Sie ist stark und unsicher, überzeugend und zerbrechlich zugleich. Nicht nur die schauspielerischen Leistungen führen zum Erfolg dieses Filmes, sondern auch die Themenwahl. Rassismus an deutschen Universitäten existiert und bedarf einer Beleuchtung. Contra zeigt nicht mit dem Finger auf den „bösen, alten, weißen Professor“, sondern stellt beide Perspektiven nebeneinander und macht den Wandel durch das Aufeinandertreffen sichtbar. Genauso bemüht er sich um die Darstellung beider Perspektiven, wenn es um das Sujet der Rhetorik geht. Naima tritt in allen Runden des Wettbewerbs gegen andere Studierende an, die zum selben Thema debattieren müssen, jedoch die andere Ansicht vertreten. Dadurch wird die Macht der Worte hervorgehoben. Richtig präsentiert kann fast jede Meinung überzeugen – auch ein gefährliches Unterfangen, wenn man einen Blick zurück in die Geschichte wirft.

Dieses so ernste Sujet weiß Contra humorvoll zu verpacken, ohne das Thema zu verunglimpfen. Der Humor ist geprägt durch einen herzlichen, sozialkritischen Umgang. Dies liegt vor allem daran, dass weniger die soziale Herkunft bestimmter Personen als vielmehr die Rhetorikversuche Naimas liebevoll zum Lachen anregen. Mal zwingt Professor Pohl sie dazu, Goethes Faust in Frankfurts Innenstadt laut zu rezitieren, dann bringt er sie dazu, eine Glocke an ihrer Hose zu befestigen, damit ihr bewusst wird, dass sie nicht stillsteht, danach tanzen sie gemeinsam gegen die Aufregung an. Und schlussendlich ist es der Professor selbst, der sich im marokkanischen Restaurant tollpatschig anstellt. Diese lustigen Partien stehen in einem angemessenen Ausgleich zu den ernsthaften. Selbstverständlich fehlt auch die obligatorische Liebes- und Familiengeschichte nicht. Schließlich zeigt Naimas Rolle, dass die vermeintlich parallel verlaufenden Welten zwischen „sozialer Unterschicht“ und der abgehobenen akademischen Welt nicht zwangsweise getrennt sein müssen. Ihr gelingt es, beiden treu zu bleiben und so ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Ein Plädoyer für die Rhetorik

So wunderbar ausgeglichen, sozialkritisch und facettenreich Contra auch ist, so scheint es in manchen Szenen, als wolle der Film ähnlich wie Naima in ihren ersten Debattierversuchen zwanghaft zu viel, um die Botschaft zu transportieren. Insbesondere das letzte Plädoyer, das außerhalb des Wettbewerbs stattfindet, wirkt gekünstelt und zu sehr erzwungen. Hier hätten zwei wirkungsvolle Sätze gereicht. Konnte man sich sonst fast durchweg in Naima hineinversetzen, wird das Publikum in diesem letzten Handlungshöhepunkt aus Naimas Körper hinaus in den Kinosessel katapultiert, und macht sich bewusst, dass doch alles nur ein Film ist. Ein Fauxpas, der hier leider an einigen Stellen unterläuft.

Nichtsdestoweniger ist Contra eine sehenswerte sozialkritische Filmkomödie, die sich genau am Puls der Zeit bewegt. Und wie schön ist es überhaupt, dass ein Film auf die Rhetorik hinweist – eine Materie, die aus den Schullehrplänen und den universitären Curricula (auch im Jura-Studium, wo sie dort doch gerade wichtig ist!) fast vollständig weichen musste? Möglicherweise hat Contra die Kraft, auf die Bedeutung des Umgangs mit Worten hinzuweisen und zumindest bei Einzelnen das Interesse an einer vertieften Beschäftigung mit dieser machtvollen Kunst zu wecken.

Contra (2021)
In den deutschen Kinos seit dem 28. Oktober 2021
Regie: Sönke Wortmann
Darsteller: Nilam Farooq, Christoph Maria Herbst
Drehbuch: Doron Wisotzky
Laufzeit: 104 Minuten

Ein Gedanke zu „„Sie sind aber contra“

  1. Pingback: Was bislang geschah und wie es weitergeht… | literaturundfeuilleton

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s