Türchen 6: „Ein Mensch lebt, solange sich andere an ihn erinnern.“

Weihnachten – das Fest der Familie. Nicht immer ist diese Zeit von Glück und Freude geprägt, besonders dann nicht, wenn ein uns lieber Mensch verstorben ist. Der Tod ist ein Thema, über das man im Alltag gern schweigt, welches aber nun mal zum Leben dazugehört. In Mein Vater, die Dinge und der Tod begleiten wir Rainer Moritz auf einen anekdotischen Streifzug durch dessen Erinnerung, um so das gemeinsame Leben mit dem Vater Revue passieren zu lassen.

von THOMAS STÖCK

Ich kann mich noch an den Tag erinnern, als meine Oma – mein letzter Großelternteil – starb. In den frühen Morgenstunden weckte mich meine Mutter und teilte mir mit, dass ihre Schwiegermama ihrem Krebsleiden erlegen war. Im Halbschlaf hörte ich ihr zu, bestätigte den Erhalt der Nachricht und schlief erneut ein. Stunden später eilte ich nach dem Aufstehen aus meinem Zimmer in die Küche und fragte meine Eltern, wie es Oma gehe. Ich konnte mich nicht erinnern, dass meine Mutter mir bereits mitgeteilt hatte, dass sie tot war. An diesem ersten Weihnachtstag herrschte in unserem Zuhause kein glückseliges Beisammensein – wir alle trauerten in uns gekehrt über den (sich bereits längere Zeit abzeichnenden) Verlust der geliebten Oma, Schwiegermutter, Mutter. An diesen Tag erinnerte ich mich, wie ich das erste Mal die Seiten von Mein Vater, die Dinge und der Tod aufschlug.

„Die Wohnung und ihre Dinge sprechen zu mir von meinem Vater.“

Rainer Moritz ist Literaturkritiker und hat durch seine Profession vor allem die Fähigkeit erlangt, in knappen Worten ganze Romane so auszuschmücken, dass seine Leser und Zuhörer die so präsentierten Kosmen selbst aufsuchen wollen. Diese Fähigkeit münzt Moritz im vorliegenden Band in viele kleine Erzählungen um, die sich mit dem Inventar der väterlichen Wohnung beschäftigen und anhand der aufgefundenen Objekte Anekdoten über das gemeinsame Leben mit dem Vater erzählen. So berichtet Moritz vom Sessel, auf dem der Vater stets saß, auf dem er während seines Lebensabends sogar sein Nachmittagsschläfchen verbrachte und dem noch nach seinem Ableben die Spuren der gemeinsamen Stunden für alle sichtbar eingeschrieben sind. Durch diese Szenen porträtiert Moritz den Vater als bodenständigen, nicht immer ganz einfachen, in jedem Fall aber geliebten Vater, dessen Andenken er in Ehren hält. Doch auch mit vielen Ungewissheiten sieht Moritz sich konfrontiert, hat er mit seinem Vater doch nie wirklich über emotionale Themen wie den eigenen Tod sprechen können. Ob der Vater wohl Angst davor hatte zu sterben? Moritz’ einfühlsamer Tonfall zeugt von einem Sohn, der seinem Vater seine aufrichtige Liebe zeigt. Und der mit diesen persönlichen Worten Abschied nimmt, bei denen ihn die Erinnerung an den Vater nicht loslässt. In Gedanken ist er oft beim Vater – und bei allem, was er zurückgelassen hat.

Rainer Moritz: Mein Vater, die Dinge und der Tod; Cover: Verlag Antje Kunstmann

Rainer Moritz: Mein Vater, die Dinge und der Tod
Verlag Antje Kunstmann, 200 Seiten
Preis: 20,00 Euro
ISBN: 978-3-95614-257-4

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