Türchen 12: „Du bist des Mannes Mörder, den du suchen willst.“

Die Geschichte um Ödipus dürfte den meisten mehr oder weniger bekannt sein. Johan Simons inszeniert sie unter dem Titel Ödipus, Herrscher nun erneut im Schauspielhaus Bochum. Das Stück beginnt – wie der Titel bereits verrät – zu dem Zeitpunkt, an dem Ödipus bereits der Herrscher von Theben ist. Schon zwanzig Jahre ist es her, dass er seinen Vater Laios erschlagen, seine Mutter Iokaste geheiratet und mit ihr vier Kinder in die Welt gesetzt hat. Als nun eine Seuche in Theben ausbricht, muss der Mörder des Laios gefunden werden, um das Leid zu beenden – so sagt es das Orakel, und am Königshaus stellt man sich die Frage: Whodunit?

von REEMDA HAHN

Am Anfang ist es laut – laut und sehr rot. Das Stück setzt ein mit einem minutenlangen, sich stetig steigernden und dabei nicht unmelodischen Dröhnen. Schließlich spürt man die Vibrationen bis in die Magengegend – selbst, wenn man in der wirklich allerletzten Reihe des Saals sitzt. Dazu auf der roten Leinwand schwarze, dichter werdende Vogelschwärme und wandernde Schatten. Dieser Einstieg weckt große Erwartungen, die das Stück zumindest fürs Auge auch im weiteren Verlauf erfüllt. Opulent gestaltete Kostüme, hektische Videoclips, die auf einer fahrbaren Leinwand gezeigt werden, und eine Bühne, die in Teilen plötzlich im Boden versinkt, machen das Stück zu einem bildgewaltigen Erlebnis.

So modern also die Optik, aber auch Sophokles´ „alter“ König Ödipus findet sich wieder – im gesprochenen Wort. Iokaste macht den Anfang, und es sollen weitere Monologe von ihr folgen, neben Ödipus selbst hat sie den größten Redeanteil. Und sie hat auch einiges zu sagen: Während ihr Sohn und Gatte versucht, den Mörder des vorherigen Königs zu ermitteln, indem er wie im Detektivroman Zeugen zu sich ruft und Aussagen machen lässt, blickt sie meist von außen auf die Dinge. Obwohl sie Teil der Geschichte und durchaus auch involviert ist, teilt sie oft den Blick des Publikums auf die Bühne: Sie beschreibt und kommentiert die Geschehnisse und scheint – auch wenn sie es nicht zugibt – die schreckliche Wahrheit schon viel eher zu kennen als Ödipus selbst. Dieser fällt schließlich, geblendet von zwei goldenen Nadeln aus Iokastes Kleid, von der Bühne und dem pandemiebedingt distanzgewöhnten und dementsprechend schockierten Publikum in der ersten Reihe direkt vor die Füße. Seine Verbannung ist nicht mehr abwendbar, hat er diese Maßnahme doch selbst bestimmt. Im Gegensatz zu ihm endet das Stück für Iokaste allerdings nicht ganz so vorlagengetreu, zumindest bekommt das Publikum davon nichts mehr zu sehen: „Du sollst dich aufhängen“, lauten Ödipus´ letzte Worte an sie. Ihre Antwort ist so kurz wie uneindeutig: „Ich?“. Dann fällt der Vorhang.

Foto: Michael Saup

Informationen zur Inszenierung: https://www.schauspielhausbochum.de/de/stuecke/6356/odipus-herrscher

Nächste Vorstellungen:

Do, 06.01.2022

So, 16.01.2022

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