Türchen 16: Warme Milch mit Honig 

Ihre Gedichte sind wie Balsam für die Seele. Die indisch-kanadische Schriftstellerin Rupi Kaur kreiert mit ihrem Gedichtband Milk and Honey ein Gefühl von Geborgenheit, Verständnis, Freude und Trauer und zeigt ihren Leser*innen, dass die Welt nicht immer nur aus Sonnenschein besteht, sondern dass es auch Tage geben kann, an denen es regnet. Kein Thema bleibt unangesprochen: Liebe, Herzschmerz, Feminismus und Zweifel finden alle einen Platz in ihren Gedichten.

von FLORENTINE MARTIN  

Aufgeteilt in vier Kapitel führt Rupi Kaur ihre Leser*innen mit ihren Gedichten durch ein Auf und Ab der Gefühle. Angefangen mit the hurting geht es weiter mit the loving. Danach folgen the breaking und the healing. Wer dieser Assoziationskette folgt, wird sich wahrscheinlich denken, dass die Gedichte alle von Liebeskummer, Herzschmerz und deren Verarbeitung handeln. Doch Rupi Kaur macht noch mehr als das. Es geht um Familie, Eltern und das Wachsen in einer Gesellschaft, die einen nicht immer mit offenen Armen empfängt. Man könnte davon ausgehen, dass sich das Buch nur an das weibliche Publikum wendet. Doch egal wer sich nach Inspiration und Verständnis sehnt, der ist hier genau richtig.

Der Gedichtband lebt von seiner zarten Gestaltung. Das schwarze, samtige Cover mit der weißen Titelschrift wirkt schlicht und doch sehr edel. Minimalistische Kunstliebhaber*innen werden eine große Freude an diesem Buch haben, denn nicht nur die Covergestaltung lebt vom gradlinigen Design. Auch die Gedichte passen sich durch die stringente Kleinschreibung dem Stil des Covers an. Die von Kaur selbst gezeichneten one-line-drawings, die fast auf jeder Seite zu sehen sind, runden das Gesamtbild des Buchs ab. Mal sieht man eine schwangere Frau mit einem Kind in ihrem Bauch, mal ein kleines Mädchen oder nur willkürliche Striche, die der ganzen Seite dennoch einen ästhetischen Charakter verleihen. Der Begriff Ästhetik beschreibt das gesamte Buch auch ziemlich treffend. Auf jeder Seite gibt es etwas Neues zu entdecken, die Gedichte und die Zeichnungen sind perfekt aufeinander abgestimmt und wirken im Zusammenspiel harmonisch auf die Betrachter*innen. 

Auch wenn die Gedichte oft kurz und knapp scheinen, sind sie nicht immer leicht verdaulich. Die Inhalte sind sperriger als der äußere Rahmen es vermuten lässt. Rupi Kaur appelliert in ihren Texten – insbesondere an die Frauen – sich selbst zu lieben und body positivity zu leben. Allerdings weist sie auch darauf hin, dass es immer noch Männer gibt, die den Körper der Frau als ihr Eigentum betrachten, Frauen erotisieren und sexualisieren und bestärkt Frauen, für sich selbst einzustehen und sich selbst zu lieben: „you must enter a relationship / with yourself / before anyone else“. Als Anleitung zur Verarbeitung einer Trennung, gibt Rupi Kaur ihren Leser*innen eine to-do Liste mit auf den Weg. In dieser werden alle Klischees einer stereotypisierten Herzschmerzphase bedient. Eis zu essen, zu weinen und die Handynummer zu löschen, sind anscheinend die besten Tipps, um eine Trennung zu verarbeiten. Aber damit geht ja bekanntlich jeder anders um. Wichtig ist es jedoch, am Ende der Lektüre tief durch zu atmen, sich eine heiße Milch mit Honig zu machen, die Kerzen auf dem Adventskranz anzuzünden  und die Worte von Rupi Kaur Revue passieren zu lassen. 

Rupi Kaur: Milk and Honey; Cover: Andrews MacMeel

Rupi Kaur: Milk and Honey

Andrews McMeel, 200 Seiten

Preis: 10,60 Euro

ISBN: 978-1449496364

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