Türchen 19: Natürlich, eine Weihnachtsgeschichte

Mit dem Weihnachtsklassiker von Charles Dickens verhält es sich wohl ähnlich wie mit Last Christmas und George Michael – entweder Sie sind ihm längst überdrüssig oder Sie verlieben sich alle Jahre wieder. Die Geschichte von der Reise des knausrigen Protagonisten mit den Geistern der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Weihnacht ist allseits bekannt. Aber haben Sie schon gehört, dass Dickens das Bild des modernen Weihnachtsfestes mit A Christmas Carol maßgeblich geprägt haben soll?

von ANN-KATHRIN ALBUSTIN

Wenn der Duft von frischen Tannenzweigen und Spritzgebäck in der Luft liegt und der Energieverbrauch der deutschen Haushalte um ein Drittel steigt, läuft der alte Ebenezer Scrooge zur Höchstform auf. Als Film in der Netflix-Favoritenliste oder als Buch auf dem Nachttisch – A Christmas Carol gehört für die meisten zu Weihnachten wie Glühwein auf den Weihnachtsmarkt. Seit fast 180 Jahren lassen sich Kinder und Erwachsene auf der ganzen Welt von der schaurig-schönen Erzählung auf das beliebteste Fest des Jahres einstimmen: schneebedeckte Landschaften, Gesang und Spiel, reich gedeckte Tafeln und ein harmonisches, familiäres Miteinander. Ein weit verbreitetes Idealbild des Weihnachtsfestes, das der englische Erfolgsautor mit seiner Weihnachtsgeschichte begründet haben soll. Denn Weihnachten war zu Beginn des 19. Jahrhunderts in England keineswegs so beliebt wie heute.

Dickens als Erfinder des modernen Weihnachtsfestes?

Ganz so wird es wohl nicht gewesen sein. Vielmehr ist der Schriftsteller 1843 auf einen anfahrenden Zug aufgesprungen. Denn Weihnachten entwickelte sich vor dem Hintergrund der Industrialisierung erst im Laufe des 19. Jahrhunderts von einer religiösen Feierlichkeit zu einem schillernden Familienfest des Bürgertums. Und zu einem Schauspiel ungehemmter Kaufeslust. Denn wie heißt es so schön? Don’t be a scrooge! Doch sicherlich hat seine berühmte Erzählung zum heutigen Weihnachtswahn beigetragen und unsere Vorstellung von Weihnachten nicht zuletzt durch ihre moralische Botschaft und ihren sozialkritischen Ton nachhaltig geprägt. So soll ein amerikanischer Geschäftsmann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von einer Lesung der Weihnachtsgeschichte so bewegt gewesen sein, dass er am ersten Weihnachtsfeiertag nicht nur seine Fabrik schloss und seinen Mitarbeitern freigab, sondern auch allen einen Truthahn spendierte.

Ich jedenfalls kann der Weihnachtsgeschichte und den schönen Illustrationen auch in diesem Jahr nicht widerstehen. Doch für den Fall, dass Sie mal etwas anderes lesen möchten, um sich auf das Weihnachtsfest einzustimmen, weise ich darauf hin, dass Charles Dickens vier weitere Christmas Books geschrieben hat. Und allen, die sich stattdessen lieber ihres vorweihnachtlichen Stresses entledigen und ihrem Ärger Ausdruck verleihen wollen, sei der offizielle Humbug-Tag am 21. Dezember ans Herz gelegt.

Die Charles-Dickens-Weihnachtsgeschichte; Cover: Homunculus Verlag

Die Charles-Dickens-Weihnachtsgeschichte. Eine weihnachtliche Geistergeschichte. Deutsche Erstübersetzung von Edward Aubrey Moriarty, vollständig neu überarbeitet von Laura Jacobi.

Homunculus Verlag, 155 Seiten

Preis: 18,90 Euro

ISBN: 978-3-946120-09-4

2 Gedanken zu „Türchen 19: Natürlich, eine Weihnachtsgeschichte

  1. Dass Weihnachten aus der Mode war, war mir neu… Gibt es dazu vll ein interessantes Buch?
    Oder muss man das eher als Umbruch sehen von christlich-bäuerlicher Weihnacht, die angesichts spannenderer Feierlichkeiten & Armut nur ein Fest unter vielen war zur bürgerlich-kapitalistischen Weihnacht generell?
    In den 1840ern war ja ein Gesellschaftssystem, dass Schenkerei & Völlerei einer breiteren Schicht ermöglicht sowieso noch recht jung?

    • Hallo Sören!
      Vielen Dank für deinen Kommentar, deinen Überlegungen stimme ich zu! Im Nachhinein scheint mir „aus der Mode gekommen“ nicht ganz das zu treffen, was ich sagen wollte, weshalb ich die Formulierung in meinem Beitrag leicht abgeändert habe.
      Viele Grüße und eine schöne Weihnachtszeit!

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