Karikatur einer Kindsmörderin

Tamar Tandaschwili: Als Medea Rache übte und die Liebe fand; Cover: Residenz Verlag

Als Medea Rache übte und die Liebe fand der georgischen Autorin Tamar Tandaschwili macht betroffen: Verstörend sind die andauernde physische und psychische Gewalt, der die LGBTQ-Community in der kaukasischen Republik schutzlos ausgeliefert ist. Tandaschwilis Gesellschaftsroman könnte in seiner epischen Plotbreite sicherlich mit Tolstois großen Romanen konkurrieren – würde die Autorin nicht achtlos eine Figur nach der anderen beiseiteschieben und alle Hüllen um den mythischen Medea-Stoff fallen lassen.

von THOMAS STÖCK

Ein farbenfrohes Figurensammelsurium hat sich da versammelt auf den wenigen Seiten von Als Medea Rache übte und die Liebe fand, dem zweiten Roman der Georgierin Tamar Tandaschwili. Für ordentlich Furore sorgte das Buch in ihrem Heimatland, schließlich wird die Mehrheitsgesellschaft in diesem Roman schwerwiegender Verbrechen angeklagt. Im christlich-orthodoxen Land sind abseitige Sexualitäten und Geschlechtsidentitäten permanenten Schikanen ausgesetzt, die auch vor der heimischen Türschwelle nicht Halt machen. Die Journalistin Tina Sumbadse zum Beispiel, die seit ihrer Kindheit lesbische Neigungen hegt, wird von ihrer Mutter zu einer heterosexuellen Beziehung gedrängt. Sie heiratet:

„Danach war sie in den ersten sechs Monaten mindestens zweimal pro Woche zu den Schwiegereltern gerannt, freitags hatte sie den unbändigen sexuellen Hunger ihres Ehemannes mit Blowjobs gezähmt, die sie sich aus Pornos abgeschaut hatte, und an ihren fruchtbaren Tagen hatte sie sich in smaragdgrüne Dessous gezwängt. Dann hatte sie ihr Kind bekommen, war in postpartale Depression verfallen und hatte sich wieder nach weiblicher Zärtlichkeit gesehnt.“

Ihr Schicksal mutet noch als das fast angenehmste aus dem bunten Figurenreigen an, in den sich Veilchen an Bluterguss an tödliche Verletzung reiht. Da gibt es zum Beispiel Lascha Tsertswadse, der von seinem Vater zum Boxen geschickt wird, weil er als Homosexueller wahrgenommen wird. Die anderen Jungen zwingen ihn zu sexuellen Handlungen, eines Tages verprügelt ihn sein eigener Vater. Der Vater hat mit seinem Kind abgeschlossen: „‚Lascha Tsertswadse war mein Sohn, er ist heute morgen gestorben.‘“ Tatsächlich ist Lascha Transgender, möchte schon als Kind Kleider tragen und seinen Penis loswerden – später lebt er unter prekären Bedingungen als Sexarbeiterin Monika. Treiber hinter Monikas Ausgrenzung ist die christlich-orthodoxe Kirche, durch die das klassische Rollenbild konkurrenzlos in der Gesellschaft verankert ist. Laschas Mutter verkörpert ebenfalls dieses menschenverachtende Weltbild: „‚Wir haben ihn zehn Jahre lang behandeln lassen und konnten es ihm trotzdem nicht austreiben. Er weigert sich, zum Menschen zu werden […].‘“

„Sexuelle Gewalt an Frauen – ein georgischer Nationalsport.“

Doch auch Frauen, die heteronormativen Ansprüchen genügen, sehen sich häufig Gewalt ausgesetzt. Eindrücklichstes Beispiel sind Gruppenvergewaltigungen von heranwachsenden Frauen durch ihre Mitschüler, die sich oftmals über Jahre ziehen. Erwähnt wird Natias Fall, auf den Tina Sumbadse stößt. Natias Freund Mika wird von Schulkameraden dazu gebracht, sie alle zu einer Party einzuladen und Natia allein mit den übrigen jungen Männern zu lassen. Über Jahre hinweg ziehen sich die Vergewaltigungen. Auch Mika, anfänglich in Unkenntnis der Verbrechen, vergeht sich bald an seiner Freundin. Viermal wird sie schwanger, dreimal treibt sie ab, einmal durchlebt sie eine Fehlgeburt, erst mit ihrem Studium endet ihr Grauen. Ein Einzelfall? Im Gegenteil, allein die für Natias Fall zuständige Ermittlerin bearbeitet acht ähnlich gelagerte Fälle.

Auch Medea Chimschiaschwili, die titelgebende Protagonistin, ist bereits in ihrer Kindheit mit dem „georgischen Nationalsport“ konfrontiert: Eine jung verheiratete Nachbarin, Tato Tarassian, wird von ihrem Ehemann regelmäßig verprügelt, häufig ist Eifersucht das Motiv, obwohl Tato hierfür keinen Anlass gibt. Wieder und wieder werden bei der jungen Frau Verwandte vorstellig, die ihr eine Anzeige bei der Polizei ausreden. Tato stirbt, weil ihr Mann sie schlussendlich aus einem Fenster im dritten Stock wirft. „‚Das Gehirn, das georgische Männer Frauen so einstimmig aberkennen, plätscherte Tato Tarassian wie ein Bächlein aus dem linken Ohr.‘“

Grotesk, konfus, beliebig – die Rächerin schlägt um sich

Wer bis hierhin ein düsteres Porträt einer misogynen und gegen jede Abweichung vom heteronormativen Leben kämpfenden Gesellschaft erwartet, einen spannenden Kriminalroman vielleicht oder auch einen Einblick in die Psyche der vielen Opfer, der wird enttäuscht. Die bereits beschriebenen Handlungsstränge – und das sind beileibe nicht alle! – könnten sicherlich auch einen ähnlichen Seitenumfang einnehmen wie Leo Tolstois Anna Karenina oder Krieg und Frieden. Doch Tamar Tandaschwili ist nicht Tolstoi, im Guten wie im Schlechten. So müssen wir uns einerseits nicht durch die elendig langen Gesellschaftsentwürfe für die russischen Bauern des Zarenreichs quälen, andererseits wirft Tandaschwili mit neuen Handlungssträngen nur so um sich, so dass man schnell mal die Übersicht verlieren kann. Statt eines roten Fadens wird man beim Lesen mit einem Wollknäuel beworfen, das man gefälligst selbst entwirren soll. Erschwerend kommt hinzu, dass das Wollknäuel sich als ein langer Faden entpuppt – denn natürlich hängen all diese Geschichten zusammen.

So hat Medea eine gemeinsame Tochter mit Mika, der nun Irakli Tschimagadse heißt. Diese ist durch einen Verkehrsunfall körperlich behindert und benötigt eine sexuelle Assistenz, weil sie nicht selbst masturbieren kann. Dabei hilft ihr die Sexarbeiterin Monika. Medea bändelt ihrerseits mit Tina Sumbadse an. Außerdem ist sie als Mutter Barbare in einem Kloster unterwegs – ob vor ihrer Mutterschaft oder nach ihrer Tätigkeit als Leiterin einer Abteilung für Schwerverbrechen, das macht eigentlich auch keinen Unterschied. Tandaschwili spinnt, heraus kommt dabei aber keine gute Erzählung. In die konfuse Plotstruktur reihen sich immer groteskere Handlungen ein. Spoiler alert! Mutter Barbare, also Medea, kastriert einen Mann, indem sie ihm die Sehnen im Hoden durchbeißt. Das hat sie natürlich aus einer amerikanischen Serie gelernt, in der diese Prozedur an Schafen durchgeführt wird! Wo auch sonst lernt man, jemanden zu kastrieren? Medeas Ehemann, mit der Schuld von mehreren Jahren Vergewaltigung seiner eigentlichen Freundin beladen, bringt sich durch Luftanhalten in einem Yoga-Kurs um. Medea, die Rächerin der Gesamtheit aller georgischen Frauen und der LGBTQ-Community, die unterdessen keinen Anteil am Schicksal ihrer eigenen Tochter nimmt, adoptiert immerhin am Ende der Erzählung die Transfrau Monika. Ein schönes Happyend, bei dem alle Figuren die Hüllen fallen lassen und der mit dem mythischen Stoff um eine doppelte Kindsmörderin, die von ihrem Ehemann in einem fremden Land gehörnt wird, absolut nichts mehr zu tun hat. Mein Komparatisten-Herz blutet.

Der Residenz-Verlag hat aber noch ein letztes Sahnehäubchen auf diesen Roman gesetzt, damit auch garantiert niemand eine erfreuliche Lektüre erlebt. Angesichts der Thematik von Als Medea Rache übte ist das sicherlich passend, gegenüber der Autorin und ihrer Übersetzerin wirken die ständigen Fehler im Satz aber denn schon eher wie eine Respektlosigkeit. So ist von „Lascha Tswertswadses Großmutter“ die Rede, obwohl Lascha doch Tsertswadse heißt. Irakli heißt mal Tschimagadse, mal Tschigamadse. Auch kommen einem merkwürdige Formulierungen unter wie „Er hatte Gehirnhautentzündung […].“ Zu unguter Letzt wird dann auch noch Tbilissi, in der ein Großteil der Handlung spielt, ebenso als Tiflis bezeichnet. Wo kommt eigentlich die Autorin her? Ach genau, laut Umschlag aus „Tbilisi [sic]“. Gratulation an das Lektorat, sicherlich die beeindruckendste Leistung seit dem Brennesselhaus.

Tamar Tandaschwili: Als Medea Rache übte und die Liebe fand. Aus dem Georgischen übersetzt von Tamar Muskhelischwili
Residenz Verlag, 144 Seiten
Preis: 18,00 Euro
ISBN: 978-3-701717378

Ein Gedanke zu „Karikatur einer Kindsmörderin

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