Als komische Typen salonfähig wurden

Molière (1622–1673) in der Rolle des Caesar in „Mort de Pompée“, einer Tragödie von Corneille. Paris, musée Carnavalet. Nicolas Mignard, Public domain, via Wikimedia Commons

Ein neuer Tag, ein neues Jubiläum! Heute begeben wir uns ein paar Jahrhunderte zurück in die Zeit des französischen Absolutismus. Molière, Zeitgenosse von Ludwig XIV., Pierre Corneille und Jean Racine, erhob die Komödie zu einer der Tragödie ebenbürtigen Gattung. Heute wäre er 400 Jahre alt geworden.

von THOMAS STÖCK

Noch immer trifft zu, was Helge Kreisköther vor fast sechs Jahren über Molière feststellte: Trotz seiner herausragenden Komödien, die den Shakespeare’schen Komödien gleichrangig sind, werden Molières Stücke deutlich seltener gespielt als die seines englischen Pendants. Der 1622 geborene Franzose, eigentlich Jean-Baptiste Poquelin, kann vor seinen Zeitgenossen mit einer großen Zahl an Komödien glänzen. Und auch noch heute wird ihm jedes Jahr an seinem Geburtstag in der Pariser La Comédie-Française gehuldigt, welche den Ehrentitel La Maison de Molière trägt.Doch am Anfang seiner künstlerischen Karriere stehen – wie bei so vielen Künstlern, gerade vergangener Jahrhunderte – prekäre Lebensverhältnisse. Seine erste von ihm gegründete Theatertruppe geht bankrott, Molière wird sogar in Schutzhaft genommen. Mit einer anderen Gruppe wandert Molière schließlich durch Frankreich und präsentiert dem Publikum das gesamte Spektrum an Stücken, die zur damaligen Zeit üblich sind: Von der hohen Tragödie bis zur Farce zeigen sie alles, orientieren sich mitunter an der Typenkomödie der italienischen Commedia dell’arte. Angewiesen ist der zum Theaterdirektor aufgestiegene Molière auf reiche Protegés, die seine Kunst fördern.

Freie Liebe im 17. Jahrhundert

Dabei kommt ihm zugute, dass er als tapissier, also als Teppichwirker, bereits für den französischen König arbeitete, bevor er seine Wanderschaft als Schauspieler aufnimmt. Eines seiner erfolgreichsten und zugleich kontroversesten Stücke am Pariser Hof wird L’école des femmes (Dt.: Die Schule der Frauen). In diesem Stück tritt Molière gegen die Zwangsheirat ein und spricht sich stattdessen für die Liebesheirat aus, in deren Falle Frauen ein gleiches Mitspracherecht ausüben sollen. In dieser Verskomödie – der weitere ähnlichen Inhalts folgen sollten – hegt der alte Junggeselle Arnolphe großes Misstrauen gegen die weibliche Sexualmoral. Aus diesem Grund lässt er die vermeintliche Bauerstochter Agnès im Kloster erziehen, um so ein tugendhaftes Mädchen heranzuziehen, das er einst ehelichen kann. Agnès begegnet jedoch einem jungen Edelmann namens Horace. Beide verlieben sich ineinander und Horace, der Agnès in den Fängen eines „Monsieur de la Souche“ glaubt, wendet sich an Arnolphe. Dieser soll ihm dabei helfen, dass Horace seine Liebe befreien kann. Doch tatsächlich verbirgt sich Arnolphe hinter diesem Adelstitel, den er sich aus Eitelkeit zulegt. Arnolphe erfährt so durch Horace, welche Pläne das Liebespaar ausheckt, und ergreift Gegenmaßnahmen. Ob diese Maßnahmen Früchte tragen?

Molière gelingt es in der Schule der Frauen, das Thema der weiblichen Erziehung auf einer anderen Ebene darzustellen, als dies für die damalige Komödie üblich ist. Die reine Typenkomödie löst Molière ab, stattet die Figuren mit größerem charakterlichem Tiefgang aus und lässt sie in Versen sprechen. Komisch sind sie immer noch, Arnolphe, Agnès und Horace. Doch Arnolphe legt den Liebenden nicht grundlos Steine in den Weg, vielmehr führten ihn seine eigenen Erfahrungswerte zu falschen Prinzipien. Ein ganzes Geschlecht aufgrund der Verfehlungen Einzelner abzuurteilen – auch heute noch kommen (zugegebenermaßen einfach gestrickte) Geister zu einem solchen Schluss. Molières komische Typen sind nicht länger eindimensionale Figuren, die nur noch einen Zweck erfüllen. Durch ihn wird die Charakterkomödie prominent und kann mit der Tragödie konkurrieren.

Molière-Interessierten darf ich an dieser Stelle die französische Theaterversion ans Herz legen. Auf dem zugehörigen Kanal finden Sie weitere Stücke des Komödiendichters. Eine deutsche Produktion des Theaterstücks ist leider nicht frei zugänglich verfügbar, jedoch können Sie Molière als große Hörspieledition in der unten genannten Edition genießen. Freunde des französischen Theaters, denen der Zugang zur französischen Sprache leider verschlossen ist, können sich immerhin am Stück Der eingebildete Kranke erfreuen. Frei verfügbare Hörspielfassungen existieren zudem von Don Juan sowie von Amphitryon. Auch können Sie in die beschaulichen Zusammenfassungen von Sommers Weltliteratur to go hineinhören, um einen kurzweiligen Eindruck weiterer Stücke zu erhalten.

Molière: Die große Hörspieledition. Der Geizige – Der Bürger als Edelmann – Don Juan – Die Schule der Frauen – Der eingebildete Kranke – Der Menschenfeind – Tartuffe. Hörspiel mit Bernhard Minetti, Will Quadflieg, Maria Becker, Rosemarie Fendel, Hans Korte
der Hörverlag, 8 Stunden 23 Minuten
Preis: 25,00 Euro
ISBN: 978-3-8445-4308-7

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