Böse Bücher, böse Lektüre

Lise Allirand et al. (Hg.): Literatur und das Böse; Cover: Christian A. Bachmann Verlag

Eine etwas andere Rezension: Anlässlich des 10. Jubiläums des Studierendenkongresses der Komparatistik richtete die Fachschaft Komparatistik der Ruhr-Uni Bochum 2019 – und dabei auch meine Wenigkeit – selbigen Kongress zum Thema Literatur und das Böse aus. Der nun erschienene gleichnamige Band vereint 19 der damals vorgetragenen Redebeiträge und führt uns zu Grenzfällen der Literatur: zu Büchern, die ihre Autoren ins Gefängnis bringen; zu Lektüren, die in den Wahnsinn treiben; und zu der Frage, was Literatur leisten darf, soll und muss.

von THOMAS STÖCK

In der Studierendenwelt gibt es einige Ereignisse, die die oftmals graue Alltagswelt ein wenig bunter erscheinen lassen oder die sich anderweitig ins Gedächtnis einbrennen. Da ist zum Beispiel die Ersti-Woche, in der mehr oder minder unterhaltsame Spiele ein Kennenlernen zwischen den ganzen Frischlingen an der Uni ermöglichen und durch die in manchen Fällen sehr gute Freundschaften erwachsen. Zu nennen sind auch die wirklich wichtigen Prüfungen, über die man sich schon Wochen vorher den Kopf zerbricht, deren Räumlichkeiten man klopfenden Herzens betritt und die man schon nach kurzer Zeit – zumeist erleichtert – hinter sich lassen kann. Auch Exkursionen und Unterhaltungsveranstaltungen sind mir bis heute in guter Erinnerung geblieben. Doch ein Ereignis, das für mich persönlich heraussticht, war die Organisation und Teilnahme am Studierendenkongress Komparatistik, den meine Fachschaft 2019 an der Ruhr-Uni Bochum ausrichtete.

Unserem Ruf, „Komparatisten aller Länder, vereinigt euch!“, folgte vor zwei Jahren eine ganze Reihe Studierende, sodass wir auf volle Hörsäle zählen konnten. Dem Kongress, der auch in vorigen Fällen bereits thematisch ausgerichtet war, gaben wir ein Thema, von dem wir uns erhofften, dass es allgemein genug war, um uns einen Streifzug durch die gesamte Literaturgeschichte zu ermöglichen – zugleich aber auch spezifisch genug, dass sich ein (blut-)roter Faden durch die vielen Beiträge ziehen könnte. Und so kam es, dass wir vom 13. bis zum 15. Juni 2019 einander erzählten: von bösen Büchern, von verfänglicher Lektüre, von Teufeln, Genies, Vampiren und einigem mehr. Am Ende dieser drei Tage standen wir dann vor einem Prozess, der sich über zwei Jahre ziehen sollte: Wir wollten einige der Beiträge in einem Buch bündeln und so der Forschungsgemeinschaft zur Verfügung stellen. Stolz darf ich euch nun diesen Sammelband präsentieren, der für einen Großteil von uns jungen Forschern die erste Veröffentlichung überhaupt darstellt.

Einsame Inseln, alternative Welten

Die Reise in die böse Literatur führt uns zu den sexuellen Eskapaden des Marquis de Sade, in das Südafrika kurz nach Ende des Apartheid-Regimes, ins Märchen zum bösen Wolf sowie zur Lyrik Reinhard Jirgls. Wir treffen auf Podcasts, die zu Büchern umfunktioniert werden (Welcome to Night Vale), auf das Musical Wicked sowie auf metafiktionale Literatur, in denen die Figuren ihrem eigenen Autor einen Besuch abstatten. Besonders herausheben möchte ich an dieser Stelle zwei Beispiele, wohin uns diese Forschungsreisen geführt haben. Magdalena Mühlböck folgt Christoph Ransmayr ans Ende der Welt in dessen Atlas eines ängstlichen Mannes: Inmitten des Pazifiks landet der Erzähler auf spärlich besiedelten Inseln wie Pitcairn oder auch Rapa Nui, uns ebenfalls als Osterinsel bekannt, und trifft auf die Spuren des Kolonialismus, dessen Folgen Mensch und Tier noch heute ausgesetzt sind. Das Böse, schreibt Mühlböck, tritt hier als „Konstrukt“ in Erscheinung, „dessen Ursprünge in der Vergangenheit liegen und den Verlust des Weltvertrauens […] des reisenden Ich-Erzählers begründen“. Mensch und Tier figurieren die Auswirkungen dieses Bösen, da sie den vor Jahrhunderten hervorgerufenen, aber nach wie vor vorhandenen Zwängen ausgesetzt sind. Mühlböck zeigt uns das Grauen auf, das der Ich-Erzähler beim Betreten dieser fernen Inseln empfindet und das nur durch das Erzählen gelindert wird.

Ein zweites Beispiel führt uns nicht an den Rand der uns erschlossenen Welt, sondern sogar über den Rand des Möglichen hinaus in alternative Weltentwürfe. Uchronie nennt sich das Genre, „Nicht-Zeit“ also, in das Anna-Lena Rehmer uns einführt. Dabei handelt es sich um Werke, die entgegen der tatsächlichen Faktenlage funktionieren, also an einem Punkt der Geschichte sagen: Was wäre, wenn jetzt etwas Anderes geschehen wäre? Als populärwissenschaftliche Sendung aufgearbeitet existiert ein ähnliches Projekt von Arte. Rehmer setzt sich mit dem Fall des Nationalsozialismus auseinander, der in uchronischen Erzählungen den Zweiten Weltkrieg gewinnt. In diesen Alternativwelten trifft der Leser entweder auf einen guten Nazi wie in Robert Harris’ Fatherland – also auf einen Nazi, der Gutes tut – oder aber auf einen guten Nazi wie in Otto Basils Wenn das der Führer wüßte –also auf einen Nazi, der durch und durch der nationalsozialistischen Ideologie verfallen ist. Der Abwägungsprozess, wer oder was gut ist und wer oder was böse, findet laut Rehmer entweder wie in Fatherland in der Figur selbst statt oder aber im Leser, also erst durch den Lektüreprozess von Basils Roman. Literatur und das Böse fordert von seinen Lesern also einen permanenten Reflexionsprozess mit dem ein, was als böse beschrieben wird. Stets sollen wir von Neuem unsere Werte und Normen hinterfragen. Und wer von uns noch ohne Sünde ist, der lese die erste Seite.

Lise Allirand, Alina Braucks, Svenja Engelmann-Kewitz, Rika Sakalak, Charleena Schweda und Thomas Stöck (Hg.): Literatur und das Böse. Beiträge zum Studierendenkongress Komparatistik 2019
Ch. A. Bachmann Verlag, 244 Seiten
Preis: 25,00 Euro
ISBN: 978-3-96234-666-9

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