Als das Ende nahe ist

Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein; Cover: Aufbau Taschenbuch Verlag

Am 5. Februar 1947 – also vor 75 Jahren – starb Hans Fallada. In wenigen Wochen vor seinem Tod verfasste Fallada das Manuskript seines letzten Romans Jeder stirbt für sich allein. 60 Jahre nach der Erstveröffentlichung gelangte dieser Roman durch eine Neuveröffentlichung zu Weltruhm. In seinem Zentrum stehen die Quangels, ein älteres Ehepaar, das sich nach dem Verlust ihres einzigen Sohnes dazu entscheidet, sich dem Hitlerregime entgegenzustellen. Es entspinnt sich eine Geschichte des Widerstands, des Duckmäusertums, des Verrats – und die Spirale der Gewalt, sie dreht sich mit immer höherer Geschwindigkeit.

von THOMAS STÖCK

Bevor ich auf Hans Falladas Roman zu sprechen komme, möchte ich einen längeren Exkurs in die Weltliteraturgeschichte tätigen. Der argentinische Autor Jorge Luis Borges schrieb im Jahre 1939 eine Kurzgeschichte über Pierre Menard, Autor des Quijote. In der Geschichte um einen fiktiven Autor aus dem 20. Jahrhundert behauptet Borges, dass dieser Pierre Menard die Geschichte von Don Quijote de la Mancha neu erzählen will. Eigentlich stammt Don Quijotes Geschichte aus der Feder von Miguel de Cervantes, einem Autor des ausklingenden 16. bzw. des aufkommenden 17. Jahrhunderts. Das Ergebnis dieses Versuchs einer Neuerzählung ist Wort für Wort identisch mit dem Text, den bereits Cervantes Jahrhunderte früher schrieb. Und doch ist etwas anders: Da ist zum Beispiel die Sprache, die nicht länger eine des gewöhnlichen Umgangs zwischen Bauern und Adligen im Spanien des Siglo de Oro (dt.: Goldenes Zeitalter) ist. Stattdessen handelt es sich um eine von Menard erfundene Kunstsprache, die mit dem Spanischen des 20. Jahrhunderts nichts zu tun hat und die stattdessen vorgibt, aus der Cervantes-Epoche zu entstammen. In Menards Text eingeschrieben sind zudem die Erfahrungen der vergangenen Jahrhunderte, die unter anderem zur bis dato größten Katastrophe der Menschheitsgeschichte führten, dem Ersten Weltkrieg. So eröffnen sich nach und nach ganz neue Perspektiven auf einen ohnehin schon komplexen Stoff, dem sein ursprünglicher Interpretationsgehalt unbenommen bleibt. Der Don Quijote des Pierre Menard gewinnt an Tiefe.

Sicherlich lässt sich diese Kurzgeschichte trefflich vor der Fragestellung lesen, welche Relevanz Autorschaft für die Interpretation eines Werkes hat. Worum es uns gehen soll, ist aber ein anderer Aspekt: Der Don Quijote des Pierre Menard steht uns näher, als der Don Quijote des Miguel de Cervantes es tut. Das liegt daran, dass wir die großen Ereignisse der Menschheitsgeschichte, die erst nach Cervantes’ Lebenszeit erfolgten – wie eben den Ersten Weltkrieg –, stets mitdenken können im traurigen Ritter von der Mancha, dem seine Missgeschicke Unglück bringen. Des Ritters kindlich-naiven Träumereien sind bei Pierre Menard auch die Flucht vor dem Wahnsinn der sich verselbstständigenden Moderne und vor dem massenhaften Sterben.

Döblin – Fallada – Kutscher

Eine ganz ähnliche Situation ergibt sich, wenn man die Berlin-Romane von Alfred Döblin (Berlin Alexanderplatz, 1929) und Hans Fallada (Jeder stirbt für sich allein, 1947) einander gegenüberstellt. Keine 20 Jahre liegen zwischen diesen beiden Texten – und doch liegt zwischen ihnen eine ganze Welt. Dabei existieren Ähnlichkeiten zuhauf: Verschiedene Milieus der Großstadt treten zutage, besonders die verbrecherische Unterwelt inklusive exzessiven Alkoholkonsums, Prostitution und jeder Menge Gewalt sind in beiden Werken anzutreffen. Auch das in beiden Werken an vielen Stellen gebrauchte Berlinerische gerät heute im Alltagsgebrauch immer mehr zu Gunsten des Hochdeutschen ins Hintertreffen, wohingegen es gerade in der Unterschicht 1929 genau wie 1947 allgegenwärtig war. Doch zwischen Berlin Alexanderplatz und Jeder stirbt für sich allein liegt die Erfahrung der zwölfjährigen Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten. Vielleicht ist es dadurch erklärlich, dass die Neuveröffentlichung von Falladas zuletzt geschriebenem Roman 2007 zu einem solchen internationalen Erfolg geriet. Und vielleicht steht Falladas Text deswegen auch Volker Kutschers Gereon-Rath-Serie näher als Döblins Roman. Denn die große Katastrophe der Verbrechen des Nationalsozialismus, sie steht in diesen beiden Werken drohend hinter allem. In Berlin Alexanderplatz ist sie noch absent.

Das nette Ehepaar von nebenan widersetzt sich

Es sei aber auch noch etwas mehr verraten über den Inhalt der rund 700 Seiten von Jeder stirbt für sich allein. Fallada nimmt uns mit auf die Reise in das Berlin des Jahres 1940. Frankreich hat gerade kapituliert. Das Ehepaar Quangel, auf deren historische Vorläufer Elise und Otto Hampel Fallada sein Autorkollege Johannes R. Becher aufmerksam gemacht hat, erhält zeitgleich die Nachricht, dass ihr einziger Sohn gefallen ist. Das Leben des in sich gekehrten Familienvaters Otto und seiner Ehefrau Anna gerät dadurch aus den Fugen. Weil Otto seine Emotionen nicht ausdrückt, wirft ihm seine Frau an den Kopf: „‚Das habt ihr nun davon, du und dein Hitler!‘“ Bis hierhin waren sich Otto und Anna stets einig, dass Hitler dafür verantwortlich war, dass er wieder Arbeit hat, dass es ihnen besser geht als in der Weimarer Zeit. Doch dieser Vorwurf, „‚Du und dein Hitler!‘“, den Anna selbst später als unrecht empfindet, führt zu einem Wandel in Ottos Verhalten. Man muss etwas tun, beschließt er. Und nach einigen Tagen des Schweigens, in denen seine Frau ihre Worte längst bereut hat, eröffnet Otto seinen Plan: Er will gegen das Hitlerregime anschreiben. Und so greift er zu Stift und Postkarte. „Der Führer wird auch deinen Sohn ermorden“, prangt auf dieser ersten Postkarte. Otto legt sie offen in einem Wohnhaus ab und hofft so, weitere Leute zur Abkehr vom Nationalsozialismus bewegen zu können. Schon bald ist ihm und seiner Frau der gewiefte Kommissar Escherich auf der Spur. Otto und Anna spielen ein gefährliches Spiel. Und sie spielen es um ihr Leben.

Am gleichen Tage der Todesnachricht kommt es im Wohnhaus der Quangels zu weiterem Ungemach. Der Jüngste der Persickes, eine Familie getreuer Parteigänger Hitlers, stiftet den Spitzel und Gelegenheitsdieb Emil Barkhausen dazu an, die Wohnung der „ollen Jüdschen“ Frau Rosenthal auszuplündern. Barkhausen holt sich dazu Hilfe vom wettsüchtigen und arbeitsscheuen Enno Kluge. Der kleine Wicht Barkhausen hofft sogar darauf, dass er sich an der Jüdin vergreifen können wird. Frau Rosenthal treffen die beiden Trunkenbolde jedoch nicht in ihrer Wohnung an, sie begnügen sich damit, ein Gelage zu veranstalten. Doch weil sie der Persicke-Junge für seine Pläne missbraucht und als Diebe bloßstellt, beziehen Barkhausen und sein Kumpel selbst Prügel. Unterschlupf hat Frau Rosenthal zwischenzeitlich bei den Quangels gefunden, aber Otto will keinen Kontakt zu anderen Menschen, sodass sie woanders unterkommen muss. Ein weiterer Hausnachbar, ein ehemaliger Richter, bietet ihr Unterschlupf. Er ist berühmt-berüchtigt für seine Todesurteile zu Zeiten der Weimarer Republik, doch hat er sich seinem eigenen Verständnis von Gerechtigkeit verschrieben, zu dem der nationalsozialistische Unrechtsstaat nicht passt.

Trostlose Tode und ein Hoffnungsglimmen

Das Unausweichliche nimmt seinen Lauf. Ist es zu viel verraten, wenn in einem Werk mit dem Titel Jeder stirbt für sich allein die Figuren nach und nach sterben? Nun, so war das Leben in diesen Zeiten des Terrors und so erzählt es uns auch Fallada. In weiteren Episoden entspinnen sich Familiendramen, Kriminalerzählungen und immer wildere Eskapaden, die diese trostlose Zeit eindrucksvoll illustrieren. Und auch die Ordnungsmacht in Person Escherichs ist vor den Gewaltexzessen nicht gefeit. Am Ende ist er der Einzige, der durch den hoffnungslosen Kampf der Quangels bekehrt wird. Und ebendiese Hoffnung glimmt am Romanende trotz der zahlreichen Todesfälle doch noch einmal auf. Barkhausens Jüngster, der vor dem gewalttätigen Vater geflohen ist – übrigens nicht ohne ihm vorher eine ordentliche Tracht Prügel mit anderen Halbstarken verpasst zu haben –, kommt nach längerer Odyssee bei Enno Kluges Ex-Frau unter, die ihrerseits die Flucht aus Berlin und vor ihrem nichtsnutzigen Mann ergreift. So können sich einige Wenige doch noch aus dem moralischen Morast Berlins retten.

Zugegeben, Episoden wie diese, in denen der ausgemachte Zufall ein gern gesehener Zaungast ist, zeigen die ästhetischen Grenzen dieses Werks auf. Es steht eben auch in seiner Anlage einem Volker Kutscher näher als einem Alfred Döblin. Ebenso existieren im Figurensammelsurium haufenweise (Stereo-)Typen, sodass Frauenfiguren beinahe ausnahmslos schwach und emotional sind, wohingegen die Männer emotional verkrüppelt in Erscheinung treten, aber immerhin stets zielgerichtet arbeiten. Falladas Roman ist eben doch ein Werk aus einer anderen Zeit. Nichtsdestotrotz zeigt uns dieser Roman, wie Widerstand im Kleinen in einer Zeit des Grauens versucht wurde – und dies gerade im Falle von Personen, die sich selbst des Mitläufertums und moralisch verfehlter Handlungen schuldig gemacht haben.

Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein
Aufbau Taschenbuch Verlag, 704 Seiten
Preis: 12,99 Euro
ISBN: 978-3-7466-2811-0

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