Vom Versteckspiel des Inneren

Kim Ryeo-Ryeong: Eins Zwei. Eins Zwei Drei, Cover: Baoab Books

Eins Zwei. Eins Zwei Drei ist der Rhythmus, mit dem Autorin Kim Ryeo-Ryeong ihren Protagonisten Wan-Duk aus seiner Passivität und in ein Leben mit Perspektive führt. Gewürzt mit schnell geballten Fäusten und trockenem Humor steht dieser am Rand der koreanischen Gesellschaft und einer Familie, in der es üblich ist, sein Innerstes zu verstecken.

von MEIKE WINKLER

Wan-Duk ist der Name des 17-jährigen Ich-Erzählers des Debütromans der südkoreanischen Autorin Kim Ryeo-Ryeong. Seine Familie, bestehend aus einem auffällig kleinen Vater und einem stotternden Onkel, lebt in ärmlichen Verhältnissen in einer Dachwohnung in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Wan-Duks Mutter stammt aus Vietnam, kam im Rahmen einer gekauften Ehe nach Korea und verließ ihn und seinen Vater bald nach dessen Geburt.

Redseliges Schweigen

Gespräche jeglicher Art gestalten den Roman. Wenngleich sich durch den Ich-Erzähler ein innerer Monolog geradezu aufdrängt, so ist es eine Vielzahl an Dialogen, welche die Szenerie dominieren. Dies steht in starkem Kontrast zu Wan-Duk. Denn obwohl dieser mit seinem Lehrer Dung-Ju, seinem Vater und später auch viel mit seiner Klassenkameradin Yun-Ha spricht, ist er eine stille Person, die eher passiv an seinem eigenen Leben teilnimmt. Er tut, was getan werden muss wie etwa zur Schule gehen oder sich selbst rudimentär versorgen. Jedoch bewegt sich Wan-Duk in seiner eigenen kleinen und vor allem stillen Blase, die er nicht gestört sehen mag. Er äußert wenig bis gar nichts von dem, was ihn bewegt, ihn stört oder über was er sich Gedanken macht. Denn reden über derlei ernste und potenziell problematische Dinge liegt nicht in der Natur seiner Familie.

Die emotionale Faust

Wan-Duks Blase wird nur selten von anderen durchbrochen. Ein wunder Punkt, der dies ermöglicht, ist, wenn sein Vater aufgrund seiner Größe ausgelacht, im Zusammenhang mit seinem Beruf als Eintänzer in einem Club verhöhnt oder bei dem Verkauf von Kleinwaren geschlagen wird. Die gewaltigen Emotionen, die in diesen Momenten in Wan-Duk schier explodieren, führen unmittelbar zu zahlreichen Schlägereien. Dies sorgt dafür, dass er in der Schule als Gangster verschrien ist und gemieden wird.

Der bereits erwähnte Lehrer Dung-Ju zählt zu den Personen, die permanent die Grenze von Wan-Duks kleiner Welt überschreiten. Der Lehrer schafft es mit einer Mischung aus Beharrlichkeit und grobschlächtiger Ausdrucksweise – Schwachkopf ist seine normale Bezeichnung für Wan-Duk –, seinen Schüler aus der Passivität zu triezen. Wan-Duk ist von ihm, der auch noch sein direkter Nachbar ist, dermaßen genervt, dass er ganz im Sinne des koreanischen Humors für den Tod des Lehrers betet. Wan-Duk selbst ist nicht gläubig und betritt nur die Kirche, weil sein Lehrer dort hingeht. Die auf seine regelmäßigen Besuche folgenden Ereignisse rütteln an Wan-Duks Passivität.

Der Rhythmus ins Leben

So ist es ein Mitglied der Kirche, welches ihm das Kickboxen zeigt und er realisiert, dass der Rhythmus, der Vater und Onkel beim Tanzen im Blut zu liegen scheint, auch ihm innewohnt. Eins Zwei. Eins Zwei Drei sind nicht nur die Reihenfolge von Tanzschritten, sondern auch die Bewegungsabläufe beim Kickboxen. Wan-Duk lernt Kontrolle, sowie innere Ruhe und dass Fäuste zu mehr da sein können, als seine Gefühle auszudrücken. Er beginnt mehr und mehr sich selbst, eine Balance in seinem Leben und auch ein Ziel für sich zu finden, aus dem er Kraft schöpfen kann. Diese Veränderungen führen dazu, dass er in der Lage ist, eine Beziehung zu seiner plötzlich wiederauftauchenden Mutter aufzubauen, mit seinem Vater über die gemeinsamen Probleme zu sprechen und auch eine zarte, wenngleich eigensinnige Liebesbeziehung einzugehen. In seinem sich neugestaltenden Leben muss Wan-Duk schließlich feststellen, dass sein Lehrer trotz rauer Schale einen überraschend gutherzigen Kern hat.

Die Autorin Kim Ryeo-Ryeong zeichnet mit Eins Zwei. Eins Zwei Drei einen Jugendroman, in dem sie ihrer eigenen unsicheren Jugend mit ihren manchmal widersprüchlichen Emotionen einen Raum gibt. Dabei zeigt sie, wie bedeutsam es ist, etwas zu haben, für das es sich lohnt morgens aufzustehen – einen Rhythmus oder ein Ikigai, wie es der Japaner nennt – und dass dieses auch auf unorthodoxe Weise gefunden werden kann. Gleichzeitig schafft sie es, einen tiefen Einblick in die koreanische Gesellschaft zu geben sowie dabei einen kritischen Blick auf den Umgang mit Ausländern zu werfen. Und sie zeigt die Wichtigkeit auf, seine Gefühle und Emotionen mit anderen zu kommunizieren.

Kim Ryeo-Ryeong: Eins Zwei. Eins Zwei Drei. Aus dem Koreanischen übersetzt von Hyuk-Sook Kim und Manfred Stelzer
Baobab Books, 206 Seiten
Preis: 18,– Euro
ISBN: 978-3-905804-98-0

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