In der lesBar mit SIGNA und dem deutschen Spätburgunder

Wald

Ein Kommunikationsproblem, ein Aufhänger, eine inflationäre Inflation, eine begriffliche Unschärfe, ein wissenschaftlicher Kommentar, eine künstlerische Regionalität, eine Entspannungsmaßnahme mit tödlichem Ausgang, ein Wald, ein flüssiger Rechercheauftrag und ein Ende des Klischees. Herzlich willkommen zum Theaterabend in der lesBar!

von NICK PULINA

Kennen Sie diese Situationen, in denen Sie Ihren Gesprächspartner:innen unbedingt von einem Ihrer Erlebnisse erzählen wollen, sich aber keine passende Gelegenheit bietet? Wie wollen Sie auch die Überleitung schaffen, wenn es Ihren Freund:innen hauptsächlich um den inflationären Haustierverbrauch der Nachbarsfamilie, die inflationär steigenden Preise und den inflationären Gebrauch des Wortes ‚Inflation‘ geht? So geht es mir seit ein paar Monaten mit Ihnen!

Also nicht mit Ihnen persönlich, sondern vielmehr mit dieser Kolumne. Mir brennt ein Erlebnis unter den noch immer mit Waldboden veredelten Fingernägeln, das ich seit November mit mir herumtrage und nun, Theatertreffen sei Dank, endlich mit Ihnen teilen kann! Lehnen Sie sich zurück, es wird besinnlich!

Ein noch inflationärer als ‚Inflation‘ gebrauchtes Wort ist ‚Immersion‘ – zumindest in der Artsy-Fartsy-Kulturbubble. Alles ist immersiv. Das neue 8K-Soundsystem im Kino, die multimediale Bratwurstreklame am Büdchen um die Ecke, das freche Mitmachtheater der Laienspielgruppe Bottrop-Boy. Erlauben Sie mir in aller Bescheidenheit einen kurzen fachlichen Kommentar dazu: Nein.

Mit dieser wissenschaftlichen Einschätzung als Ausgangshypothese sei gesagt: Immersion ist wie Nachhaltigkeit – steht überall drauf, ist nur in den seltensten Fällen wirklich drin, und je größer es auf dem Etikett prangt, desto misstrauischer sollten Sie werden. Ökologisch verträglich produzierenden Unternehmen und ihren Fans genügen oftmals kleine Siegel zur Deklaration der Arbeitsweise. Da braucht es keine PR-Agentur, die in tagelanger Marketinganalyse den bahnbrechenden, revolutionären, ja gar weltenvereinenden Slogan entwickelt: „Aus deiner Region…“ – sorry, Rewe!

Was der Landwirtschaft ihr Bio- oder (streitbares, weil verschwurbeltes) Demeter-Siegel ist, ist dem Theater sein… ja, was eigentlich? Im Gegensatz zum Lebensmittelmarkt gibt es in der Kunst keine stichhaltig geregelten Klassifikationen, Sie müssen Ihre Pappenheimer eben kennen. Meine gewagte Grundannahme: Immersion gibt es nur im Theater und in Videospielen. Proof me wrong!

Eine sichere Bank in Sachen erstklassigen immersiven Theaters im deutschsprachigen Raum bietet das dänisch-österreichische Performance-Duo SIGNA. Ihre groß angelegten „Performance-Installations“ (Selbstbezeichnung) ermöglichen das Eintauchen (#etymologie) in eine für den Zeitraum der Vorstellung real werdende Welt, aus der es kein Entkommen zu geben scheint. Denn das ist Immersion wirklich: Eine künstlich erschaffene Welt für einen gewissen Zeitraum als die eine wahre Wirklichkeit zu empfinden. 

Dieses Mal wird nicht der Horror vor der deutschen Bürokratie („Die Hundsprozesse“) oder der Alltag in einem Obdachlosenasyl („Das halbe Leid“) für mich zur Realität, sondern die Suche nach einem Ausweg aus dem ewigen Stress der Zivilisation. Grundtenor der mit fünfeinhalb Stunden vergleichsweise kurzen Produktion ist der allgegenwärtige Wunsch nach dem, was der Titel verspricht: „Die Ruhe“. 

Wir knapp 30 Externen durchlaufen ein Kursprogramm, das uns den ersten Schritt zur Ruhe ermöglichen soll, die wo zu finden ist? Natürlich im Wald, dem spätestens seit Webers Freischütz romantisiertesten Zufluchtsort der Deutschen. 

SIGNA Die Ruhe Simon Steinhorst Bär
Foto: Erich Goldmann

Unsere bereits länger auf ihrer Reise befindlichen Mentor:innen beschreiben den vorgezeichneten Weg der Waldgläubigen: Wer sich bereit fühlt, geht mit einer weiteren Person in eine Hütte tief im Wald, in die jede:r drei persönliche Gegenstände mitnehmen muss. Verpflegung bekommen sie noch von extern. In dieser Hütte wird nun allerdings die letzte Phase des Menschseins durchlebt, bevor endgültig die humanisierenden Gegenstände zurückgelassen werden und sich jede:r für sich auf ewig mit dem Wald vereint.

Ich weiß nicht, wie es ihnen geht, aber ich habe seit langem keine so friedvolle Metapher für institutionell herbeigeführte Selbsttötung gehört wie diese! Hinter den Waldgläubigen steht, Grundmotiv bei SIGNA, ein sektenartig agierendes Hierarchie-Geflecht aus Psychiater:innen, Ärzt:innen und gewaltbereiten Aufseher:innen. Ob sie ihre eigenen Geschichten glauben, bleibt fraglich, ihre Schäfchen – in diesem Kontext doch eher Rehlein und Dächschen – hängen ihnen an den Lippen und sind von Weltschmerz und Zivilisationsmüdigkeit so ausgelaugt, dass sie es nicht durchschauen (wollen). Und so geht es auch uns Besucher:innen.

Eine grundsätzliche Stärke des immersiven Theaters ist es, allen Zuschauer:innen ein individuelles Kunsterlebnis zu schaffen. Wer mit Begleitung eine SIGNA-Vorstellung besucht, braucht sich nicht einzubilden, danach entspannt bei einem Glas Wein über das gemeinsame Erlebnis zu sprechen. Es kann passieren, dass Sie glauben, in unterschiedlichen Theaterstücken gewesen zu sein! 

SIGNA Die Ruhe Mareike Wenzel
Foto: Erich Goldmann

So hängt auch in „Die Ruhe“ das gesamte Rezeptionserleben von einigen Faktoren ab: Welche:n Mentor:in bekomme ich zugeteilt? In welcher Reihenfolge durchlaufe ich die Kurse? Welche Möglichkeiten zur Interaktion habe und nutze ich? Je nachdem, wie diese Faktoren stehen, kann es sein, dass die Perfidität des großen Ganzen erst sehr spät, vielleicht sogar gar nicht auffällt. Ich hatte einen entspannten Abend mit einer tollen Gruppe, einer wunderbaren Mentorin und ein paar Denkanstößen zur Entschleunigung des Lebens, meine Begleitung durchlief von Beginn an einen Parforceritt durch die menschenverachtende Mechanik der Institution. Deshalb mein Rat: Wenn Sie es schaffen, an Karten zu kommen, besuchen Sie mindestens zwei Vorstellungen!

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Nun, zum einen musste es langsam mal raus und zum anderen wurde SIGNA unlängst mit dieser Produktion zum berühmten Berliner Theatertreffen eingeladen. Diese Nachricht hat mich – obgleich ich sie äußerst gutheiße – etwas verwirrt. Vor fünf Jahren hatte SIGNA zuletzt in Hamburg zu einer Performance-Installation geladen, die in ihrer Gesamtanlage eine nahezu perfekte Immersion ermöglichte. Sie ging mehr als doppelt so lang wie „Die Ruhe“, beinhaltete ungleich mehr Freiheiten und Möglichkeiten zur eigenen Entfaltung. und wurde mit ein zwei lobenden Worten abgespeist. Sei’s drum. Ich danke den Damen und Herren der Jury für den Aufhänger.

Um eine SIGNA-Vorstellung ohne größere psychische Schäden zu überleben, gibt es allem voran einen Geheimtipp: Alkohol. Während der Vorstellung wurde mir von den Darsteller:innen häufiger Wodka als Wasser angeboten. Präziser gesagt: Nach Wasser musste ich aktiv fragen, Wodka wurde jederzeit gereicht. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte es natürlich einen Wein gegeben, und was passt besser zu einer tödlichen Performance im deutschen Wald als ein gereifter Spätburgunder?

Hier möchte ich Sie, ganz im Sinne der Immersion (für diesen frevelhaften Satz werde ich mir die Hände bügeln), dazu ermutigen, selbst aktiv zu werden und auf Entdeckungsreise zu gehen. Ich könnte Ihnen jetzt natürlich sagen, dass die Spätburgunder vom Weingut Bernhard Huber aus Baden oder vom Weingut Rudolf Fürst aus Franken sichere Go-Tos zum großen Genuss sind, aber Sie sollen ja selbst ran. 

Wein Rotwein Spätburgunder Pinot Noir
Foto: Unsplash

Gehen Sie in eine Weinhandlung oder vielleicht sogar einen gut sortierten (!) Supermarkt und schauen Sie dort, ob sie etwas aus dem Jahrgang 2015 oder älter finden. Unlängst stand ich im Edeka vor einer unverschämt günstigen Flasche 2011er Spätburgunder „M“ von Markus Schneider. Damit wäre schon für unter 20 Euro alles gesagt, was ich Ihnen weintechnisch auf den Weg geben will: Wald, Unterholz, Blut und ein Ende des „Deutscher Rotwein schmeckt immer so lasch.“-Klischees. 

Auf dass die Ruhe Sie nicht fängt und Sie den Weg aus dem Wald immer finden mögen!

Cheers

Ihr

Nick Pulina

PS: Sollten Sie mehr über mein SIGNA-Erlebnis wissen wollen, lesen Sie hier weiter.

PPS: Im April berichte ich von Punchdrunks neuer Produktion – den britischen König:innen des immersiven Theaters.

PPPS: Sollten Sie sich über diese Theaterform austauschen wollen, schreiben Sie mir unter @culinanick bei Instagram.

Ein Gedanke zu „In der lesBar mit SIGNA und dem deutschen Spätburgunder

  1. Pingback: In der lesBar mit Punchdrunk und sonst nichts | literaturundfeuilleton

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