Darwins böser Cousin

H. G. Wells: Die Insel des Dr. Moreau; Cover: Anaconda Verlag

Am 16. Februar vor 200 Jahren wurde der britische Naturforscher und Schriftsteller Francis Galton geboren. Doch dies ist kein Anlass zum Feiern, sondern des Gedenkens an die Opfer derer, die einer fortschrittsgläubigen und moralisch zunehmend enthemmten Wissenschaft zum Opfer fielen. Durch einen literarischen Zeitgenossen Galtons möchte ich Ihnen vor Augen führen, welche Risiken in der Vererbungslehre und der darauf fußenden Eugenik bereits damals erkannt wurden.

von THOMAS STÖCK

Ein Porträt ist für unsere Redaktion im Regelfall ein schöner Anlass, das Werk eines mehr oder minder bekannten Autors aus dem Bücherregal hervorzukramen und freudig über die schönen Stunden zu sprechen, die wir während des Lesens hatten. Unser heutiges Porträt hingegen ist ein Mahnmal, welches die Risiken einer Wissenschaft aufzeigt, die sich an keine moralischen Prinzipien hält. Charles Darwins großes Verdienst ist es bis heute, die Evolution theoretisch begründet und an die Stelle des bis dato vorherrschenden Kreationismus gesetzt zu haben. Durch diesen Meilenstein konnte das religiöse Dogma des Schöpfungsmythos durchbrochen werden. Ein historischer Schritt also, der jedoch auch seine Schattenseiten mit sich brachte: Denn durch die Evolutionstheorie wurden zahlreiche Naturforscher auf die Idee gebracht, Darwins Erkenntnisse auf menschliche „Rassen“ zu übertragen. Der Sozialdarwinismus ward geboren. Mit seiner Hilfe gelang es weißen Pseudowissenschaftlern, sich über alle anderen Ethnien hinweg zu etwas Besserem zu erklären. Die Weißen hätten schlichtweg auf dem Wege der natürlichen Selektion am besten abgeschnitten und ihnen sei im Kampf ums Dasein die Herrschaft über ihnen unterlegene Rassen auferlegt.

Aus heutiger Sicht ist es schwer zu begreifen, wie sich diese Pseudowissenschaften – oder sind es nicht vielmehr Ideologien? – durchsetzen konnten, obwohl ihnen bereits damals weitreichende Kenntnisse entgegengestellt wurden. Doch populistische Behauptungen wie etwa die Cesare Lombrosos, Verbrecher bereits an den Gesichtszügen erkennen zu können (dieser Forschungszweig nannte sich Physiognomie), sorgten nicht nur für Aufsehen, sondern wurden von einem nicht zu unterschätzenden Teil der Bevölkerung für wahr gehalten. Auch Francis Galton reiht sich in diesen Club der bösen Denker ein, er gilt als geistiger Vorvater der Eugenik. Ziel der Eugeniklehre ist es, den Genpool entweder von als schädlich empfundenen Existenzen zu befreien (negative Eugenik) oder ihn durch die Vermehrung positiver Erbanlagen zu bereichern (positive Eugenik). Ausgerechnet Galtons Cousin Charles Darwin brachte Erstgenannten mit der Publikation von Origin of Species (dt.: Entstehung der Arten) auf die Beschäftigung mit der Vererbungslehre. Galtons Forschung galt insbesondere der Vererbbarkeit von genialen Fähigkeiten und Eigenschaften, wie sein Schlüsselwerk Hereditary Genius (dt.: Vererbtes Genie) beweist.

Dystopische Science-Fiction

Einem Zeitgenossen von Francis Galton ist es gelungen, den Themenkomplex um Eugenik, moralisch verrückte Wissenschaft und Genies in einem Science-Fiction-Thriller prägnant und mit bitterböser Ironie literarisch zu behandeln. Sie kennen ihn sicherlich, wenngleich diese Erzählung nicht an sein bekanntestes Werk heranreicht: Es handelt sich um H. G. Wells, dessen Hörspielversion von Der Krieg der Welten bei der Erstausstrahlung im Radio 1938 Zuhörer in Angst und Schrecken versetzte. Doch hier soll es um ein anderes Werk von ihm gehen, nämlich um The Island of Doctor Moreau (dt.: Die Insel des Dr. Moreau). In ähnlicher Manier wie Robinson Crusoe gelangt der Ich-Erzähler Edward Prendick auf eine einsame Insel. Doch ihn erwartet nicht ein „Wilder“, sondern er begegnet gleich zwei britischen Forschern, die im Schutze der Einsamkeit ihre Studien voranbringen. Von Bedeutung ist hier der titelgebende Dr. Moreau. Für seine Tierexperimente wurde ihm in seiner englischen Heimat bereits untersagt, seine Forschungen jemals fortzuführen. Denn der Leser entdeckt – sehr zum Leidwesen von Prendick, der die gleichen schrecklichen Erfahrungen machen muss –, dass Dr. Moreau Tiere per operativem Eingriff zu Menschen umoperieren möchte. Dr. Moreau versucht, selbst einen Evolutionsprozess in Gang zu setzen und so neue menschliche Hybridwesen zu erschaffen. Es handelt sich hierbei also um ein eugenisches Experiment. Doch Dr. Moreaus Experimente wollen ihm nie so recht gelingen und so überlässt er die tierischen Hybridwesen nach den chirurgischen Eingriffen sich selbst. Besonders stört sich der verrückte Wissenschaftler am Leiden der Tiere, das er ihnen einfach nicht austreiben kann. Als Prendick einem operativen Eingriff beiwohnt, ist es jedoch gerade dieses Leiden, das ihn die Tiere mit Menschen verwechseln lässt. Zunächst glaubt Prendick, Dr. Moreau wolle Menschen zu Tieren umoperieren, also eine Art negative Eugenik vornehmen.

Wahnsinnig und für wahnsinnig befunden

Die Figur des verrückten Wissenschaftlers ist uns heute hinlänglich als Antagonist aus populärkulturellen Welten bekannt, sei es bei James Bond, in Kinderserien oder in Computerspielen. Überall gibt es ihn, mal hat er zerzauste Haare, mal hat er eine Katze auf dem Schoß, immer jedoch bedroht er die Grundfesten des menschlichen Zusammenseins. Seine Ursprünge hat der verrückte Wissenschaftler in der Literatur, die sich die Frage stellt, welche moralischen Grenzen der Wissenschaft aufzubieten sind. Denn der verrückte Wissenschaftler ist stets auch eine geniale Figur, dessen Wissen nicht nur enormen Fortschritt verspricht, sondern für uns Normalsterbliche auch nur schwer nachzuvollziehen ist. Denn wie genau will man aus Tieren Menschen machen? Genialität, das ist, wenn man etwas zu tun imstande ist, was ein Großteil der Menschen schlichtweg nicht begreifen kann. Literarische Genies sind den Eugenikern suspekt, weil sie mit Eigenschaften assoziiert werden, die sie schwächlich erscheinen lassen. Sie sind melancholisch, Einzelgänger, von schwacher körperlicher Konstitution. Das Genie wird von Galton und anderen Denkern medikalisiert – Genies werden zu Geisteskranken erklärt. Wünschenswert hingegen sei ein geistiger Durchschnittsmensch, der jedoch durch seine starke Physis sich evolutionär durchzusetzen weiß. Survival of the fittest sozusagen. Der Übermensch, wie er auch bei Nietzsche vorkommt und durch den Nationalsozialismus vereinnahmt wird, setzt sich nicht aufgrund seiner Intelligenz durch.

Wells’ Antwort auf diese Anklagen ist die ironische Wendung, dass die Eigenschaften des vermeintlich Kranken nicht den Erzähler (also Kunstschaffenden) Prendick betreffen, sondern seinen Gegenpart. Dr. Moreau lebt in der Einsamkeit der Insel, er ist aus der britischen Forschungsgemeinschaft ausgestoßen und alt ist er obendrein. Dr. Moreau ist offensichtlich wahnsinnig, wenn man diesen Wahnsinn als nicht der sozialen Norm entsprechend begreift, wie dies Wells’ und Galtons Zeitgenossen taten. Doch Prendick wird für wahnsinnig gehalten, weil er erzählt, was ihm widerfahren ist.

Der Wahnsinn der Eugenik

Wells’ Gedankenexperiment und Galtons pseudowissenschaftliche Beiträge erfuhren in der nationalsozialistischen Rassenlehre eine neue Aktualität. Massensterilisierungen und Euthanasie, die Eliminierung von „rasseschädlichen Elementen“ wie Juden, Sinti und Roma oder auch Kommunisten und Sozialisten sind der traurige Höhepunkt einer jegliche Moral entbehrenden Wissenschaft. Und auch den wahnsinnigen Wissenschaftler entdeckt man in diesen Zeiten wieder: Josef Mengele ist das ikonische Beispiel eines Arztes, der den wahnsinnigen Lehren der Eugeniker folgt und Menschenleben auslöscht. Doch nicht nur in Nazideutschland und den okkupierten Gebieten werden eugenische Maßnahmen vorgenommen, auch in Japan, in den USA, in Kanada, Großbritannien, den skandinavischen Ländern, in der Schweiz und in der Sowjetunion wurden Menschen zwangssterilisiert. In den USA wurde die letzte Zwangssterilisation 2002 durchgeführt. In Singapur versuchte man sich an einem Ansatz positiver Eugenik, durch den die Bevölkerung intelligenter gemacht werden sollte. In China hingegen werden bis heute Träger von Erbkrankheiten sterilisiert, wenn diese heiraten wollen. Dr. Moreaus und Galtons Lehren – es gibt sie leider auch heute noch.

H. G. Wells: Die Insel des Dr. Moreau. Übersetzung von Felix Paul Greve
Anaconda Verlag, 192 Seiten
Preis: 3,95 Euro
ISBN: 978-3-730609029

Ein Gedanke zu „Darwins böser Cousin

  1. Pingback: Mama, ich begrabe dich | literaturundfeuilleton

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s